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Abkopplung mit Folgen

Die mögliche Einstellung der Zuglinie Pirna–Sebnitz sorgt am Copitzer Berufsschulzentrum für Entsetzen. Nicht nur dort.

© Dirk Zschiedrich

Von Katarina Gust

Pirna/Sebnitz. Die Diskussion um die drohende Einstellung der Bahnlinie Pirna–Neustadt–Sebnitz (SB 71) sorgt nicht nur in den Anrainerkommunen für heftige Kritik. Der Verkehrsverbund Oberelbe hatte diese Woche mitgeteilt, dass wegen einer drohenden Finanzierungslücke im Nahverkehr gespart werden müsse. Schwächere Linien sollen zuerst eingestellt werden, als konkretes Beispiel wurde die Verbindung zwischen Pirna und Sebnitz genannt, die von der Städtebahn Sachsen gefahren wird. Das Aus dieser Verbindung wäre eine Katastrophe für den Schülerverkehr.

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Das sieht Petra Werlisch, Schulleiterin am Beruflichen Schulzentrum für Wirtschaft und Technik in Pirna-Copitz so. „Unsere Schüler waren erschrocken über die Nachricht“, sagt sie. Viele Jugendliche hätten das Gespräch mit ihr gesucht. „Wir können nicht verstehen, warum überhaupt über das Aus der Strecke nachgedacht wird“, formuliert es Petra Werlisch. Das Berufsschulzentrum liegt direkt an der Strecke. Der Haltepunkt Pirna-Copitz-Nord grenzt unmittelbar ans Schulgelände. „Wird die Strecke gekürzt, betrifft das vor allem unsere Schüler in Vollzeit“, sagt die Schulleiterin. Denn sie könnten aufgrund des Alters noch kein Auto fahren. Viele pendeln täglich aus Sebnitz oder Neustadt nach Copitz. „Die Bahnlinie ist eine ganz wichtige und schnelle Verbindung für sie“, meint Petra Werlisch. Auch Berufsschüler aus dem Raum Dresden, die auf die S-Bahn angewiesen sind, nutzen die Linie in Richtung Pirnaer Bahnhof. Der Schülerrat hätte sich bereits zusammen gesetzt. Die Jugendlichen wollen Unterschriften für den Erhalt der Strecke sammeln.

Umsonst Lückenschluss erkämpft

Die Fraktion Bündnis 90/Grüne im Sächsischen Landtag sieht nicht nur den Schülerverkehr, sondern eine ganze Region vom Bahnverkehr abgekoppelt. „Dadurch würde sich für mehr als 30 000 Menschen, die im Einzugsgebiet von Neustadt, Sebnitz, Stolpen, Lohmen und Dürrröhrsdorf-Dittersbach leben, der Zugang zur Eisenbahn drastisch verschlechtern“, prognostiziert Katja Meier, verkehrspolitische Sprecherin. Statt am Streckennetz zu sägen, sollte lieber in die noch bessere Vermarktung der Strecke investiert werden, fordert die Abgeordnete.

Katja Meier setzt die Pläne einem Schildbürgerstreich gleich. Denn erst im Sommer 2014 wurde der Eisenbahn-Grenzübergang zwischen Sebnitz und Dolni Poustevna in Betrieb genommen. Für diesen Lückenschluss sei jahrelang gekämpft worden. Außerdem hält sie die bis zu 700 Fahrgäste, die täglich den Zug nutzen, für eine ordentliche Grundauslastung. Sie widerspricht damit dem Verkehrsverbund, der die aktuellen Fahrgastzahlen für nicht rentabel hält.

Eine ähnliche Auffassung vertritt Michael Cleve vom Deutschen Bahnkunden-Verband in Sachsen. „Den Betrieb kann man bei 700 Fahrgästen sehr wohl wirtschaftlich realisieren“, argumentiert er. Zumindest wenn Innovationen gefördert würden. Hier sieht er den Freistaat in der Pflicht. Die Einnahmen der Verkehrsunternehmen würden nicht ausreichen, um ein Eisenbahnnetz zu erhalten. Dieses müsse mit öffentlichen Mitteln kontinuierlich mitfinanziert werden. „Die sächsische Regierung muss definieren, warum sie welches Streckennetz für notwendig hält und wie dafür die öffentlichen Mittel aufgebracht werden sollen“, sagt er und fordert eine eisenbahnfreundlichere Haltung.

Laut Sächsischem Bahnkunden-Verband wären die Folgen für den hiesigen Tourismus einschneidend. Der Landkreis hätte sich bisher vorbildlich für einen sanften Tourismus in der Sächsischen Schweiz eingesetzt. Mit der Einstellung des Personenzugverkehrs auf dieser Strecke würde dieses Engagement wieder zunichtegemacht. Denn nur etwa die Hälfte der täglich 700 Fahrgäste würde erfahrungsgemäß auf Busse umsteigen. „Die andere Hälfte nutzt dann lieber gleich den Pkw für ihre Mobilitätsbedürfnisse“, erklärt Michael Cleve.

SZ-Leser finden im Internet noch deutlichere Worte für das mögliche Aus der Bahnstrecke Pirna-Sebnitz. Was mit den jetzigen 700 Passagieren passiert, das fragt sich ein Nutzer, der sich bei SZ-Online Uwe Birnbaum nennt. „Wie viele Busse sollen dann auf die Straße und das in einem richtigen Winter?“, fragt er. Ein weiterer Leser hat den Tourismus in der Sächsischen Schweiz im Blick. „Vom Zugverkehr abgehängte Städte sind bei Touristen, die ohne Auto reisen, vom Schirm“, formuliert der Nutzer, der sich „boblinger“ nennt. Niemand würde mit dem Überlandbus in der doppelten Fahrzeit übers Land zuckeln.