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40 Stunden Politik im ganzen Schülerleben

Bei der politischen Bildung in der Schule ist Pisa-Sieger Sachsen alles andere als Vorreiter. Das zeigt eine Studie.

© dpa

Von Carola Lauterbach

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Sachsen hat in der Schulbildung zu einseitig auf Sprachen und naturwissenschaftliche Kompetenzen gesetzt. Die Auswirkungen zeigen sich jetzt. Bereits nach den fremdenfeindlichen Exzessen von Heidenau im vergangenen Sommer hat der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, das in mehreren Interviews so formuliert. Zugleich beklagte er damals verfestigte organisierte rechtsextreme Strukturen in Sachsen, die so in vielen anderen vor allem westlichen Bundesländern nicht bestünden. Dafür wurde er aus den Reihen der sächsischen CDU heftig gescholten.

Nun ist es ausgerechnet die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), die nachweist, dass Pisa-Sieger Sachsen in Sachen politischer Bildung im schulischen Bereich alles andere als ein Vorreiter ist. Nachzulesen ist das in einer Faktensammlung aus dem Jahre 2014. Die KAS analysierte, wie viele Wochenunterrichtsstunden an Deutschlands Schulen im Fächerverbund „Gesellschaftswissenschaften“ gehalten werden. Dazu zählen neben politischer Bildung/Sozialkunde vor allem die Fächer Geschichte, Wirtschaft, Recht, Geografie.

Politiker in den Unterricht

Demnach sind es bei einem Hauptschüler im Verlauf seiner gesamten Schullaufbahn im Schnitt der Bundesländer 204 Unterrichtsstunden, bei einem Realschüler 201 und bei einem Gymnasiasten bis Klasse 10 in der Sekundarstufe  I 167 Stunden. In Sachsen allerdings kommt ein Hauptschüler laut KAS lediglich auf 40, ein Realschüler auf 80 und ein Gymnasiast auf 53 Unterrichtsstunden, was im jeweiligen Länderranking stets den letzten bzw. vorletzten Platz bedeutet. Unterrichtsausfall bleibt dabei unberücksichtigt, heißt es. Und zum Vergleich: Der Hauptschüler in Niedersachsen hat demnach in seiner Schullaufbahn mit 400 Unterrichtsstunden in schulischer politischer Bildung zehnmal so viel wie der Hauptschüler in Sachsen.

Wurde noch nach Heidenau die Angelegenheit weitgehend abgeblockt, haben die Ereignisse von Clausnitz und Bautzen am 19. und 20. Februar ein Umdenken befördert. Vier Tage danach reagierte das Kultusministerium mit einem Erlass zur Stärkung der politischen Bildung an Schulen. Demnach gehöre es zum „Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule, den Schülern politisches Verantwortungsbewusstsein, Achtung vor der Überzeigung des anderen und eine freiheitlich-demokratische Haltung zu vermitteln“.

Dazu könne beitragen, heißt es weiter, „wenn bei geeigneten Anlässen Abgeordnete oder andere Persönlichkeiten des politischen Lebens in den Unterricht mit einbezogen werden.“ Und am 4. März beschloss das Kabinett, dass das Unterrichtsfach Geschichte in Klasse 10 der Oberschulen wieder Pflichtfach werden soll.

Sachsens Schulen sind nicht mehr politikfreie Zonen, in die nur Regierungsmitglieder Zugang haben, reagierte die Linken-Bildungspolitikerin Cornelia Falken auf den Kultus-Erlass. Die Grünen würdigen, dass Geschichte nicht mehr abwählbar sein soll. Doch das sei nur ein Aspekt. Sie fordern einen Aufbruch in der politischen Bildung, was nicht Staatsbürgerkunde-Unterricht in neuer Form bedeute. Das Kultusministerium, heißt es im Grünen-Positionspapier, habe Schulen bislang als weitgehend entpolitisierten Raum betrachtet. Und viele Lehrer hätten sich aufgrund ihrer DDR- und Nachwendeerfahrungen als unpolitisch betrachtet. Weil die Verteidigung von Grundrechten vielfach als Frage von Parteipolitik missverstanden werde, fehle es zu oft an der notwendigen Klarheit und Hilfestellung gegenüber antidemokratischen und rassistischen Einstellungen.

Gekürzt und abgewählt

Der Landesschülerrat fordert drei Unterrichtsstunden pro Woche im Fach Gemeinschaftskunde/Recht/Wirtschaft (GRW) – und das ab Klassenstufe 8. Ursprünglich war das in Sachsen auch so angelegt. Dann wurde der Rotstift angesetzt. So steht das Fach seit Jahren nur noch in Klasse 9 und 10 mit je zwei Wochenstunden in den Stundenplänen. „Nur in diesem Unterricht können wir so richtig über aktuelle Themen sprechen, diskutieren und die Politik verstehen“, sagt der Schülerrat.

Und wie kam es in Sachsen dazu, Geschichte in Klasse 10 zugunsten von Geografie abzuwählen? Seit dem Schuljahr 2007/08 ist das Usus – bundesweit wohl einmalig. Begründet wurde es zum einen mit einer Reduzierung der Unterrichtsbelastung für Zehntklässler. Vor allem aber mit einer Lehrplanreform und dem fächerverbindenden Gedanken, was solch eine Wahlmöglichkeit zulasse. Es sei gewährleistet, hieß es, dass in Klasse 9 im Fach GRW die Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einschließlich der Gefahren für die Demokratie behandelt würden.

Es wurde auch versichert, dass den Schülern, die nach Klassenstufe 9 mit Hauptschulabschluss die Schule verlassen, die grundlegenden geschichtlichen Inhalte vermittelt worden seien. Skeptiker, die damals warnten, dass etwa die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gerade für potenzielle Hauptschüler in Klassenstufe 8 zu früh sei, wurden überhört. Im laufenden Schuljahr haben laut Kultusministerium 6 541 Schülerinnen und Schüler in Klassenstufe 10 das Fach Geografie gewählt. Und 6 434 das Fach Geschichte.

Dass es in Sachsen keine Lobby für den schulischen gesellschaftswissenschaftlichen Bereich gibt, berichteten immer wieder enttäuschte und abgewiesene Lehramtsabsolventen oder Referendare dieser Fächer. Sie könnten, hörten sie schon mal in der Bildungsagentur, ihre Bewerbungen gleich auf den „Kann-weg“-Stapel legen.

Und ihre besondere Hinwendung zu Natur- und Ingenieurwissenschaften hat Sachsens Regierung ja zu jeder Zeit groß zelebriert und inszeniert. Etwa bei der Reform der gymnasialen Oberstufe vor zehn Jahren. Der damalige CDU-Kultusminister Steffen Flath holte sich den Chef der Vereinigung der Ingenieure mit aufs Podium, um im Rahmen einer Pressekonferenz zu erklären: „Gute Bildungspolitik muss vorsorgende Wirtschaftspolitik sein.“