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Pirna

Abschied vom Tagebuch

Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel schildert täglich den Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung.

Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel: Arbeiten im Wohnzimmer.
Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel: Arbeiten im Wohnzimmer. © Daniel Schäfer

Donnerstag, 30. April: Ich habe heute festgestellt, wie schnell doch die Zeit verfliegt. Am 17. März habe ich begonnen, dieses Tagebuch zu schreiben, noch ungewiss, welche Herausforderungen wohl vor uns liegen angesichts des behördlich eingeschränkten Lebens.

Seither pendelt mein Leben, wie bei so vielen, zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung, zwischen Mangelware und Maskenpflicht, zwischen Hoffnung und Ungewissheit. Vor uns allen lag eine Zeit, wie wir sie noch nie gekannt geschweige denn erlebt haben. Und sie ist noch längst nicht vorbei.

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So entschied ich mich, diesen ungewohnten Alltag aufzuschreiben, all die Dinge, all die Probleme, die mich beschäftigen, so profan sie manchmal auch sein mögen. Aber das Leben besteht nun mal aus den scheinbar unscheinbaren Kleinigkeiten, erst aus dem Kleinen setzt sich das große Ganze zusammen. 

Ich bin in dieser Zeit vielen Menschen begegnet, Menschen, die Hoffnung machen, Menschen, die anderen helfen, Menschen mit Existenzängsten. Ich bin dankbar, dass ich sie begleiten durfte und sie sich mit all ihren Sorgen und Nöten offenbart haben. 

Nun dürfen wir zwar wieder mit einigen Lockerungen leben, aber die Rückkehr zur Normalität wird noch lange dauern. Gleichwohl habe ich mich entschieden, mich vom täglichen Tagebuch zu verabschieden, nicht jeden Tag ist mein Leben so spannend, um davon zu erzählen. 

Ganz los werden Sie mich allerdings nicht, ich werde von nun an in einem kleinen Wochenrückblick die Ereignisse schildern. 

Ich bedanke mich bei allen treuen Lesern, für all die guten und mutmachenden Zuschriften, aber auch für die Kritik. Bleiben Sie, liebe Leser, uns auch weiterhin gewogen, gesund und vor allem gut behütet. 

Harmonie im Kinderzimmer

Mittwoch, 29. April: Kind eins ist zwar nur knapp zwei Jahre älter als Kind zwei, zuweilen liegen aber Welten zwischen den beiden. Die Geschwisterliebe kennt deutliche Grenzen. Oft fühlt sich der eine vom anderen genervt, dann kommen beunruhigende Geräusche aus den Kinderzimmern, man geht sich auf den Geist, brüllt sich an, verweist den anderen des Zimmers. 

Wenn das schon zu Normalzeiten so ist, befürchtete ich Schlimmes für die Zeit, in der sie nicht in die Schule gehen können und nun noch mehr aufeinander hängen als sonst. Ich sah schon Kampfgetümmel im Kinderzimmer vor mir, blutige Nasen, ja, ganze Schlachten ums Spielzeug.

Ich befürchtete, der Lagerkoller könnte ihn derart aufs Stammhirn schlagen, dass sie gar nicht mehr miteinander reden und sich jeder für sich in seinem Zimmer isoliert. Vorsichtshalber bereitete ich schon einige Stichpunkte für mögliche Friedensverhandlungen vor. 

Doch zu meiner Überraschung, welch Wunder, herrscht seit Wochen Harmonie im Kinderzimmer. Die beiden spielen einträchtig miteinander, planen ihren Tagesablauf gemeinsam, streiten kaum. Kind zwei lässt sich von Kind eins sogar bei den Schulaufgaben helfen, das war lange Zeit undenkbar.

Ich freue mich über diese Einmütigkeit und dass sie so gut miteinander harmonieren, es hilft ungemein, nicht ständig den Schlichter geben zu müssen, weil ich an den Arbeitstagen leider ohnehin wenig Zeit für sie habe. 

Von Kind eins kommt stets die beruhigende Ansage: "Papa, mach Du Deine Arbeit, wir kümmern uns schon." Das macht mich stolz, ich bin aber mal gespannt, wie lange der Geschwister-Frieden hält. Der nächste Knatsch kommt bestimmt.

Mit Humor durch die Krise

Dienstag, 28. April: Ich habe in den vergangenen Tagen viele Menschen getroffen, mit denen es das Leben gerade nicht sonderlich gut meint. Künstler ohne Auftritte, Schausteller ohne Rummel, Gastwirte ohne Gäste, Menschen in Kurzarbeit.

Für viele von ihnen ist die derzeitige Situation geradezu unerträglich, weil sie Existenzsorgen plagen und wichtige Einnahmen fehlen. 

Doch eines habe ich bei vielen gespürt: Trotz der misslichen Lage ist ihnen ihr Humor nicht abhanden gekommen. Für die meisten, so erfuhr ich, lasse sich die Krise am besten mit Humor bewältigen. Freilich ist es oft schwarzer Humor, aber immerhin. 

Das merke ich auch an mir selbst. Ich kann in schwierigen Situationen zuweilen sehr herzlich über mich selbst lachen, wenn ich mich bei Schusseligkeiten ertappe, beispielsweise, wenn ich jetzt morgens durch die Wohnung hetze in der irrigen Annahme, ich müsse dringend ins Büro. Oder als ich neulich früh erschrocken auf den Wecker schaute, mir ein "Mist, wir haben verschlafen" herausrutschte, weil doch die Kinder in die Schule müssen. 

Der Weg zur Fähigkeit, über mich selbst lachen zu können, war lang, aber dank dieses Humors habe ich inzwischen einige schwierige Zeiten irgendwie besser durchlebt. Krisen brechen über einen herein, ob man will oder nicht. Das Einzige, was dann bleibt, ist, sie irgendwie erträglich zu machen. Das funktioniert bierernst meist nicht so gut.

Ich weiß auch, dass vielen Menschen gerade nicht zum Lachen zumute ist, ihnen will ich auch nicht zu nahe treten. 

Ich für mich halte es aber mit meinem Lieblingsschriftsteller Hermann Hesse, von dem dieses Zitat stammt: "Nun, aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt."

Hilfe, die Pollen sind da!

