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65 und immer noch im Job

Arbeiten über das Renteneintrittsalter hinaus ist für etliche Menschen in Sachsen Realität – aus drei Gründen.

© Jan Woitas/dpa

Jörg Aberger

Immer mehr Menschen in Sachsen arbeiten auch nach Erreichen des Rentenalters weiter. Waren im Juni 2007 erst 2 876 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 65 Jahre oder älter, waren es im Juni vergangenen Jahres bereits 10 795, wie die Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Gestiegen sei auch die Zahl der älteren Minijobber: Im Juni 2007 gab es in Sachsen 29 767 geringfügig Beschäftigte im Alter von mindestens 65 Jahren, zehn Jahre später waren es 47 460. Das waren 17 693 ältere geringfügig Beschäftigte mehr – ein Anstieg um fast 60 Prozent.

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Experten sehen auf der einen Seite den Fachkräftemangel als Grund, andererseits wird auch auf steigende Altersarmut verwiesen. „Mit Blick auf die angespannte Fachkräftesituation gibt es für die Unternehmer mehrere Gründe, ältere Arbeitnehmer weiter im Betrieb zu beschäftigen“, sagte Landesjobagenturchef Klaus-Peter Hansen. Sie seien häufig gut qualifiziert und hätten viel Berufs- und Lebenserfahrung. Flexible Arbeitszeitmodelle von Minijob über Teil- bis Vollzeitbeschäftigung böten eine gute Grundlage dafür.

Die Gründe, über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten, sind laut Hansen sehr verschieden. „Ein Teil arbeitet aus Freude am Beruf weiter. Andere möchten schrittweise in die Rentenzeit übergehen, und wieder andere tun dies aus finanziellen Gründen.“ So könnten Rentenansprüche aufgestockt werden, um den gewohnten Lebensstandard fortzuführen oder auch, um sich zusätzliche, persönliche Wünsche zu erfüllen.

Ralph Beckert vom Sozialverband VdK in Sachsen verweist dagegen auf die vielen Fälle von Altersarmut, die dafür sorgten, dass Betroffene bis ins Rentenalter hinein arbeiten müssten. „Bei uns gibt es ja viele Menschen mit einer gebrochenen Erwerbsbiografie“, sagte er. Derzeit würden zahlreiche Betroffene den Renteneintritt erreichen, die nach dem Ende der DDR zum Teil jahrzehntelang arbeitslos gewesen seien und so keinen ausreichenden Rentenanspruch aufbauen konnten. „Auch private Vorsorge war ihnen nicht möglich.“

Die Zwickauer Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Linke) sieht in der Entwicklung einen Beleg für wachsende Altersarmut. Der weitaus überwiegende Teil der Senioren arbeite wohl nicht zum Spaß und Zeitvertreib weiter, „sondern aus purer finanzieller Not“, sagte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion. Gerade im Osten hätten viele wegen langer Phasen der Arbeitslosigkeit und geringer Löhne nur eine niedrige Rente. Zimmermann forderte, die gesetzliche Rente „armutsfest“ zu machen. Dazu müsse unter anderem das Rentenniveau auf mindestens 53 Prozent angehoben werden. Zudem müssten die Kürzungsfaktoren und die Rente erst ab 67 abgeschafft und eine solidarische Mindestrente eingeführt werden, die im Alter ein Leben in Würde ermögliche. Auch Niedriglöhne und prekäre Beschäftigung müssten zurückgedrängt, der Mindestlohn auf zwölf Euro erhöht und Leiharbeit verboten werden, sagte Zimmermann.

Auch VdK-Landesgeschäftsführer Beckert sieht künftig den Gesetzgeber in der Pflicht, den Menschen ein vernünftiges Auskommen und eine gute Rente zu sichern. „Dabei müssen die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass jeder so lange arbeiten kann, wie er möchte.“ Es dürfe keinesfalls so sein, dass ein Mensch bis ins hohe Alter arbeiten müsse, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Auch umgekehrt gelte: „Wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden muss, darf er nicht in Armut fallen.“ (dpa)