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1.400 Kilometer zu Fuß ins Gefängnis

Das oberste französische Gericht hat entschieden: Milliardenzocker Jérome Kerviel soll seine Strafe absitzen. Doch der muss erst einmal ankommen.

© Reuters

Von Birgit Holzer, Paris

Jérome Kerviel ist zurzeit unterwegs, irgendwo zwischen Norditalien und Paris. Auch gestern, als das oberste französische Gericht sein Urteil fällte, das Kerviels letzte Chance hätte sein können, die monströse Strafe noch von ihm abzuwenden. Wie gesagt: hätte sein können. Denn das Gericht wies den Revisionsantrag Kerviels gegen den bereits ergangenen Schuldspruch ab. Das Urteil gilt: fünf Jahre Haft, davon zwei auf Bewährung, wegen Vertrauensmissbrauchs, Einbruchs in ein Informationssystem, Fälschung und Benutzung von Fälschungen – und eine Schadensersatz-Zahlung von 4,9 Milliarden Euro an seinen früheren Arbeitgeber, die Société Générale.

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...ein Zockerleben und demnächst das Büßerdasein.
...ein Zockerleben und demnächst das Büßerdasein. © dpa

So hoch war der Verlust durch seine unerlaubten Spekulationen, die die französische Großbank Anfang 2009 an den Rand des Ruins brachten. Kurz nach Ausbruch der Finanzkrise war Kerviel, der „Skandal-Zocker“, in den Augen der Öffentlichkeit zur Verkörperung der Exzesse in der Finanzbranche geworden: Ohne Genehmigung hatte er Handelspositionen im Wert von bis zu 49 Milliarden Euro eingesetzt. Seinen Fans gilt der aus einfachen Verhältnissen stammende Ex-Trader als Opfer eines pervertierten Systems. Als kleiner Sündenbock für so große Fehler, dass er sie gar nicht eigenmächtig begangen haben kann. So argumentiert er in seiner Verteidigung und gegenüber den Medien, die er stets für sich einnehmen wollte, mit Interviews und einem Buch über das „Räderwerk“, in dem er steckte. Und nun mit einem umgekehrten Pilgermarsch von Rom nach Paris „gegen die Tyrannei der Märkte“, als geläuterter Christ.

Mitte Februar war es dem 37-Jährigen gelungen, gemeinsam mit seinem Anwalt bei einer Generalaudienz von Papst Franziskus einige Worte mit diesem zu wechseln und sich dabei fotografieren zu lassen. Seither marschiert er nach Paris, seinem Urteil entgegen. Das sei ein Mittel der Selbstbefreiung. „Seit sechs Jahren habe ich kein Leben mehr, und jetzt entdecke ich es neu“, sagt der junge Mann mit dem verschlossenen Gesicht, der nun Vollbart trägt und Sportkleidung statt Anzügen. Seine eigene Realitätsferne und Mitverantwortung für den Riesen-Verlust der Société Générale hat Kerviel eingeräumt, der Mails fälschte, um Scheingeschäfte zu verschleiern. Aber er habe sich nie persönlich bereichert, gehörte nicht einmal zu den bestbezahlten Händlern. In seinem Buch beschreibt er das verrückte Klima in der Bank, wo ihn seine Vorgesetzten zu Wagnissen anfeuerten, solange sie fette Gewinne einbrachten. Auch einige Politiker unterstützen ihn, wie die ehemalige Untersuchungsrichterin und Präsidentschaftskandidatin der Grünen, Eva Joly: Die Richter hätten „allein Kerviel verurteilt, ohne die Affäre um die Société Générale dahinter zu sehen“. Staatsanwalt Yves Le Baut dagegen hatte erklärt, ein nachlässiges Opfer sei nicht zugleich ein einwilligendes Opfer. Im Zuge des Skandals mussten mehrere Topmanager gehen, wegen Kontrollmängel musste die Bank eine Geldbuße in Höhe von vier Millionen Euro zahlen. Für ihr Image ist es aber entscheidend, dass Kerviel die Alleinschuld zugesprochen und neben der Haftstrafe zur kompletten Erstattung der 4,91 Milliarden Euro verurteilt wird – obwohl sie 2010 vom Fiskus 1,7 Milliarden zurückbekam. So illusorisch es ist, dass er sie jemals zurückzahlen kann. (mit dpa)