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31 Jahre auf den Spuren Richard Wagners

Christian Mühne steuerte das Museum in Graupa durch manche Untiefen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

© Daniel Schäfer

Von Thomas Morgenroth

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Ein junger Mann mit weitgehend fehlendem Haupthaar und markantem Schnauzbart steht in kurzärmeligem weißen Hemd und gestreiftem Schlips neben einem Klavier. Eine Mappe in der Hand haltend, blickt er freundlich durch eine große schwarzumrandete Brille in die Kamera des Dresdner Fotografen Marian Günther. Das Schwarz-Weiß-Bild illustriert einen Beitrag in der sächsischen Tageszeitung „Die Union“, der unter der Überschrift „Museum mit eigenem Niveau“ in der Ausgabe vom 27. August 1987 erscheint. Im Bildtext ist vermerkt, wer hier zu sehen ist: „Ufrd. Dr. Christian Mühne“.

Die Abkürzung bedeutet „Unionsfreund“ und heißt nichts anderes, als dass Christian Mühne Mitglied der CDU ist. Wie jede andere Partei hat auch die CDU zu DDR-Zeiten in Sachsen eine eigene Zeitung, „Die Union“, die nach der Wende in den Dresdner Neuesten Nachrichten aufgeht. Vor einunddreißig Jahren begeben sich die Reporter in Vorbereitung des 16. Parteitages der Ost-CDU, der im Oktober im Dresdner Kulturpalast stattfindet, auf die Spuren von „Unionsfreunden im kulturellen Leben“ und sprechen mit Christian Mühne, dem neuen Direktor des Richard-Wagner-Museums in Graupa.

Am 12. Mai 1987 ist sein erster Arbeitstag, ein Dienstag, daran kann sich Mühne noch gut erinnern. Er übernimmt das Amt Knall auf Fall. Der damals 34-jährige Dresdner soll den in Ungnade entlassenen Musikwissenschaftler Dr. Jörg Heyne ersetzen. Der bisherige Direktor, der dem 1907 eröffneten Museum von 1982 an mit einer neuen Konzeption eine Frischekur verordnete, hatte einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik Deutschland gestellt. Als Leiter war er so nicht mehr tragbar. Die damals selbstständige Gemeinde Graupa suchte daher dringend einen Nachfolger.

Mit Christian Mühne kommt alles andere als ein Notnagel. Der Dresdner Musikwissenschaftler ist ein Fachmann, wenngleich kein Wagner-Spezialist, aber ein Kenner, der ehrenamtlich im Dresdner Musikleben aktiv ist und auch Kritiken für die Zeitung schreibt. Mühne hat an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Musik und Deutsch als Lehrfach studiert und im Rahmen eines Forschungsstudiums über Georg Philipp Telemanns weltliche Solokantaten promoviert. Das Lehrerdasein aber findet er nicht verlockend. „In meinem Berufsleben sollte die Musik eine zentrale Rolle spielen“, sagt Mühne.

Das hätte er in einer Schule, wo er vorgeschriebenen Lehrstoff vermitteln müsste, nicht gefunden. Zunächst versucht er es als Freiberufler in der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek, will dort Musik vorwiegend des 18. Jahrhunderts aufarbeiten, um sie öffentlich aufführen zu können. „Aber letztlich wäre ich Bibliothekar geworden“, sagt Mühne. Schließlich wird er Mitarbeiter für Kirchenfragen im Bezirksvorstand der CDU: „Das war ein durchaus interessantes Terrain, aber mit Musik hatte auch das nicht viel zu tun.“

Christian Mühne überlegt daher nicht lange, als ihm die Stelle in Graupa angetragen wird. Für ihn wird es eine Lebensstellung, die ihn gut 31 Jahre an den Ort bindet, in dem Richard Wagner 1846 seine Musik zur Oper „Lohengrin“ entwarf. Noch bis 19. November hat Mühne sein Büro im ehemaligen Schäferschen Gut, wo Wagner einst logierte, und das als „Lohengrinhaus“ mit zwei museal eingerichteten Wohnräumen den Geist des Meisters atmet.

Als Mühne 1987 nach Graupa kommt, beleben Vorträge und Konzerte das Museum. Mühne setzt die Veranstaltungsreihe mit renommierten Künstlern fort, die oft auf ihre Gagen verzichten. Musiker der Philharmonie und der Staatskapelle sind zu Gast in Graupa. Dazu Koryphäen wie im Opernfach die Kammersängerin Barbara Hoene, die Kammersänger Theo Adam, Peter Schreier und Olaf Bär, der Pianist Peter Rösel oder der Flötist Eckart Haupt. Sie alle treten im einstigen Stall des Hauses auf, der zum Kammermusiksaal wird.