Montag, 27. April: Ich gebe zu, trotz verlockendem Sonnenschein und milder Temperaturen gehört der Frühling nicht zu meinen Lieblingsjahreszeiten. Das liegt weniger daran, dass ich eine lichtscheue Gestalt bin, sondern vielmehr daran, dass mit jedem Knospenausbruch eine andere Seuche übers Land kommt, egal, ob Corona oder nicht: die Pollenallergie.

Sie ist nicht nur fühl- sondern auch sichtbar, derzeit sogar sehr offensichtlich, mein dunkles Balkongeländer sowie mein Auto sind bedeckt mit einer Schicht gelben Blütenstaubs, dem man gar nicht so entrinnen kann, so sehr man auch möchte. 

So muss ich zusätzlich zu den ohnehin schon verschärften Corona-Regeln einige Sicherheitsvorschriften beachten: öfter Haare waschen, die Wäsche nicht draußen trocknen, nachts die Fenster geschlossen halten, möglichst wenig rausgehen.

Da erweist es sich zurzeit als großer Vorteil, dass ich wegen Corona sowieso im Homeoffice kaserniert bin. Da kann es draußen herumpollen, wie es will, hier drin erwischen mich die Niesattacken-Auslöser eher selten. 

Es ist auch so schon schlimm genug, weil man den Pollen nicht generell ein Betretungsverbot von Räumen erteilen kann. Und so gehören Nasenspray und Augentropfen derzeit zu meinen besten Freunden. 

Ich scheue mich auch ein wenig, nach draußen zu gehen. Was, wenn ich im Geschäft einen Niesanfall bekommen? Werde ich dann vom Sicherheitsdienst abgeführt und einem Corona-Zwangstest unterworfen?

Also, Obacht da draußen: Nicht jeder, der vor sich hin niest, ist vom neuartigen Virus befallen. Es könnte durchaus auch jemand sein, dessen durcheinander geratenes Immunsystem gerade mit gelbem Blütenstaub ringt.

Verwirrende Mathematik

Sonntag, 26. April: Kind zwei war am Wochenende sehr erleichtert. Seine Lehrerin hatte die Aufgaben für die nächste Woche geschickt, es sind diesmal nicht ganz so viele wie sonst.

Das hat aber weniger mit dem Feiertag am 1. Mai zu tun. Es lag vielmehr daran, dass die Aufgaben der Vorwoche etwas schwierig waren. Es galt, zweistellige Zahlen zu dividieren. Die Kinder mussten die Zahl so zerlegen, dass sie sich jeweils leicht durch den Divisor teilen lassen, um dann daraus das Ergebnis zu errechnen. Sie können noch folgen? Kind zwei jedenfalls hatte anfangs viele Fragezeichen in den Augen. 

Ich gebe zu, mein mathematisches Verständnis ist eher schlichterer Natur, doch irgendwie gelang es mir, mich in diesen Zahlensalat hineinzuversetzen. Aber selbst die Lehrerin gab zu, dass diese Aufgaben für viele Kinder zu verwirrend waren und sie jetzt Zeit haben sollen, um das alles nochmal nachzuarbeiten.

Trotzdem denke ich mir: So kann es auf Dauer nicht weitergehen. Zwar sollen die Eltern von Grundschülern derzeit nicht Lehrer spielen und neuen Stoff vermitteln, allerdings sah ich mich mit dieser Rolle schon einige Male konfrontiert. 

Ich sehe mich aber außerstande, neben einem tagesausfüllenden Beruf den Kindern noch neuen Lehrstoff zu vermitteln. Ich wünsche mir, dass dieser Zustand bald ein Ende hat.

Gerade Grundschüler brauchen die Struktur eines Schulalltags, sie brauchen gut vermitteltes Grundwissen, auf das sie später aufbauen können. Nicht auszudenken, wenn das jetzt nicht in vollem Umfang gelingt.

Da kann ich nur hoffen, dass später einmal bei Prüfungen, wenn nicht vermittelter Stoff abgefragt werden sollte, sich jemand an früher erinnert und sich die Ausrede "Wir hatten damals Corona" positiv auf die Note auswirkt.

Zorro auf dem Wertstoffhof

Freitag, 24. April: Eigentlich wollte ich heute auf dem wiedereröffneten Wertstoffhof in Pirna nur einige Restmüllsäcke erwerben, ich will alte Sachen aussortieren. Als ich fröhlich zur Verkaufsbude strebte, erinnerte mich jäh ein freundlicher, aber resoluter Mitarbeiter an meine Pflicht.

"Bitte eine Maske aufsetzen, sonst dürfen Sie nicht auf das Gelände", rief er mir entgegen. Ach ja, da war ja noch was. Als pflichtbewusster Staatsbürger hatte ich natürlich eine Maske im Auto. Maskiert startete ich einen neuen Versuch. Ich bekam die verlangte Ware.

So richtig gewöhnt habe ich mich ehrlich gesagt noch immer nicht an diese Nase-Mund-Gardine. Aber ich weiß: ich kann damit zumindest ein bisschen verhindern, andere anzustecken. 

Heroisiert von diesem Gedanken fühlte ich mich mit der Maske gleich wie Zorro, Rächer der Enterbten. Ich stellte mir vor, wie ich auf dem Wertstoffhof einritt, den Wegwerfenden vielleicht noch brauchbares Gut entriss, um des Bedürftigen zu schenken.

Vielleicht ließe sich eine solche Aktion auch wiederholen, indem ich mich vor das nahe gelegene Kaufland stelle und diejenigen, die Klopapier hamstern, um ihre überzählige Ware erleichtere, um sie an jene zu geben, die bislang leer ausgingen.

Aber ich entschied mich dann doch, es lieber bleiben zu lassen. Es sind mir gerade zu viele Zorros unterwegs, da kann ich als einzelner Held nicht wirklich aus der Masse hervorstechen.

Der Strand im Vorgarten

Donnerstag, 23. April: Obwohl gerade erst wieder die Schulzeit begonnen hat, sinniert Kind zwei schon wieder häufig über die bevorstehenden Sommerferien. Vor allem beschäftigt es sich mit der einen entscheidenden Frage: Können wir in diesem Sommer wie geplant in den Urlaub fahren?

Der Ostseeurlaub ist schon seit vergangenem Jahr gebucht, wir freuen uns alle sehr darauf. Leider kann ich meinem Kind noch keine verbindliche Antwort geben, was mich wiederum sehr bedrückt.

Auch ich bin dieser Tage in Gedanken oft bei unseren Quartier-Vermietern, die fast ausschließlich vom Tourismus leben, derzeit aber keine Einkünfte haben. Schon deshalb würde ich im Sommer gern zu ihnen reisen.

