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50 Ermittlungsverfahren nach Stadion-Randale

Beim Sachsenpokalspiel zwischen Bischofswerda und Lok Leipzig entstanden im März 2017 große Schäden. Die Täter werden möglicherweise aber nicht angezeigt. Warum?

© Jens Kaczmarek

Von Ingolf Reinsch

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Bischofswerda. Elf Monate nach den Ausschreitungen am Rande des Halbfinalspiels des Bischofswerdaer Fußballvereins 08 gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig um den Sachsenpokal sind die polizeilichen Ermittlungen zu großen Teilen abgeschlossen. Von den rund 50 Verfahren, die nach dem Spiel eingeleitet wurden, wurde das Gros der Akten vor wenigen Tagen der Staatsanwaltschaft übergeben, sagte Sebastian Matthieu, Sprecher der Staatsanwaltschaft Görlitz, am Freitag der SZ. Bislang konnten die Verfahren bei der Strafverfolgungsbehörde noch nicht gesichtet werden. Wann und welche Abschlussentscheidungen ergehen, ist offen, sagte Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu.

Das Fußballspiel am 26. März 2017 im Bischofswerdaer Wesenitzsportpark (Endstand nach Elfmeterschießen 5:3 für Leipzig) wurde von einer Welle der Gewalt überschattet. Nach Augenzeugenberichten setzte ein Teil der Gäste aus der Messestadt von Anfang an auf Krawall. Mindestens sieben Menschen wurden verletzt, darunter zwei Ordner und zwei Polizisten. Im Sportpark entstand hoher Schaden. Zwei Getränkewagen wurden geplündert und beschädigt. Schon vor dem Spiel hatte die Gewaltorgie begonnen, als zwischen 100 und 150 Leipziger „Fans“ eine Absperrung am Stadion durchbrachen sowie Polizisten und Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma förmlich überrannten.

Nach Polizeiangaben vom 27. März handelte es sich augenscheinlich um eine abgesprochene Aktion. Dabei wurde ein massiver Zaun aus der Verankerung gerissen. Nach dem Spiel kontrollierte die Polizei zahlreiche Personen dieser Gruppe, als sie das Stadion verließen. „Unter der Meute befanden sich auch drei Männer im Alter von 25, 28 und 45 Jahren, die der Polizei hinlänglich als Gewalttäter-Sport bekannt waren und gegen die bundesweit Stadionverbot bestand“, sagte Polizeisprecher Thomas Knaup am Tag nach dem Spiel. 15 Straftaten wurden von Polizeibeamten an Ort und Stelle registriert – Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Hausfriedensbruch, Verstöße gegen das Sprengstoff- und Versammlungsgesetz sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Diese Straftaten wurden in einer ersten Bilanz Ende März sechs Anhängern des Vereins Lok Leipzig und drei der Heimmannschaft zugerechnet. Gegen wie viele Beschuldigte aktuell ermittelt wird, ist öffentlich nicht bekannt. Die Polizei darf sich nicht mehr äußern, sobald sie die Verfahren an die Staatsanwaltschaft abgegeben hat. Diese wiederum steht bei der Prüfung noch ganz am Anfang.

Bleibt BFV auf dem Schaden sitzen?

Möglicherweise konnten aber seitdem weitere Täter identifiziert werden. Der BFV 08 unterstütze die Ermittlungen nach besten Kräften. Unter anderem indem er der Polizei Fotos zur Verfügung stellte, auf denen die Gesichter von Lok-Anhängern gut zu erkennen sind, die die Stadion-Absperrung durchbrochen haben, sagte Vereinspräsident Jürgen Neumann.

Den materiellen Schaden der Ausschreitungen beziffert er mit 15 000 bis 20 000 Euro. Allein um die erst rund drei Jahre alte Tartanbahn im Stadion zu reparieren, waren 2 000 Euro erforderlich. Diese Arbeiten wurden im Herbst ausgeführt und durch den BFV finanziert – wie auch die Beseitigung aller anderen Schäden, vom zerschlagenen Spiegel in der Toilette bis zu den zerstörten Getränkewagen. Der Bischofswerdaer Fußballverein nutzte für die Schadensregulierung Einnahmen aus dem Spiel, die eigentlich der Vereinsarbeit, darunter mit den zahlreichen Nachwuchsmannschaften, zugute kommen sollten.

Aus jetziger Sicht wird der BFV 08 sehr wahrscheinlich auf dem Schaden sitzen bleiben. Sollte die Staatsanwaltschaft gegen einzelne Straftäter Anlage erheben und es zu einer Verurteilung kommen, könnte der BFV prüfen, inwieweit er gegen die Betreffenden zivilrechtlich vorgeht. Doch die Erfolgsaussichten scheinen gering, weiß Rechtsanwalt Jürgen Neumann. Denn man müsste jedem im Einzelfall nachweisen, an welchen Zerstörungen er beteiligt war. Eine ganze Gruppe haftbar zu machen, ist nicht möglich.