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100 neue Lehrer fürs zweite Halbjahr

Die Situation an Ostsachsens Schulen bleibt trotzdem prekär. Denn die gute Nachricht ist nur die halbe Wahrheit.

© Norbert Millauer

Von Jana Ulbrich

Wenn das nicht mal eine gute Nachricht ist: Die Bautzener Bildungsagentur kann in den Schulen der Kreise Bautzen und Görlitz 101 neue Lehrer einstellen. Und zwar nicht irgendwann, sondern schon ab der kommenden Woche. Damit, so heißt es in einer Pressemitteilung aus der Schulbehörde, könne „den gestiegenen Schülerzahlen und den Erfordernissen des sich vollziehenden Generationswechsels Rechnung getragen werden“. So weit. Aber auch so gut?

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Cathrin Schaad kann sich da nur ein müdes Lächeln abringen. „Die gute Nachricht ist eigentlich gar keine“, weiß die Förderschullehrerin aus Bautzen, die auch stellvertretende Vorsitzende des ostsächsischen Kreisverbands der Lehrer-Gewerkschaft GEW ist. Als Personalratsmitglied hat Cathrin Schaad Einblick in die tatsächlichen Zahlen. Und die machen ihr Angst, sagt die 53-Jährige.

Von den 101 angeblich neu einzustellenden Lehrern ist nach Personalratsangaben mehr als ein Viertel bereits da. Es handelt sich um 27 Kollegen, deren befristete Arbeitsverträge jetzt nur entfristet werden, erklärt Cathrin Schaad. Zugleich werden im Laufe des Schuljahres 75 Lehrkräfte aus dem aktiven Schuldienst ausscheiden und in den wohlverdienten Ruhestand gehen. „Trotz der Neueinstellungen werden es am Ende also nicht mehr Kollegen an den Schulen sein“, sagt Cathrin Schaad.

Doppelt so viele Langzeitkranke

Nicht mitgerechnet im Stellenplan sind die Ausfälle von Kollegen, die sich zeitweilig in den Mutterschutz oder in die Elternzeit verabschieden, nicht mitgerechnet ist ein Ersatz im Krankheitsfall. Der Krankenstand an den Schulen ist hoch. Besonders hoch ist der Anteil der langzeiterkrankten Kollegen. In den Schulen der Kreise Bautzen und Görlitz hat er sich laut GEW in den letzten acht Jahren mehr als verdoppelt und liegt bereits bei über acht Prozent.

„Viele Kollegen fühlen sich überlastet und am Ende ihrer Kräfte“, sagt Cathrin Schaad. Beschwerden darüber würden sich bei der Gewerkschaft in letzter Zeit massiv häufen, sagt sie, auch deswegen, weil es für die älteren Kollegen keine Möglichkeiten gibt, unter angemessenen Bedingungen kürzer treten zu können.

Ein großes Problem sieht man bei der Lehrer-Gewerkschaft auch in der hohen Zahl von Abordnungen. „Es gibt Kollegen, die an vier verschiedenen Schulen unterrichten“, sagt Jörg Tauscher. Der Grundschullehrer aus Radeberg ist ebenfalls Mitglied im GEW-Kreisvorstand. An manchen Schulen ist ein Drittel der Kollegen von anderswo abgeordnet und steht nur stunden- oder tageweise zur Verfügung, weiß Tauscher. „Unter solchen Bedingungen einen Stundenplan zu bauen, das ist schon eine Leistung“, sagt der 48-Jährige.

Eine Grippe bekommen oder anderweitig krank werden darf ohnehin keiner der Lehrer. „Für den normalen Krankheitsfall gibt es inzwischen keinerlei Ersatz mehr“, sagt Jörg Tauscher.

100 000 Ausfallstunden

Laut offizieller Statistik des Kultusministeriums sind im Schuljahr 2014/15 allein in den Kreisen Bautzen und Görlitz weit über 100 000 Unterrichtsstunden ersatzlos ausgefallen – rund 20 000 mehr als im Schuljahr davor. Noch einmal so hoch ist die Zahl der Stunden, die anderweitig vertreten werden, in denen die Schüler Aufgaben zur Selbstbeschäftigung bekommen oder ein Lehrer zwei Klassen gleichzeitig betreut. Für das erste Halbjahr dieses Schuljahres gibt es noch keine offiziellen Zahlen. Mit einer Einschätzung der Situation hält man sich bei der Bildungsagentur zurück. Abgesehen von unvorhersehbaren Krankheitsfällen gebe es an keiner Schule größere personelle Probleme über das normale Maß hinaus, sagt Bildungsagentur-Sprecherin Angela Ruscher.

Man müsse es den Mitarbeitern der Bildungsagentur hoch anrechnen, wie sehr sie sich um Ersatz für längerfristige Ausfälle bemühen, sagt Cathrin Schaad. So würden Lehrer stundenweise aus dem Ruhestand zurückgeholt oder sogar Lehramtsabsolventen eingesetzt, die noch auf einen Referendariatsplatz warten. „Das sind aber alles keine Lösungen“, sagt Cathrin Schaad. Das will die 53-Jährige auch der Kultusministerin sagen, wenn sie am Montagabend zum „Bürgerdialog“ in den Regionalbereich Ostsachsen kommt. Mit Lehrern und Eltern aus der Region will Brunhild Kurth über das neue Schulgesetz diskutieren. Cathrin Schaad hat da so ihre Bedenken: „Solange die Personalsituation weiter derart angespannt ist, brauchen wir über Inklusion und den Erhalt von Schulstandorten auf dem Lande gar nicht zu diskutieren.“

Bürgerdialog mit Kultusministerin Brunhild Kurth zum neuen Schulgesetz am Montag, dem 1. Februar, 18 Uhr, im Schiller-Gymnasium Bautzen, Schilleranlagen 2.