Andernfalls muss ich mir überlegen, wie ich dieses Ostsee-Gefühl nach Hause bekomme. Das Kind kiloweise mit Sonnencremé einzuschmieren und im Sandkasten zu wälzen, dürfte kein Problem sein. Schwieriger wird es schon, im Vorgarten Sand für Düne und Strand aufzuschütten. Auch traue ich mich noch nicht so recht, die Wiese hinterm Haus mit Salzwasser zu fluten. Aber selbst wenn, wie simuliere ich dann den Wellengang? An meine Grenzen stoße ich auch, wenn ich Eisverkäufer, Rettungsschwimmer und Fisch-Räucherer in einer Person mimen soll.

Immerhin habe ich gesehen, dass einige Versandhändler Strandkörbe für einen recht günstigen Preis anbieten.

Noch aber mache ich meinen Kindern und auch mir Hoffnung auf die tatsächliche Ausfahrt an die See. Bis zum August ist es ja auch noch etwas hin.

Nuscheln mit Mundschutz

Mittwoch, 22. April: Heute nun war Premiere: Ich ging einkaufen - erstmals mit Mundschutz. Ich weiß, dass dieser textile Gesichtsvorhang Menschen davor bewahrt, nicht unnötig mit der Atemluft anderer eingenebelt zu werden. Doch so richtig habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, eine Maske zu tragen. Viele zweifeln ja ihre Schutzwirkung auch mächtig an.

Zumindest als Brillenträger ist man mit Maske häufig im Nebel unterwegs, weil die Optik  beim Ausatmen ständig beschlägt. Dabei fällt mir ein, dass eine bestimmte Kombination wohl der effektivste Infektionsschutz wäre: Mundschutz sowie das Verbot, auszuatmen. Wahrscheinlich ist das Verfahren aber noch nicht ausreichend erprobt, um praxistauglich zu sein.

Außerdem muss man mit Maske viel lauter sprechen, um sich Gehör zu verschaffen, dabei ist aber wieder mehr Luftdruck nötig, wobei zusätzliche Atemluft entweicht. Hmm. Also ist es wohl besser, Mundschutz zu tragen und zu schweigen.

Denn auch sonst gäbe es erhebliche Verständigungsprobleme. Manch eingefleischter Sachse ist schon ohne Mundschutz schwer zu verstehen, mit der Bedeckung vor Riech- und Sprechorgan wird der Sprachbrei dann allerdings zu einem einzigen Genuschel.

Immerhin gilt in Autos keine Maskenpflicht. So kann man dort uneingeschränkt seinem Lieblingshobby nachgehen und andere Kraftfahrer nach Herzenslust beschimpfen, sogar so, dass es der andere an den Lippen ablesen kann - ohne sich auf die gängigen Fingerzeichen beschränken zu müssen.

Anruf mit Überraschung

Dienstag, 21. April: Ich muss gestehen, dass ich bislang nicht mit einer flächendeckenden Maskenpflicht gerechnet habe. Irgendwie habe ich das Thema immer weit von mir hergeschoben. Außerdem bin ich ja nicht so oft draußen, auch fahre ich fast nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Daher habe ich mich bisher auch nicht mit Masken bevorratet, ich wusste auch, ehrlich gesagt, nicht, woher ich mir welche besorgen sollte. Jetzt aber brauche ich dringend welche, zumindest fürs Einkaufen, sonst komme ich ja nicht mehr in den Supermarkt. Nun war plötzlich guter Rat teuer.

Umso überraschter war ich, als ein lieber Freund anrief und mich fragte, ob ich bereits Schutzmasken vorrätig hätte. Falls nicht, könne ich gern welche bekommen, seine Frau nähe schon seit Wochen einfache Schutzmasken mit einem ziemlich ausgeklügelten Verschlusssystem. Freudig sagte ich zu, wenig später fand ich zwei Masken in meinem Briefkasten. Ich dankte dem Spender ganz herzlich dafür.

Und dieses Beispiel zeigt: Ganz viele Menschen, ob Senioren, in Vereinen oder Mitarbeiter kleinerer, bislang geschlossener Geschäfte, nähen jede Menge Masken, die sie spenden oder für kleines Geld abgeben. All jenen gebührt ein großes Dankeschön, für mich ist das gelebte Nächstenliebe.

Und ich empfinde es auch als wichtig, diese Masken zu tragen, zumindest an jenen Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen oder sich die geforderten Abstände nicht immer einhalten lassen. Denn so kann jeder ein wenig dazu beitragen, das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Hurra, ich habe Küchenpapier!

Montag, 20. April: Zuweilen machen einen die kleinen Dinge im Leben ganz besonders glücklich, vor allem bei solchen Angelegenheiten, die früher einmal kein Problem waren, jetzt aber schon. 

So blickte ich jetzt überrascht im Supermarkt in ein Regal und stellte fest: Es gibt wieder Küchenpapier, schlichte, gut saugende, auf Rollen aufgewickelte Zellulose. Zwar durfte man nur eine Packung à vier Rollen nehmen, daran hielt ich mich auch. Denn der Vorrat reicht wieder eine Weile, um die Hinterlassenschaften einer manchmal inkontinenten Katze vom Fußboden aufzuwischen. 

In den Wochen zuvor war es indes schier unmöglich, auch nur eine Rolle davon zu ergattern, viele hatten das Papier enorm gehamstert. 

Und ich frage mich: Was machen die Menschen, die jetzt vermutlich auf Tonnen von Küchenrollen sitzen, mit all dem Zeug? Rollen sie es als weißen Teppich aus, wenn sie demnächst wieder Besuch empfangen dürfen? Filtern sie jetzt ihren Kaffee damit? Eignen sich die Blätter als Tapete? Lässt sich aus mehreren dieser Quadrate eine Patchwork-Decke häkeln? Kann man damit Schutzmasken herstellen? Gelten die Dinger bald als Zahlungsmittel?

Ich habe beschlossen, mir keinen Vorrat davon anzulegen, eigentlich gab es Küchenpapier ja immer im Überfluss, und so wird es sicher auch wieder sein. Und mit den vier erworbenen Rollen ist bei mir erstmal wieder alles in trockenen Tüchern.

