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Versteckt statt vergewaltigt

Die Empörung über die Berliner Polizei war groß. Die Vergewaltigung einer 13-Jährigen werde vertuscht, behaupteten Russlanddeutsche, Extremisten und der russische Außenminister. Nun stellte sich heraus: Das Mädchen war nur abgehauen.

© dpa

Andreas Rabenstein

Berlin. Es begann mit Schulproblemen einer pubertierenden 13-Jährigen und endete mit einem Telefongespräch zwischen den Außenministern zweier Großmächte. Dazwischen lag viel Internet-Hysterie und Ausländerfeindlichkeit. Am Freitag klärte sich der Fall einer angeblich entführten und vergewaltigten 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin endgültig. Das Mädchen hatte Schulprobleme - und Angst, bei den Eltern aufzutauchen. Sie Schülerin versteckte sich am 11. und in der Nacht zum 12. Januar bei einem Bekannten. Von einer Entführung und Vergewaltigung durch eine Gruppe südländisch aussehender Männer, wie sie es ihrer Familie in Marzahn-Hellersdorf danach erzählte, keine Spur.

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Aufregung, Demonstrationen von Russlanddeutschen gegen Flüchtlinge und Vorwürfe gegen Polizei, Staatsanwaltschaft und den deutschen Staat wegen angeblicher Vertuschung zugunsten der Einwanderer - alles beruhte auf dem Schwindel eines Kindes. Das Geschehen zeigte aber auch, ähnlich wie im Fall des erfundenen toten Flüchtlings vom Lageso, wie schnell die Netzwerke im Internet zur Bildung von Gerüchten, Hass und Propaganda beitragen.

Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, schilderte am Freitag die Ermittlungsergebnisse. Die Polizei habe Daten auf einem kaputten Handy des Mädchens wiederhergestellt. So stieß sie auf einen jungen Mann, dessen Wohnung dann durchsucht wurde. Dort fanden die Polizisten Sachen des Mädchens, darunter ihre Geldbörse und ihre Schulsachen, wie „Spiegel Online“ schrieb.

Bei einer Befragung habe der Mann zugegeben, dass die 13-Jährige in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar bei ihm war, sagte Steltner. Es gebe aber keine Hinweise auf eine Sexualstraftat oder einen sexuellen Kontakt zwischen beiden. Gegen den Mann werde nicht ermittelt, er sei nur ein Zeuge. Das Mädchen selber sage weiterhin kaum Verwertbares. Der Grund für ihr Verschwinden seien „schulische Probleme“, so Steltner. „Sie wollte weg und hat bei ihm Unterschlupf gesucht.“

Die ausgedachte Geschichte von der Entführung und Vergewaltigung hatte die Polizei schnell zurückgewiesen. Weder die Befragungen des Mädchens noch eine medizinische Untersuchung in den Tagen nach dem 12. Januar ergaben etwas in dieser Richtung. Stattdessen präsentierte das Mädchen vier verschiedene Versionen für die Zeit ihres Verschwindens.

Die Polizei sagte in den ersten Tagen aus Gründen des Opferschutzes fast nichts zu den Aussagen. Stattdessen verbreitete sich die Vergewaltigungsgeschichte erst im Bezirk, dann in Berlin und schließlich in der russischstämmigen Community in Deutschland. Die rechtsextreme NPD nutzte das Thema, russische Medien heizten die Stimmung an. Der wiederholte Vorwurf: Die deutsche Polizei unterdrücke die Wahrheit, um Ausländer zu schützen.

Schließlich mischte sich der russische Außenminister Sergej Lawrow ein. Nach „allen Regeln der zivilisierten Welt“ hätte Russland rechtzeitig über den Zwischenfall informiert werden müssen, sagte er in Moskau. Erste Hinweise habe man nicht von deutschen Behörden, sondern von der „russischsprachigen Gemeinde“ in Deutschland erhalten. „Genau deshalb ist diese Situation entstanden.“

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erwiderte, es gebe keine Rechtfertigung, den Fall für „politische Propaganda“ zu nutzen, um damit die ohnehin schwierige Migrationsdebatte in Deutschland anzuheizen. Nach Behördenangaben hat das Mädchen auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Am Freitagvormittag legte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa nach. Russland habe reagiert auf das „Fehlen einer transparenten Position und auf Versuche, alles zu verschleiern und so zu tun, als sei nichts passiert“, sagte Sacharowa der Agentur Interfax zufolge. Am Freitagnachmittag telefonierten Steinmeier und Lawrow miteinander. Themen des „Gesprächs auf Initiative der deutschen Seite“ seien unter anderem „aktuelle Aspekte der russisch-deutschen Beziehungen“ gewesen, hieß es in Moskau. Mehr wollten beide Seiten dazu nicht sagen.

Auf der diplomatischen Ebene ist der Fall wohl erledigt, für das Mädchen und ihre Familie noch nicht. Die Polizei ermittelt weiterhin gegen zwei junge Männer wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie sollen in den Monaten vor dem Verschwinden der 13-Jährigen sexuelle Kontakte zu ihr gehabt haben. Obwohl das Mädchen nach Angaben der Staatsanwaltschaft freiwillig mitmachte, hätten sich die Männer wegen ihres Alters strafbar gemacht.

Ob die vielen Russlanddeutschen durch die neuen Ergebnisse beruhigt werden, steht noch dahin. Eine erneute Demonstration war für diesen Samstag zumindest nicht angemeldet. (dpa)