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2,5 Millionen Hektar neu verteilt

Vor 70 Jahren sorgte die Bodenreform in der Ostzone für einen tiefen historischen Einschnitt. 560 000 Menschen erhielten dadurch eigenes Land.

© SZ-Bildarchiv

Von Gudrun Janicke

Für Manfred Graf von Schwerin ist nach 70 Jahren das Thema nicht abgeschlossen. „Mit der Bodenreform geschehenes Unrecht darf nicht vergessen werden“, betont der 82-Jährige. Er ist Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Recht und Eigentum. Die Mitglieder kämpfen für die Aufarbeitung des damals Geschehenen – und für Wiedergutmachung im Interesse der Betroffenen und ihrer Erben. „Vertreibung und Enteignung waren Straftaten. Das muss immer wieder deutlich gemacht werden.“ So jedenfalls sieht es von Schwerin anlässlich des Gedenkens an das Ereignis vor 70 Jahren.

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Am 2. September 1945 wurde in der brandenburgischen Kleinstadt Kyritz nordwestlich von Berlin die Bodenreform proklamiert. Im Hotel „Schwarzer Adler“ verkündete der damalige Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Wilhelm Pieck, die Verordnung. Mit wenig zimperlichen Propagandaplakaten wurde die Zielrichtung vorgegeben: Ein hemdsärmliger Neubauer attackiert mit einem Spaten symbolisch Menschen, die als Junkerpack diffamiert werden. Auf einen Schlag verloren alle Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar ihren Landbesitz. Enteignet wurden ebenso Grund und Boden von Kriegsverbrechern und Nazi-Führern. Darunter waren auch vermeintliche Schlüsselfiguren des NS-Systems, wie SED-Geschichtsforscher Andreas Malycha sagte. Der Vater von Manfred Graf von Schwerin war ein überzeugter Nazi-Gegner und saß in Haft.

Der Familie gehörten etwa 800 Hektar bei Anklam in Mecklenburg-Vorpommern. Etwa 2,5 Millionen Hektar Felder und Agrarflächen wurden enteignet. Gut ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der sowjetischen Besatzungszone ging in andere Hände über. Etwa 560 000 Menschen – Neubauern und Landarme – erhielten je etwa 20 Hektar. In der Bahnhofskneipe sei die Kommission zusammengetreten, die alles aufteilen sollte, gibt die Bundeszentrale für politische Bildung die Erinnerungen eines Neubauern wieder. „Und die besten Stücke haben wir natürlich nicht bekommen“, berichtet der Mann. Die neuen Besitzer konnten auch nicht frei entscheiden, was angebaut wurde. Die Leistungen seien genau kontrolliert worden, sagt er. Die Neubauern hatten wenig Glück mit ihrem neuen Eigentum. Mitte der 1950er-Jahre begann die Zwangskollektivierung – und sie mussten ihr Land in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften einbringen.

„Nach der Wende wurden sie in Brandenburg erneut Opfer“, sagt von Schwerin. Das Land Brandenburg hatte sich in Grundbücher für diese Grundstücke eintragen lassen, weil die Besitzer vermeintlich nicht auffindbar waren. Seit 2010 werden nach einem Gerichtsurteil die rechtmäßigen Erben gesucht. Mittlerweile stellte das Finanzministerium bereits 7 500 Anträge auf Berichtigung der Grundbücher. „Die Bodenreform ist Geschichte, auch wenn sie heute als unrechtmäßig empfunden wird“, sagt der Fraktionschef der Grünen im Brandenburger Landtag, Axel Vogel. Eine Enquete-Kommission des Landtags hatte sich mit der Bodenreform und den Auswirkungen der Zwangskollektivierung beschäftigt.

In Plänitz (Ostprignitz-Ruppin) baut die Aktionsgemeinschaft heute ein Dokumentationszentrum mit Museum und Archiv auf. „Die Erinnerungen an das schreiende Unrecht müssen wachgehalten werden“, sagt von Schwerin, dessen Familie sich bis 22 Generationen zurückverfolgen lässt. Ihm selbst gehört wieder ein winziger Teil des alten Besitzes - den hat er jedoch zurückgekauft.

Zu DDR-Zeiten entstand in Kyritz bereits anlässlich des 25. Jahrestages der Bodenreform ein Denkmal. Die Aktionsgemeinschaft hat ein schwarzes Kreuz davor gesetzt und erinnert an die Opfer der Enteignung. Eine weitere Stele gedenkt der Opfer der Zwangskollektivierung. Von Schwerin will eines erreichen: Über dieses unsägliche Kapitel der Geschichte dürfe sich kein Mantel des Schweigens legen. (dpa)