Ungeschützter Einkaufs-Verkehr

Sonnabend, 18. April: Ich habe mich in den vergangenen Wochen lange nicht mehr so sicher gefühlt wie beim Einkaufen. Vor dem Supermarkt meines Vertrauens stand bislang ein Mann vom Sicherheitsdienst.

Behände wischte er die Griffe der Einkaufswagen ab und sprühte auf Wunsch auch die Hände mit Desinfektionsmittel ein. Ich bewunderte ihn, wie er klaglos und immer freundlich diese monotone Arbeit verrichtete. Und ich wusste: Bei solch geballter Schutzkraft hat das Coronavirus keine Chance.

Angesichts der Security fühlte ich mich sogar ein wenig wie früher, als ich vor dem Einlass an der Disko stand. Der Gang zur Tanzmusik war oft verbunden mit dem Kick, ob man auch am Türsteher vorbeikommt. 

Und nun stellten sich auf einmal schon vor der Konsum-Tour knifflige Fragen: Trage ich die passende Kleidung, um in den Supermarkt gelassen zu werden? Passe ich zur Mischung des Publikums im Laden? Nach welchen Kriterien wählt der Einlass die Besucher aus? Mit welchem Bein ist der Türsteher am Morgen aufgestanden? Würde die simple Ausrede "Ich will hier einkaufen" ausreichen, um in den Markt zu kommen? Und wenn nicht, würde dann zuhause die Ausrede "Ich bin heute nicht am Türsteher vorbeigekommen" reichen, um die Nahrungsmittel-Knappheit zu begründen? Bislang jedoch war der Einlasser zumindest immer sehr wohlwollend. 

Doch heute stellte ich entsetzt fest: Es gibt ihn nicht mehr, der Platz am Eingang ist verwaist, jeder durfte rein, einfach so, ohne sprühen, ohne Kontrolle. 

Jetzt fürchte ich mich ein wenig vor dem ungeschützten Einkaufs-Verkehr und allzu viel Anarchie im Konsum-Tempel.

Anfängerfehler im Heimbüro

Freitag, 17. April: Heute sind es auf den Tag genau fünf Wochen, die ich nun schon im Homeoffice zubringe. Es war bislang, sagen wir mal, eine recht anspruchsvolle Zeit, zumal ja nebenher auch die Kinder zu betreuen sind.

Zugegeben, ich bin nicht der klassische Heimarbeiter. Ich brauche einen Ort, wo Arbeit ist, und zwar nur Arbeit, keine Ablenkung. Und wenn ich diesen Ort verlasse, dann ist Arbeit eben vorbei.

Daheim gelingt das nicht immer. Ich ertappe mich ab und zu dabei, wie ich noch immer einige Homeoffice-Anfängerfehler begehe. So habe ich nach dem Aufstehen schon mal vergessen, mich einigermaßen in Schale zu werfen, zumindest, mich vom Schlafzeug in eine halbwegs gemütliche Robe zu schwingen. Immerhin ist die Jogginghose inzwischen zum Statussymbol der Heimarbeit geworden. 

Auch war ich morgens manchmal drauf und dran, meine Tasche zu packen und das Haus zu verlassen. In solchen Fällen musste ich mich erst wieder vergewissern, dass die Arbeit ja jetzt im Nebenzimmer stattfindet. 

Gelegentlich schlurfe ich auch nachts um elf noch zum Rechner, um nach neuen E-Mails zu schauen, früher undenkbar. 

Bislang habe ich mich allerdings tapfer dagegen gewehrt, dass mich der Haushalt zu sehr ablenkt. Mit eiserner Disziplin konnte ich verhindern, die Wohnung vorzurichten oder den Garten umzugraben. 

Dennoch merke ich, dass ich auch nach fünf Wochen manchmal noch nicht wirklich angekommen bin im Homeoffice. Und so gehört nun ein Satz zu meinem Repertoire, der mir früher wohl nie über die Lippen gekommen wäre: "Ich will wieder in mein richtiges Büro."

Sehnsucht nach Schule

Donnerstag, 16. April: Die Kinder haben ja gerade Ferien und genießen die schulaufgabenfreie Zeit. Sie spielen, entspannen sich, es tut ihnen gut.

Umso mehr verblüffte mich Kind zwei jetzt mit einer sentimentalen Anfrage: Es hatte Sehnsucht nach Schule. "Sie fehlt mir wirklich sehr", erklärte es. 

Zunächst konnte ich das nicht so richtig nachvollziehen, als ich Schulkind war und Ferien hatte, sehnte ich mich so ziemlich nach allem, aber nicht nach dem Klassenzimmer. 

Eigentlich ist das auch bei Kind zwei so üblich. Nun gut, es geht gern in die Schule, wie gern, ist allerdings tagesformabhängig. Woher kam nun dieser Sinneswandel?

Um Kind zwei etwas zu trösten, überlegte ich mir, einen Eimer Schultafel-Farbe zu kaufen, eine Wand damit zu streichen und darauf die Tagesaufgaben zu schreiben, um zumindest ein wenig Pauker-Atmosphäre zu Hause einziehen zu lassen. Doch der Plan scheiterte daran, dass ja derzeit noch die Baumärkte geschlossen sind.

Auch der Vorschlag, Kind zwei könne doch auch jetzt jeden Vormittag drei Stunden, unterbrochen von einigen zehnminütigen Pausen, still am Tisch sitzen, stieß auf wenig Begeisterung. 

Als ich fragend nachbohrte, erklärte Kind zwei, dass es sich weniger nach Unterricht, sondern vielmehr nach seinen Klassenkameraden, seinen Kumpels sehne. Es vermisste es sehr, einfach mal mit seinen Freunden zu quatschen oder in der Hofpause Fußball zu spielen. 

Ich erkannte den Ernst der Lage, wie wichtig diese sozialen Kontakte in der Klasse sind, ich erkannte auch, wie fünf Wochen ohne diese Kontakte ein Kind recht zermürben können. 

Ich habe leider noch keine Idee, wie ich meinem Kind sämtliche Klassenkameraden ersetzen soll. 

Nachrichtliche Mono-Kultur

Mittwoch, 15. April: Wie ich bereits in einem früheren Tagebuch-Eintrag erwähnte, schaue ich mit den Kinder regelmäßig die Kindernachrichten "Logo" auf dem Kinderkanal. Die Kinder saugen die Themen meist wissbegierig auf, die Sendung ist eigentlich immer recht abwechslungsreich.

