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Abgeschoben mit acht Kindern

Eine ganze Familie ist aus ihrer Tolkewitzer Wohnung geholt worden. Weil der Vater einen Fehler gemacht hat.

© xcitepress

Von Sandro Rahrisch und Nora Domschke

Kurz vor Mitternacht werden die Kinder von Shahire K. aus dem Schlaf gerissen. Polizisten klopfen an die Tür der 37-Jährigen. Die Familie soll mitkommen. Vor dem Haus in Tolkewitz, einem sechsgeschossiger Plattenbau aus den 80er-Jahren, warten mehrere Kleinbusse. Die Uniformierten führen die Mutter und ihre acht Kinder durch die neblige Nacht zu den Fahrzeugen. Es ist das letzte Mal, dass sie ihr Zuhause sehen. Die Familie wird in wenigen Stunden in den Kosovo abgeschoben.

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Vor dem Haus haben sich inzwischen um die 30 Menschen versammelt, hauptsächlich Menschen aus der Flüchtlingshelfer-Szene. Sie wollen gegen die Aktion protestieren. Zunächst versuchen sie die Beamten daran zu hindern, das Haus zu betreten. Sie scheitern. Dann versperren sie den Fahrzeugen den Weg und setzen sich auf die Straße. Die Einsatzkräfte fordern sie auf, aufzustehen. Dann tragen und ziehen sie die Unterstützer weg. Rund 50 Beamte hat die Polizei im Einsatz. Shahire K. und ihre Kinder verlassen Dresden gegen 2 Uhr in der Nacht zum Donnerstag.

„Im Vorbeigehen habe ich sie noch einmal kurz umarmen dürfen“, sagt Franziska Gramm (Freie Bürger), stellvertretende Ortsbeirätin von Blasewitz. Ein richtiger Abschied sei aber nicht mehr möglich gewesen. „Es war sehr erschütternd.“ Eines der Kinder im Alter von zwei bis 17 Jahren soll von der Polizei mit einem Kabelbinder gefesselt worden sein, berichtet Gramm. Was oben in der Wohnung passiert ist, könne sie allerdings nicht sagen. Die Einsatzkräfte hätten niemanden hineingelassen. Zwei Demonstranten müssen sich nach Verhinderungsaktion sogar wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten.

Es ist mitten in der Nacht, als das Telefon bei Werner Schnuppe klingelt. Der Rentner schläft tief und hört den Notruf des ältesten Sohnes der Einwanderer nicht. Erst am Morgen erfährt er, dass die Familie verschwunden ist, für die er die Patenschaft übernommen hatte.

Vor zweieinhalb Jahren seien Shahire K., ihr Mann und die Kinder aus der kosovarischen, etwa 100 000 Einwohner großen Stadt Peja geflüchtet und nach Deutschland gekommen. Holm Felber von der Landesdirektion bestätigt, dass die Familie am 12. Januar 2015 eingereist ist. Schon wenige Monate später, am 10. September, ist der Asylantrag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt worden.

Danach beschäftigt sich die Härtefallkommission mit der Familie. Diese kommt zusammen, wenn es unter bestimmten Umständen unzumutbar erscheint, wenn Menschen nicht in Deutschland bleiben dürfen. Die Kommission kann dem sächsischen Innenminister empfehlen, eine Aufenthaltserlaubnis auszusprechen. Im Fall der Familie hat sie dies auch getan, erfolgreich. Laut SZ-Informationen hat Shahire K. bei den deutschen Behörden angegeben, in ihrer Heimat vergewaltigt worden zu sein, während ihr ältester Sohn mit einem Messer an der Kehle zusehen musste. Ein unmittelbar Verwandter sei getötet worden, heißt es weiter. Der Sohn musste in Deutschland in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden. Die Familie gehört der Bevölkerungsminderheit Sinti und Roma an, die auch auf dem Balkan alltäglicher Diskriminierung ausgesetzt ist.

Als „bestens integriert“ bezeichnet Schnuppe die Familie. Die Kinder gehen bis zuletzt in den Kindergarten und zur Schule. Der Mann hat bis zum Frühjahr bei einem Möbel- und Transportunternehmen gearbeitet, mit vielversprechenden Aussichten, heißt es. Und die Frau hat sich zu Hause um die Jüngsten gekümmert. Doch im Mai bricht das neue Leben auseinander.

Interpol sucht den Familienvater europaweit. Er soll in Montenegro in Abwesenheit zu vier Monaten Haft verurteilt worden sein. Was ihm vorgeworfen wird, ist unklar. Vertraute sprechen von einem Delikt, das mit Drogen zu tun hat und inzwischen sechs Jahre zurückliegt. Der Mann habe sich der Auslieferung nicht widersetzt, ist zu hören. Mittlerweile müsste er die Strafe verbüßt haben.

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Für das Innenministerium ist es aber Grund genug, die Aufenthaltserlaubnis Ende Juni zu widerrufen. Das gebe das Gesetz in solchen Fällen so vor, sagt Sprecher Andreas Kunze-Gubsch. Auch wenn nur der Vater wegen eines Delikts gesucht wurde, so sei die gesamte Familie von der Regelung betroffen. Seitdem hatten die Mutter und ihre Kinder die Chance, freiwillig auszureisen, fügt Holm Felber hinzu.

„Wir hatten gedacht, dass die Familie hierbleiben darf“, sagt Werner Schnuppe am Donnerstag. „Die Kinder sind doch nicht daran schuld.“ Kurz vor 16 Uhr haben Mutter und Kinder in Frankfurt ein Flugzeug in Richtung Kosovo bestiegen.