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Ab in den Stall

Die Geflügelhalter im Kreis Bautzen dürfen ihre Tiere nicht mehr ins Freie lassen. Das ist mitunter sehr problematisch.

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© Bernd Wüdpa

Von Jana Ulbrich

Die Gänse ahnen nicht, was ihnen jetzt gleich blüht. Munter schnattern sie über die Wiese. Rainer Jurk wirkt für einen Moment noch unschlüssig. Dann holt er tief Luft. „Es muss ja sein“, sagt er. Als ob er sich bei den Tieren entschuldigen wollte.

Rainer Jurk muss sie jetzt alle einsperren: Alle seine 1 500 Hühner und 100 Gänse, Enten und Puten. Mit den Hühnern ist das diesmal zum Glück kein Problem: Er hat gerade neue Junghennen eingestellt, die zur Eingewöhnung ans Eierlegen ohnehin noch ein paar Tage im Stall bleiben sollten. Die Tage im Stall werden jetzt wohl länger. Die Hühner haben – wenn man so will – noch Glück: Sie kennen die anderthalb Hektar große Freiheit noch nicht, die sie normalerweise auf Jurks Geflügelhof in Jenkwitz bei Bautzen erwartet.

Aber das Wassergeflügel! „Da ahne ich schon Schlimmes“, brummelt Rainer Jurk. Die Tiere leben draußen in unterschiedlichen Altersgruppen. Jetzt muss er alle 100 zusammen in eine Stallhälfte sperren, seine einzige Möglichkeit. „Das wird riesengroßer Stress für die Tiere“, ahnt der Landwirt. „Sie werden Machtkämpfe austragen und aufeinander losgehen.“ Im Stall kann er die Gruppen nicht trennen. „Die Tiere werden dann auch nicht mehr zunehmen“, befürchtet er. Ein bisschen zunehmen hätten sie aber noch sollen, ehe sie als Weihnachtsbraten auf den Tischen landen.

Besonders für das Weihnachtsgeflügel kommt die Vogelgrippe zur Unzeit. Die 100 Gänse, Enten und Puten sind alle schon für die Feiertage vorbestellt. „Ich kann sie ja nicht jetzt schon schlachten“, sagt Rainer Jurk. „Die Kunden wollen sie doch frisch.“ Am meisten tun ihm jetzt seine Höckergänse leid. „Das sind reine Weidetiere. Die wollen Gras fressen“, sagt er.

Noch keine Geflügelpest im Kreis

Aber es nützt nichts: Sachsens Verbraucherschützer kennen kein Erbarmen. Am Montag hat der Freistaat eine allgemeine Stallpflicht verkündet. Eine Vorsichtsmaßnahme, der sich alle unterordnen müssen – auch die 3 264 gemeldeten Geflügelhalter im Kreis Bautzen.

Die Stallpflicht gilt überall – egal, ob der gefährliche Vogelgrippevirus in einer Region nachgewiesen wurde oder nicht: Im Kreis Bautzen ist bisher noch kein aktueller Fall von Geflügelpest bekannt geworden, bestätigt Landratsamtssprecher Gernot Schweitzer. Die Region könnte aber besonders gefährdet sein, weil die Lausitzer Seen und das Heide- und Teichland ideale Rastplätze für unzählige Zugvögel bieten.

Ausstellungen dürfen stattfinden

Das Veterinäramt bittet deswegen um besondere Aufmerksamkeit. Sollten tote Wildvögel, vor allem Hühner- und Gänsevögel, gefunden werden, dann sei es ratsam, das Landratsamt zu informieren. Tote Wildvögel könnten auch direkt an den Kurierannahmestellen des Veterinäramtes in Bautzen und Kamenz abgegeben werden. Dabei sollte man aber entsprechende persönliche Vorsichtsmaßnahmen einhalten, rät Gernot Schweitzer.

Trotz Stallpflicht: Die beliebten Geflügelausstellungen am kommenden Wochenende können stattfinden. Die Kleintier- und Geflügelzüchtervereine müssten allerdings zusätzliche Ausstellungsbedingungen erfüllen. Das Landratsamt hat angekündigt, die Veranstalter kurzfristig über die Details zu informieren.

Rainer Jurk sortiert im Hofladen die Eier nach Größe. Rund 1 400 Stück sind das jeden Tag, die in Läden und auf Märkten in der Region verkauft werden wollen. „Man kann jetzt nur hoffen, dass keine Vogelgrippe-Hysterie ausbricht, bei der womöglich keiner mehr Eier und Geflügelfleisch kauft“, sagt er.

In Hysterie verfallen jetzt auch die Geflügelzüchter nicht. Was sein muss, muss eben sein. Und nicht für alle heißt die Stallpflicht auch gleich Stall: Bei der Gänsezucht Eskildsen in Königswartha zum Beispiel können die Tiere ihre überdachten Ausläufe auch weiter nutzen. „Wir haben große Vogelschutz-Netze“, sagt Betriebsleiterin Andrea Lau. „Die können wir wie eine Voliere um den Auslauf spannen.“

Etwas Gutes kann auch Rainer Jurk der Stallpflicht abgewinnen. „Jetzt kann wenigstens der Fuchs nicht mehr an die Hühner“, sagt er. Fast 500 Hennen hat der Hof in diesem Jahr nämlich schon an Meister Reineke eingebüßt.

Die gute Nachricht zum Schluss: Auf den Genuss seiner Weihnachtsgans muss niemand verzichten, bestätigen Verbraucherschützer. Tiere aus Nutztierhaltung werden bei der Schlachtung überprüft. Und selbst wenn: Hohe Temperaturen bekämen dem Vogelgrippe-Virus gar nicht. Beim Garen würde es rasch absterben.

Tierhalter können sich mit ihren Fragen zum Thema Vogelgrippe an das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt des Landkreises wenden. Telefon: 03591-5251-88888.