Manchmal schalte ich danach zur Tagesschau um, um mich über die allgemeine Weltlage zu informieren. Die Kinder stöhnen dann schon immer, weil ihnen die Nachrichtenlast zu groß wird.  Dennoch gaben sich die Kinder lange Zeit geduldig, aber jetzt riss Kind eins endgültig der Geduldsfaden. 

Wiederholt stellte es die Frage: "Warum geht es immer nur um dieses eine Thema?" Ich erklärte, wie wichtig Infos über dieses Thema sind, schließlich sei es ja eine weltweite Krise. So richtig überzeugen konnte ich damit allerdings nicht. 

Und ich stellte selbst fest: Es herrscht tatsächlich coronabedingt eine weitgehend nachrichtliche Mono-Kultur. Oft wiederholt der inzwischen zehnte Experte das Gesagte vom Vortag, oft geht auch der Neuigkeitswert gegen null. 

Dabei gebe es doch, sagt Kind eins, so viele berichtenswerte andere Themen. Es stellte sogleich einen Fragenkatalog auf: Was ist mit der Abholzung des Regenwaldes in Brasilien? Schmilzt das Eis in der Arktis weiter? Wie geht es den Kindern im immer noch währenden Krieg in Syrien? Welche Not leiden die bürgerkriegsgebeutelten Kinder im Jemen? Wie verzweifelt sind die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern? Und wie lange ist dieser Hirnie noch Präsident der USA?

Auch wenn das Corona-Thema sehr wichtig sei, sagt Kind eins, dürfe doch all das andere nicht vergessen werden. Recht hat es.

Oma fehlt

Dienstag, 14. April: Ich habe mich sehr bemüht, mit den Kindern ein schönes Osterfest zu feiern. Vieles haben wir gemacht wie immer, es gab natürlich Geschenke, auf den Familiengottesdienst mussten wir leider verzichten.

Es war nicht der einzige Verzicht. Denn eines konnte ich den Kindern nicht nehmen: ihre Sehnsucht nach den Großeltern. Traditionell besuchen wir zu Ostern Omas und Opas, das fiel nun dieses Jahr aus. Überhaupt ist es schon eine Weile her, dass wir uns gesehen haben. Das nehme ich Corona besonders übel.

Beide Kinder beklagten diesen Missstand sehr, einhellig intonierten sie: Wir vermissen Oma. Das fällt nun gleich doppelt ins Gewicht, weil sie jetzt einige Ferientage bei den Großeltern verbracht hätten, woraus aber aus bekannten Gründen ebenfalls nichts wird.

Dieser erzwungene Kontaktverzicht macht mir wieder bewusst: Großeltern sind für Enkel etwas ganz Wertvolles, ihr Dasein und ihre Fürsorge sind unbezahlbar. Und sie leiden auch selbst sehr darunter, ihre Enkel gerade nicht sehen zu können. Das können auch Telefonate nicht wettmachen.

Ich erinnere mich so gern an früher, ich war ganz oft bei meinen Großeltern, ich habe mich naschenderweise durch Omas Kochtöpfe gekämpft, sie hat mir stundenlang Märchen vorgelesen. Und Opa hat mir Federballspielen und Schlittschuhlaufen beigebracht. Und ich durfte bei Oma und Opa so vieles, was meine Eltern eigentlich nicht so gerne sahen. So ist es auch heute bei meinen Kindern, bei Oma und Opa gelten ganz eigene Gesetze. 

Um den gerade ausbleibenden Direktkontakt etwas auszugleichen, überlege ich, hier zu Hause etwas großelterliche Anarchie einziehen zu lassen. Aber ob das gut geht?

Ostern mit Schuss

Sonntag, 12. April: Heute habe ich ein wenig meine Kinder irritiert, dabei hatte ich mir so große Mühe gegeben. Ich war extra zu einer professionellen Vorgehensweise gewechselt und hatte das Oster-Einerlei, statt es nur zu verschenken, sogar versteckt, um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen. 

Der Garten schied dabei allerdings aus, sämtliche Verstecke waren hinlänglich bekannt und in den Vorjahren abgegrast worden. Außerdem wollte ich angesichts des österlichen Sonnenscheins vermeiden, dass wir nachher einen Schokoladen-Auflauf haben.

Die Kinder suchten also in der Wohnung, lange, um dabei mehrmals an mir mit bedrückter Miene vorbei zu flanieren mit den Worten: Ich finde nichts. Ich ermutige sie, doch weiter zu kundschaften und gab kleine Hinweise.

Kurz darauf erschall aus jedem Zimmer ein Freudenruf. Einen Osterhasen hatte ich bei Kind zwei ins Regal mit seinen Lieblingsautos gestellt. Die Verpackung glänzte ähnlich wie der Lack der Karossen, da kann man schon mal durcheinander kommen. Bei Kind eins hatte ich den Hasen mitten auf dem Schreibtisch platziert, aber in diesem kreativen Gewühl kann man schon mal den Überblick verlieren. 

Die restlichen Überraschungen fanden sich in den Kleiderschränken der Kinder. Die Freude war bei allen groß, auch bei mir, denn solange hatten sie noch nie gesucht. Leider sind die Verstecke nun für nächstes Jahr verbrannt. 

Und zu allem Überfluss hat am Nachmittag auch noch die Hexe nach mir geschossen, ich bin wegen der Rückenschmerzen gerade etwas meines aufrechten Ganges verlustig. 

Aber ich habe festgestellt, dass man in gebückter Haltung ohnehin viel besser Osternester am Boden suchen kann ...

Denunzier mit mir

Sonnabend, 11. April: Als ich mit dem Rad erneut auf Lungendurchlüftungs-Tour war, nahm ich teilweise bedrohliche Zustände wahr. Mehrere Ausflügler, die ich in einem Waldstück sah, ließen sich offensichtlich nicht von einer Rudelbildung abbringen. 

Zu größeren Scharen formiert strebten sie ins Unterholz. Ich hatte so meine Zweifel, ob es sich hierbei lediglich um eine große Familie handelt, so viele Kinder und Erwachsene im scheinbar gleichen Alter konnten unmöglich zu einer Familie gehören. 

Später, daheim, konnte ich auch vom Fenster aus beobachten, wie einige zu Herden formierte Jugendliche auf dem Fußweg liefen. Der Sicherheitsabstand zueinander betrug höchstens eine Bierflasche.

