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Abschied für immer

Auch im zweiten Anlauf haben Hamburgs Handballer keine Lizenz erhalten. Die Insolvenz steht nun unmittelbar bevor.

© dpa

Von Franko Koitzsch

Genau ein Jahr und einen Tag nach dem größten Triumph der Vereinsgeschichte stehen Hamburgs Handballer vorm Sturz ins Bodenlose. Der HSV droht tatsächlich von der Bundesliga-Landkarte zu verschwinden. Nachdem der finanziell schwer angeschlagene Spitzenklub gestern auch im zweiten Anlauf keine Lizenz für die kommende Saison 2014/15 erhalten hat, bleibt dem Champions-League-Sieger von 2013 als allerletzter Strohhalm nur noch der Gang vor das unabhängige Schiedsgericht der Handball-Bundesliga (HBL).

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Noch am gestrigen Nachmittag zogen sich die HSV-Bosse zu intensiven Beratungen zurück. „Wir haben die Entscheidung der HBL zur Kenntnis genommen. Wir werden uns nun intern abstimmen und dann darauf reagieren“, sagte Geschäftsführer Holger Liekefett. Eine Woche bleibt dem deutschen Meister von 2011 nun, das Horrorszenario noch abzuwenden und Einspruch gegen das Urteil einzulegen. Vorm Schiedsgericht werden jedoch keine neuen Fakten berücksichtigt. Es geht lediglich um die Prüfung, ob formale Fehler beim Lizenzentscheid begangen wurden.

„Der Handball muss in die Großstädte, und dies ist in Hamburg durch unseriöse Refinanzierung leider einmal mehr gescheitert“, meinte Frank Steffel, Präsident von Pokalsieger Füchse Berlin. Alle Vereine müssten endlich begreifen, dass die „Abhängigkeit von Mäzenatentum und Erfolg durch überhöhte Spielergehälter der falsche Weg sind“. Die Strukturen beim HSV ließen eine Abnabelung von Mäzen Andreas Rudolph seit dessen Inthronisation 2005 erst gar nicht zu. Am 8. Mai war Rudolph aber überraschend als HSV-Präsident zurückgetreten und hatte den Verein damit in eine existenzielle Krise gestürzt.

25 Millionen Euro in zehn Jahren

Der Medizintechnik-Unternehmer, der in den vergangenen zehn Jahren über 25 Millionen Euro in den Klub pumpte und auch Zweitligist SC DHfK Leipzig unterstützt, schloss weitere finanzielle Hilfen aus. Allein im Etat der gerade abgelaufenen Spielzeit fehlten damit rund 2,7 Millionen Euro. HBL-Funktionäre und selbst eine nach Mallorca beorderte Spieler-Delegation hatten versucht, den Geldgeber in dessen Finca umzustimmen – offensichtlich vergeblich. Sollte das Schiedsgericht den Lizenzentzug bestätigen, bleibt dem HSV nur der Gang in die Insolvenz.

Weil der deutsche Meister von 2011 versäumt hat, einen Lizenzantrag für die zweite Liga zu stellen, kann er jetzt nur noch in der 3. Liga antreten. „Es gibt eine Möglichkeit des Gnadengesuchs“, sagte Ex-Präsident und Aufsichtsratsmitglied Matthias Rudolph. „Wir müssen jetzt alle Chancen prüfen und schauen, ob wir Grand ouvert oder Null ouvert spielen.“ Sollten diese Versuche allesamt scheitern, schließt Rudolph den Spielbetrieb in Liga drei nicht aus: „Wir können uns ja wieder hocharbeiten.“ In dem Fall würde der Absteiger Balingen-Weilstetten erstklassig bleiben.

Etwas überraschend konnte auch Hamburgs neues Finanzkonzept die Prüfer des Ligaverbandes nicht überzeugen. „Maßgeblicher Grund für die Entscheidung ist der weiterhin fehlende Nachweis einer gesicherten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“, heißt es in der Begründung der HBL. Der 8,5-Millionen-Euro-Etat der abgelaufenen Saison sollte auf rund fünf Millionen Euro reduziert werden. Die Spieler wollten auf ein Monatsgehalt verzichten, Gläubiger Aufschub ihrer Forderungen gewähren.

Die HBL traf die Entscheidung einstimmig, aber schweren Herzens. Sie hatte stets ihr großes Interesse am HSV beteuert. „Das ist einer unserer wichtigsten Standorte mit Strahlkraft in Deutschland und Europa. Ein Aus des HSV würde die Liga nachhaltig beeinträchtigen“, sagte HBL-Geschäftsführer Holger Kaiser erst kürzlich.

19 Weltklasse-Profis vorm Abgang

Der Umbau des zuletzt mit 19 Weltklasse-Profis aufgeblasenen Kaders um Kapitän Pascal Hens hat ohnehin bereits begonnen. Torhüter Marcus Cleverly (zu KIF Kolding Kopenhagen), die Rückraumspieler Domagoj Duvnjak (THW Kiel), Blazenko Lackovic (Vardar Skopje) und Zarko Markovic (offen) verlassen den Verein sowieso. Der Wechsel des spanischen Weltmeisters Joan Canellas zu Rekordmeister Kiel ist abgemachte Sache, auch der deutsche Nationaltorwart Johannes Bitter steht angeblich vorm Wechsel nach Kiel. Zudem wird der schwedische Kreisläufer Andreas Nilsson vom ungarischen Meister Veszprem umworben.

Die Fans aber kämpfen weiter um ihren Verein. Via Internet sammelten sie Geld. Die Initiative „Wir sind Handball Hamburg“ will einen Betrag von mindestens 50.000 Euro sammeln. Das Geld soll im Falle einer Lizenzerteilung für den Erwerb von Anteilen an der Spielbetriebs GmbH eingesetzt werden. (dpa, mit sid)