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153 verlorene Leben

Im vergangenen Jahr starben bundesweit 153 Kinder durch Gewalt und Vernachlässigung, 4.000 wurden misshandelt. Experten fordern besser ausgestattete Jugendämter - doch auch Nachbarn und Lehrer sind in der Pflicht.

© dpa

Von Axel Hofmann

Berlin. Gewalt und Vernachlässigung hat im vergangenen Jahr 153 Kinder in Deutschland das Leben gekostet. Das geht aus einer Auswertung der Kriminalstatistik hervor, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag in Berlin präsentiert hat.

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Das umfangreiche Zahlenwerk weist auch 4.016 polizeilich registrierte Kindesmisshandlungen auf - ein Prozent mehr als im Jahr 2012. Gleichzeitig wurden 13.647 Kinder ein Opfer von sexuellem Missbrauch, was jedoch einem Rückgang um zwei Prozent entspricht. Die Zahl der getöteten Kinder sank um acht Prozent.

„Gewalt gegen Kinder ist trauriger Alltag“

BKA-Präsident Jörg Ziercke sieht aber keinen Grund zur Entwarnung: „Jeder einzelne Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie“, betonte Ziercke. Zudem sei die Dunkelziffer meist deutlich höher. Ein entsprechend ernüchtertes Fazit zog der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker: „Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland noch immer trauriger Alltag.“

Deshalb riefen Ziercke und Becker die Bevölkerung zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. „Wer wegsieht, macht sich mitschuldig an dem Leid der Kinder“, warnte der BKA-Chef. Becker warb für eine Kultur des Hinsehens und Tätigwerdens: „Jedes Zögern und jedes Wegsehen kann ein weiteres kindliches Opfer bedeuten.“ Michael Tsokos, Rechtsmediziner von der Berliner Charité, forderte darüber hinaus eine bessere Schulung von Ärzten, Lehrern und Betreuern: „Das ist keine Kernphysik, eine Misshandlung zu erkennen.“

Ein Jugendamts-Sachbearbeiter für bis zu 160 Fälle

Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann hält eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der überlasteten Jugendämter für notwendig. Derzeit müsse ein einziger Sacharbeiter mitunter 160 Problemfälle bearbeiten.

Auch Becker forderte eine „Generalüberholung“ des derzeitigen Systems: „Der Staat muss endlich aufhören, viel Geld gießkannenhaft in ein löchriges Kinder- und Jugendschutzsystem zu investieren, um nur notdürftig die gröbsten Löcher zu stopfen.“ Notwendig sei stattdessen ein engmaschiges Beratungssystem, das bereits in der frühesten Kindheit ansetzt.

Die Kleinsten sind an meisten bedroht

Tatsächlich sind die kleinsten Kinder den größten Bedrohungen ausgesetzt: Von den 153 Todesopfern hatten mehr als drei Viertel noch nicht einmal das sechste Lebensjahr erreicht. 84 von ihnen waren sogar höchstens zwei Jahre alt.

Die größte Gefahr kommt dabei oft aus der eigenen Familie: Bei der Hälfte der Todesfälle bestand nach Zierckes Worten zwischen Täter und Opfer ein Erziehungs- und Betreuungsverhältnis. „Diese Kinder wurden also in ihrem sozialen Nahraum getötet durch Personen, deren Aufgabe es gewesen wäre, für das Wohlbefinden und die Sicherheit dieser Kinder Sorge zu tragen.“

61 vorsätzliche Tötungen im Jahr 2013

87 Kinder starben, weil Eltern oder Angehörige ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hatten - etwa, indem sie das Kind verdursten ließen. 61 Kinder wurden vorsätzlich getötet, fünf starben laut Statistik an den Folgen einer schweren Körperverletzung.

Die Tendenz ist allerdings rückläufig: Die Zahl der getöteten Kinder sank im Vergleich zu 2004 sogar um 34 Prozent. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt dies in einem dpa-Interview auch mit einem massiven Wandel in der elterlichen Erziehung: „Die Zuwendung ist gestiegen und die Tendenz zum Schlagen deutlich gesunken.“ (dpa)