Beim Anblick jener Ausgangsgebot-Verweigerer erwachte sofort das Bedürfnis, ihnen mahnend Einhalt zu gebieten. Doch wie stellt man das am besten an? Ich erinnerte mich wieder an meine Kindertage und jenen in solchen Dingen erfahrenen und hocheffizienten Nachbarn, der stets mit hochroter Rübe vom Balkon schrie: "Auf dem Wäscheplatz wird nicht Fußball gespielt!"

Ich überlegte, ihn nachzuahmen, ein Kissen aufs Fensterbrett zu legen, wachend den Straßenzug im Blick zu behalten und Delinquenten anzubrüllen: "Auf den Mindestabstand achten!"

Effektiv wäre auch, mit dem Auto, heruntergelassenem Fenster und Megaphon am Waldrand entlangzufahren und zu rufen: "Der Wald ist umstellt. Kommen Sie mit weit zur Seite ausgebreiteten Armen heraus!"

Ich könnte jedoch auch ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich habe Covid 19" tragen und laut hustend in größere Menschenansammlungen rennen. 

Ich habe aber dann doch sämtliche Ideen wieder verworfen. Sonst hält mich nachher noch jemand für einen informellen Mitarbeiter (IM) namens Corona vom MfS (Ministerium für Seuchenschutz) ...

Die Kraft aus der Stille

Freitag, 10. April: Heute ist Karfreitag, traditionell ein stiller Tag. Wir Christen gedenken an diesem Tag des Leidens und Sterbens Jesu Christi am Kreuz. Zu seiner Todesstunde, 15 Uhr, haben die Glocken geläutet, nun schweigen sie bis Ostersonntag. Öffentliche Veranstaltungen sind am Karfreitag nicht gestattet, insofern ruht vieles.

Nun erleben wir aber derzeit ohnehin außerordentlich viel Stille, auch Stillstand, für manch einen sicher zu viel des Guten. Das öffentliche Leben liegt nahezu darnieder, öffentliche Veranstaltungen sind schon seit Wochen tabu.

An manchen Tagen fühlt es sich wie gelähmt an, nicht all das tun zu können, was man gern machen möchte. Und ich weiß, zu viel Stille kann zuweilen auch wehtun.

Aber der Stille wohnt auch etwas Besonderes inne: Man kann sich in der Stille auf das Wesentliche besinnen, nichts lenkt ab. Wir können bei uns sein, dürfen dankbar sein für das, was wir haben, wir müssen nicht stets nach dem Höher, Schneller, Weiter streben. 

Aus der Stille lässt sich viel Kraft schöpfen, es tut gut, einmal inne zu halten und aus dem Lebensstrom für einen Moment beiseite zu treten. 

Mit neuer Kraft kann man anschließend durchstarten. Dinge, die wir in Stille und Stillstand vermisst haben, werden wir dann neu, ganz anders und bewusster wahrnehmen. 

Ich weiß, vier, fünf Wochen Stille und Stillstand sind hart, aber es wird früh genug wieder laut um uns werden.

Das perfekte Dinner

Donnerstag, 9. April: Um die Mittagszeit waberte mir bedrohlicher Rauch aus der Küche entgegen. Eigentlich roch er ganz gut, zur Sicherheit schaute ich aber doch lieber nach, was in der heimischen Kombüse so vor sich ging.

Kind eins stand vergnügt am Herd, mit den geübten Handgriffen eines Küchenmeisters rührte es gerade in der Pfanne vor sich hin röstende Schinkenwürfel um. 

Auf meinen fragenden Blick hin verriet mir Kind eins, es bereite jetzt Mittagessen für sich und Kind zwei zu. Für sich selbst hatte Kind eins Nudeln mit Tomatensoße gewählt, die Schinkenwürfel benötigte es, um den Geschmack abzurunden.

Kind zwei gelüstete es eher nach Rührei, auch mit diesem gingen einige übrige Würfelchen eine aromatische Liaison ein.

Auf die Frage, ob ich etwas helfen könne, kam die kurze wie beruhigende Antwort, man kümmere sich schon selbst. "Papa, mach Du nur Deine Arbeit", sagte Kind eins.

Allerdings machte ich mir einerseits Vorwürfe, dass ich keine Zeit hatte, etwas zu kochen. Andererseits war ich sehr stolz, dass die Kinder schon derart selbstständig sind, das ist gewiss keine Selbstverständlichkeit.

Da konnte ich es auch verschmerzen, dass die Küche aussah, als hätte ein Trupp Sterneköche eine hundertköpfige Gesellschaft verpflegen müssen. Gelüftet habe ich dann aber doch, wahrscheinlich haben wir mit dem Schinkendunst sämtlichen Bewohnern angrenzender Straßenzüge den Mund wässrig gemacht.

Ich überlege jetzt, ob ich die Kinder für die Küchenschlacht oder "Das perfekte Dinner" anmelde. Gute Chancen hätten sie. 

Ein Hoch aufs Taschentelefon

Mittwoch, 8. April: Ich gebe zu, ich habe mich lange dagegen gesträubt, dass Kind eins ein eigenes Taschentelefon, neudeutsch Smartphone, bekommt. Ich meine diese kleinen Computer, mit denen man durchaus auch in der Lage ist, zu telefonieren.

In Gedanken malte ich ein düsteres Szenario, was wäre, wenn: Ich sah Kind eins mit rotgeränderten Augen nächtelang Internetvideos schauen, befürchtete, das Kind könnte an einem Laternenmast zerschellen, wenn die Augen nur noch auf dem Gerät ruhen. Das Schlimmste, dachte ich mir, wäre ein kompletter Sprachverlust, wenn die Kinder zwar beieinander sitzen, sich aber nur per eingetippter Kurznachricht verständigen.

Nun gut, so schlimm ist es letztlich nicht geworden. Kind eins hat jetzt ein eigenes Smartphone, ich will ja auch dem technischen Fortschritt nicht im Weg stehen. Und die Zeiten, in denen es darauf herumdaddeln kann, sind ohnehin von mir begrenzt.

Inzwischen entpuppt sich das Elektrodings als wahrer Segen. Kind eins kann übers Internet seine Schulaufgaben abrufen und mit der Lehrerin kommunizieren, es kann per Video mit Freundinnen telefonieren, die es gerade real nicht treffen darf oder eine Botschaft an die Oma schicken, die gefühlt gerade ganz weit weg ist.

