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Abgefahren

Ein Bautzener macht beim Gebrauchtwagenverkauf einen Fehler – und rennt nun seinem Geld hinterher.

© Uwe Soeder

Von Madeleine Siegl-Mickisch

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Bautzen. Reinhard Petermann* ist noch immer ganz aufgewühlt. Nie hätte er gedacht, dass ihm so etwas passieren kann. Kopfschüttelnd sitzt der Bautzener im Wohnzimmer, auf dem Tisch vor ihm eine Mappe mit grünem Škoda-Schriftzug. „Das ist alles, was uns von dem Auto geblieben ist.“ Eins der letzten darin abgehefteten Blätter ist ein Kaufvertrag. Denn Petermann und seine Lebensgefährtin wollten sich zwar schon von dem Škoda trennen – allerdings nicht so, wie es dann passierte!

Das Paar – beide sind verwitwet – hat sich erst vor nicht allzu langer Zeit zusammen eingerichtet. Schließlich stand auch die Frage, was sie mit ihren Autos machen. „Wir haben uns gesagt, wir brauchen keine zwei.“ Sie fassten den Entschluss, ein neues zu kaufen und dafür einen Wagen gleich beim Autohaus in Zahlung zu geben. Den anderen wollten sie an einen Gebrauchtwagenhändler in Bautzen verkaufen. Derselbe, sagt Petermann, habe ihm vor ein paar Jahren schon mal ein Auto abgekauft. Durch Zufall sei er damals an ihn geraten, so Petermann. „Ein freundlicher Mann“, erzählt er, und weil beim ersten Mal alles glattgegangen war, bot er ihm nun auch den Škoda seiner Lebensgefährtin an. Man einigte sich auf einen Preis, und kurz vor Weihnachten schaffte Petermann das Auto schließlich hin. Die vereinbarten 10 000 Euro bekam er da allerdings noch nicht. „Deshalb habe ich den Kfz-Brief erst einmal wieder mit nach Hause genommen“, erzählt der Rentner. Das Geld sollte er Anfang Januar bekommen. Es wurde ein Termin ausgemacht, zu dem beim Händler auch der Kaufinteressent für das Auto erschien und das Geld auf den Tisch legte. Petermann wollte zunächst die Scheine an sich nehmen, doch der Händler habe ihm angeboten, gemeinsam zur Sparkasse zu fahren und das Geld einzuzahlen, damit es gleich aufs Konto geht.

Lieber aufs Konto
Eigentlich eine vernünftige Entscheidung, sagt Dirk Mittrach von der Bautzener Beratungsstelle der Verbraucherzentrale. Denn größere Summen Bargeld, die man zu Hause liegen hat und nicht in einem Tresor aufbewahrt, seien nicht versichert. Zudem sei bei mancher Bank mittlerweile das Einzahlen größerer Bargeldbeträge gar nicht so ohne Weiteres möglich. Und wenn sich herausstellt, dass unter den Scheinen Falschgeld ist, bekomme man das nicht ersetzt. Daher sei der Weg einer Überweisung aufs Konto deutlich sicherer.

Auch Reinhard Petermann wähnte sich auf der sicheren Seite. Das Bargeld sei bei der Sparkasse über einen Automaten eingezahlt worden. In seinem Beisein habe der Bankmitarbeiter dann eine Überweisung ausgefüllt. Im guten Glauben, dass das Geld in ein, zwei Tagen auf dem Konto von Petermanns Lebensgefährtin sein wird, quittierten sie gegenüber dem Autohändler auf dem Kaufvertrag den Erhalt. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Das Geld sei bis heute nicht angekommen. Angeblich war die Überweisung geplatzt, weil das Konto des Händlers zwischenzeitlich durch eine andere Abbuchung nicht ausreichend gedeckt war. Weitere Versuche, an das Geld zu kommen, scheiterten.

Petermann hat inzwischen bei der Polizei Anzeige wegen Betrugs erstattet. Davon zeugt das vorerst letzte Schriftstück in der weißen Mappe auf dem Wohnzimmertisch. „Dass uns das passieren konnte“, sagt er immer noch kopfschüttelnd. Er und seine Lebensgefährtin machen sich immer wieder Vorwürfe, vorschnell unterschrieben zu haben. Auch wenn es für sie so furchtbar ärgerlich ist und sie nicht wissen, ob sie ihr Geld doch noch sehen – sie wollen ihren Fall erzählen, um zu warnen, damit es anderen nicht auch so ergeht.

Zum Schluss bleibt der Klageweg

Verbraucherschützer Dirk Mittrach ist solch ein Fall in seiner Beratungstätigkeit bisher noch nicht untergekommen. Generell rät er, bei allem, was man unterschreibt, „besonders aufmerksam zu sein und sich nicht von der Situation überrollen zu lassen“. Für Petermann und seine Lebensgefährtin hat er eine ermutigende Auskunft: Trotz der vorschnellen Unterschrift sei „es nicht so, dass sie keine Chance haben“. Aber um den Klageweg werden sie vermutlich nicht herumkommen, so Mittrach. „Sie werden nachweisen müssen, dass das Geld tatsächlich nicht geflossen ist.“ So bestünde nach wie vor ein Zahlungsanspruch, und sie könnten auf dem Rechtsweg einen vollstreckbaren Titel erstreiten. Mit dem wäre es 30 Jahre lang möglich, das Geld noch einzutreiben.

Petermann holt tief Luft. Nachdem er bereits Rat bei der Verbraucherzentrale und beim Weißen Ring, der Opfer von Straftaten berät, gesucht hat, will er sich nun auch um anwaltlichen Beistand bemühen. Der Kampf ums Geld wird Zeit, Nerven und eben auch Geld kosten. Und die Mappe auf dem Tisch wird sich wohl mit weiteren Unterlagen füllen.*Name geändert