„Da bewegte sich was“, sagt Mühne, der allerdings bald feststellen muss, dass seine erhoffte Forschungstätigkeit zu Wagner „auf Sparflamme kocht“. Was an der personellen Ausstattung liegt: Mit ihm selbst gibt es nur zwei Mitarbeiter im Haus, die sämtliche Öffnungszeiten abdecken, bis zu siebzehn Konzerte jährlich organisieren, die Flyer dafür austragen, die Plakate aushängen und sogar zum Pinsel greifen, um die Fenster im Museum zu streichen.

Immerhin schafft es Mühne, einige grundlegende Vorträge zu erarbeiten. Den ersten hält er 1991 über das Mozartbild Wagners. Dann spricht er zu „Tannhäuser“, zum 150. Jahrestag des Dresdner Maiaufstandes und beleuchtet das Verhältnis Mendelsohn und Wagner. 2011 richtet er mit dem Jenaer Ethik-Experten Stefan Lorenz Sorgner eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel „Wagner und das Motiv der Suche“ aus, die der amerikanische Professor James Birx finanziert. Sein jüngster und wohl bisher schwierigster Aufsatz heißt „30 Jahre Wagner – Wagnis oder Wahnsinn?“ Es ist Christian Mühnes Abschiedsvortrag, den er am Sonnabend hält.

Zu den Höhepunkten seiner beruflichen Tätigkeit zählt Mühne das Gastspiel der Dresdner Musikfestspiele, die 2003 mit Hartmut Haenchen in den Ort kommen und von Wagners Urenkelin Nike Wagner eröffnet werden: „So etwas hatte Graupa kulturell noch nie erlebt.“ Im Nachgang bringt er die Musik des Meisters sogar ins jährliche Ortsfest ein. „Wagner für Mutige“ heißt sein Angebot seit 2007. mit Laien ein Werk halbszenisch und pantomimisch aufzuführen, gekürzt auf 45 Minuten. Mit dem „Lohengrin“ hat Mühne begonnen. Nächstes Jahr, schon im Ruhestand, will er noch den „Parsifal“ als Zugabe inszenieren.

Christian Mühne hat alle Opern Wagners auf der Bühne gesehen. Den „Ring des Nibelungen“ sogar in der legendären Inszenierung von Harry Kupfer bei den Festspielen in Bayreuth, und das schon im August 1989. Als Stipendiat ist er Gast von Festspielleiter Wolfgang Wagner, der später auch nach Graupa kommt. „Richard Wagners Kunst ist grenzübergreifend und Grenzen sprengend“, sagt Mühne. Deshalb stellt keiner das Museum in Graupa infrage, als die DDR aufhört zu existieren.

Nur finanziell wird es eng. Die Rettung kommt mit der Eingemeindung Graupas nach Pirna 1999, gegen die sich die Gemeinde gerichtlich wehrt. Aber die Stadt verspricht nicht nur, sie investiert kräftig. Mühne zieht mit dem Museum für drei Jahre in die Alte Schule, währenddessen aus dem Lohengrinhaus und dem Jagdschloss die Richard-Wagner-Stätten werden. Im Zuge dieser Neuausrichtung wird Mühne wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nach einem Intermezzo von Sabine Saft übernimmt der Geschäftsführer der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna die Leitung der 2010 eröffneten Wagner-Stätten.

„Im Grunde bin ich froh darüber“, sagt Mühne, „dieser immensen Aufgabe wäre ich wohl nicht gewachsen gewesen.“ So aber kann er sich stärker den Inhalten und Wagner selbst widmen. Mühne koordiniert die Führungen, schult die Führungskräfte und führt selbst vor allem Schulklassen und Musikfachgruppen durch die Ausstellung. Er strukturiert zudem die Museumsbibliothek und arbeitet Neuzugänge ein. Mit Unterstützung der Leitenden Kustodin Katja Pinzer-Hennig, kuratiert er 2016 eine Ausstellung zur Wagner-Rezeption von Ernst von Schuch. Es ist die erste Sonderschau der Wagner-Stätten nach eigener Konzeption und in eigener Regie.

Die meisten Veranstaltungen, wie auch Mühnes Vortrag am Sonnabend, finden jetzt im Saal des Jagdschlosses statt und nicht mehr im Stall des Schäferschen Gutes. Dort aber steht Christian Mühne in diesen Tagen erneut vor der Kamera, diesmal für die Sächsische Zeitung. Schnauzbart, Schlips und Brille hat der 65-jährige Dresdner mittlerweile abgelegt – und die Mitgliedschaft in der CDU.

Vortrag von Christian Mühne am 3. November, 15 Uhr, im Jagdschloss Graupa, umrahmt vom Streichquartett der Staatsoperette Dresden, Eintritt 7, ermäßigt 4 Euro.