Und zu meiner Überraschung hockt Kind eins nicht den ganzen Tag vor diesem Gerät, es beschäftigt sich tatsächlich auch mit realen Dingen und trifft sich mit ihrer besten Freundin, um draußen zu spielen. Ich bin beruhigt.

So, nun muss ich aber erst einmal Facebook, Instagram und Youtube checken.

Soll ich jetzt Benzin hamstern?

Dienstag, 7. April: Ich bin heute seit Längerem mal wieder zu einem Termin außer Haus gefahren und habe auf diese Weise mein Auto kurzzeitig aus der stellplatzbezogenen Zwangsquarantäne befreit. Zu meiner Freude hatte der Wagen seine Fähigkeiten nicht verlernt.

Mein Treffpunkt lag zufällig in der Nähe einer Tankstelle, so beiläufig fiel mein Blick auf die dortige Preistafel. Verwundert rieb ich mir die Augen.

Der Liter "Super E 10" kostete 1,11 Euro, der Liter Normalbenzin 1,16 Euro. Hatte ich mich versehen und war auf die Anzeige mit den Diesel-Preisen gerutscht? Nein, Benzin ist gerade tatsächlich so preiswert wie schon lange nicht mehr.

Nun gut, dachte ich mir, viele können davon ohnehin nicht profitieren, es darf ja eh keiner verreisen. Dabei würde sich das jetzt echt lohnen.

Ich habe mir kurzzeitig überlegt, ob ich angesichts derartiger Preise etwas Treibstoff hamstern sollte. Vielleicht kommt ja nach der Corona-Krise eine Ölkrise, vielleicht kann ja auch bald keiner mehr Öl fördern, wenn alle am Virus erkrankt sind. Ich witterte eine Geschäftsidee.

Die scheitert aber wohl an den Lagerkapazitäten. Die Anzahl der Benzinkanister in meinem Besitz tendiert gegen null. Aber vielleicht könnte ich mir ja einen Tanklaster leihen und ihn gefüllt auf Halde stellen? Auch meinen Keller könnte man mit einer stattlichen Ladung Treibstoff fluten, ich bin mir nur nicht ganz so sicher, ob mein Vermieter da mitspielt. 

Für den Anfang ließ ich zunächst einmal einige Liter Benzin in den Tank meines Autos fließen. Schließlich fangen alle großen Dinge mal klein an.

Machtinstrument Fernbedienung

Montag, 6. April: Gemeinsam mit den Kindern sehe ich fast jeden Abend im Fernsehen die Kindernachrichtensendung "Logo". Sie zeigt die Welt aus Kindersicht. Meine Kinder finden die Themenauswahl gut, vieles spiegelt auch ihr eigenes Leben wider. 

Im Anschluss folgt immer eine Sendung im Kinderkanal, die die Kinder auch gern sehen, es geht so um Musik, Influencer und Jugendzeugs - wobei ich immer ein mitleidiges Lächeln der Kinder ernte, wenn ich die Protagonisten nicht so genau kenne.

Seit einigen Wochen durchkreuze ich aber diese Pläne. Punkt 20 Uhr schalte ich um zur Tagesschau, ich möchte gern über die Weltlage informiert sein. Kind zwei freut sich stets, mitschauen zu dürfen, es weiß über vieles Aktuelle sehr gut Bescheid und kann die Namen der Sprecher aufsagen, bevor sie eingeblendet werden.

Bei Kind zwei setzt regelmäßig ein Stöhnen ein. Och nö, nicht schon wieder Nachrichten, nicht schon wieder dieses Thema. Kind zwei ist bereits sehr internetaffin und in der Regel schon vor der Tagesschau bestens informiert.

Doch es muss sich fügen: Zum Glück liegt die Fernbedienung, jenes Machtinstrument der herrschenden Klasse, stets in meiner Reichweite. Und die Tagesschau dauert ja nur eine Viertelstunde, na gut, jetzt auch mal länger.

Danach schalte ich wieder zum Kika, da läuft gerade eine Sendung, in der sechs Jugendliche auf sich allein gestellt die spanische Wildnis erkunden. Da lässt sich wieder mal "draußen" erleben - ein Gefühl, was einige vielleicht noch von früher kennen. Bei uns ist dann der Familienfrieden wieder hergestellt. Bis zur nächsten Tagesschau.

Ein Sonntag im Konjunktiv

Sonntag, 5. April: Mir war heute so, als schwelgte ich in Träumen. An diesem Wochenende wäre der Pirnaer Osterzauber gewesen, das traditionell erste verkaufsoffene Wochenende im Jahr, verbunden mit einem Familienfest.

Wir wären heute sicherlich in die Stadt gegangen. Die Kinder hätten ein Eis gegessen, vielleicht hätten sie auch Ostereier gesucht. Möglicherweise wären sie auch eine Runde Karussell gefahren. 

Wahrscheinlich hätten wir uns auch ein paar Blumen für den Balkon gekauft. Die Händler hätten sich über die zusätzlichen Umsätze gefreut, die sie so dringend brauchen. Wir hätten sie gern unterstützt. 

Bestimmt wären wir auf die Elbwiesen gegangen und hätten die Frühlingssonne genossen. Das alles hat nun aus bekannten Gründen nicht sein dürfen. Ich weiß, dass sich das gerade nicht ändern lässt, dennoch stimmt mich das etwas traurig.

Genauso traurig war wohl auch der beste Freund von Kind zwei. Er hat heute Geburtstag und hätte seinen Ehrentag sicher gern in großer Runde gefeiert, seine Freunde wären gern dabei gewesen. Wir erfuhren von dem Geburtstag erst am späten Samstagabend.

Um ihm wenigstens eine kleine Freude zu machen, packte mein Kind zwei seiner liebsten Spielzeugautos zusammen, eine Packung Kinderschokolade fand sich noch im Vorratsschrank. Beides brachte Kind zwei am Nachmittag seinem Freund vorbei, die Freude war groß. 

So ist wenigstens aus einem "wäre" ein "ist" geworden.

Sanftmut im Supermarkt

Sonnabend, 4. April: Wie so oft in den vergangenen Tagen fühle ich mich zuweilen an meine Jugendzeit erinnert. Ich musste früher immer donnerstags zum Fleischer gehen, da gab es frische Wurst und frisches Fleisch. Die Wochenration wollte geholt werden.

Die Liste der tierischen Endprodukte, die mitzubringen waren, war mir von elterlicher Handschrift vorgegeben. Mit dem Fahrrad fuhr ich also zum Wurstfachgeschäft unseres Vertrauens.

Ich war stets mindestens eine Stunde vor Ladenöffnung am Nachmittag dort, und stets war es das gleiche Bild: Ich reihte mich in eine lange Schlange ein. Die Wartenden waren irgendwie ein soziales Phänomen, sozusagen eine Schicksalsgemeinschaft, die das gleiche Ziel einte: Im Zweifel Wiener im Naturdarm.

Alle warteten so vor sich hin, man schwatzte, scherzte, lachte. Niemand beklagte sich, das Warten gehörte einfach dazu. 

Gleiches erlebe ich nun wieder. Als ich heute zum Konsumtempel strebte, stand davor eine lange Schlange, jeder hielt sich an die im Zweimeter-Abstand aufgemalten weißen Linien. Statt Hektik gab es Sanftmut, man schwatzte, lachte, stand geduldig, bis der vorherige Kunde unter Aufsicht des Wachmannes seinen Einkaufswagen freigab.

Auch im Markt war es auffallend ruhig, niemand war in Eile. Und die Kassiererinnen schwangen in diesem Gleichklang mit, sie lächelten, nahmen sich Zeit für einen kurzen Plausch. Dankeschön dafür.

Und falls jetzt jemand fragt: Nein, ich wünsche mir die Zeiten, in denen man für alles anstehen musste, nicht zurück.

Aber ich vermisse gerade nicht all jene militanten Einkäufer, die sonst schubsend und drängelnd in übertriebener Hektik durch den Supermarkt marodieren, als gäbe es kein Morgen mehr.

Tränen im Kinderzimmer

Freitag, 3. April: Das verordnete heimische Dasein und die damit einhergehenden eingeschränkten Kontakte zu Freunden haben heute bei Kind zwei kurzzeitig zu einer Tragödie geführt.

Kind eins hatte sich mit seiner Freundin verabredet, ich habe dieses Treffen gestattet, damit den Kindern nicht die Decke auf den Kopf fällt. Und sie spielen ja nur zu zweit, zudem ausschließlich draußen. So ließ ich Kind eins ziehen, die Schularbeiten waren ja brav erledigt worden.

Kind zwei wollte unbedingt mit, allerdings wollten die Freundinnen heute mal unter sich bleiben. Kind zwei durfte nicht dabei sein. Ja, Kinder können untereinander zuweilen hart sein.

Kind zwei brach daraufhin in Tränen aus, ich musste es eine Weile trösten. Ich erklärte ihm die Situation und auch, dass ich wegen meiner vielen Arbeit gerade wenig Zeit habe, etwas zu spielen. Schön ist das nicht, und ich ziehe symbolisch vor allen den Hut, die gerade ebenso Arbeit und Kinderbetreuung in Einklang bringen müssen, vielleicht noch unter viel widrigeren Umständen. Ich habe aber Kind zwei versprochen, dass wir am Wochenende im Garten Fußball spielen. Die Tränen trockneten derweil.

Und am Nachmittag kam dann doch noch ein erlösender Anruf: Der beste Freund von Kind zwei wollte vorbeikommen, dann haben die beiden eine ganze Weile im Garten gekickt. 

Und abends gab es, wie jeden Freitag, Nudeln zum Abendbrot, mit meiner Tomatensoße, die die Kinder so lieben. Da war die Welt wieder in Ordnung. Vorerst.

Haarmonie in Gefahr

Donnerstag, 2. April: Vor einigen Wochen, das Leben verlief noch weitgehend normal, erinnerte mich Kind eins an eine wichtige Angelegenheit: es müsse mal wieder zum Friseur.

Gesagt, getan, doch nun ist der Termin erst einmal in weite Ferne gerückt, der Salon ist geschlossen, sehr zum Leidwesen von Kind eins. Es versteckt jetzt seine Haarpracht gern mal unter einer Mütze.

Aber auch ich leide unter dem fortwährend weiterwuchernden Kopfschmuck. Der Versuch, den Haaren wegen der Corona-Pandemie einen Wachstumsstopp aufzuerlegen, schlug fehl.

Inzwischen sinniere ich nach Möglichkeiten, mich selbst der Sache anzunehmen. Ich bin handwerklich jetzt nicht so ganz talentfrei, aber gelingt mir auch ein professioneller Haarschnitt?

Favorisiert war zunächst die einfache Lösung, den Kindern einen Topf auf den Kopf zu setzen und dann mit einer Schere sauber am Rand entlangzuschneiden. Aber wie näht man bei diesem Vorgang abgetrennte Ohren wieder an? Beide Kinder lehnten diese Variante entrüstet ab.

Vielleicht gehen wir auch zu einem einheitlichen Familien-Look über, indem ich die Schermaschine auf drei Millimeter einstelle und sie dann kreisen lassen. Aber auch hier wenig Zuspruch. Was dann? Den Kopf in einen Eimer Enthaarungscremé stecken?

Wir lassen stattdessen einfach die 1970er-Jahre wieder aufleben und das Haar weiter wuchern, damals waren zottelige Langhaar-Mähnen schließlich in. Derweil hoffen wir inständig, dass der Friseur bald wieder öffnet. Sonst ist es hier bald vorbei mit der Haarmonie ...

Der Timur in uns

Mittwoch, 1. April: Unerwarteter Besuch klingelte heute an der Haustür. Und siehe da: ich wurde erneut beschenkt - mit rarem Gut. Ganz liebe Menschen brachten mir eine Rolle Küchenpapier. Sie erinnern sich, das ist jenes aufgewickelte weiße Zellstoffzeugs, das es früher einmal in jedem Supermarkt gab.

Ich freute mich riesig, denn unsere Vorräte sind aufgebraucht, aber gerade in einem Haushalt mit Kindern kann man diese gut saugenden Helferlein gut gebrauchen.

Es sind diese kleinen, so liebevollen Gesten, die das Leben ungemein bereichern. Trotz entrückter Sozialkontakte bringt diese Zeit, wie so oft in Krisen, etwas Wunderbares hervor: Solidarität. Viele entdecken in Zeiten gemeinsamen Leidens die Nächstenliebe wieder. Täglich erlebe ich das: Menschen gehen für Nachbarn einkaufen, helfen bei der Kinderbetreuung, bringen Hilfsbedürftigen dringend benötige Medizin.

Ich erinnere mich, dass wir diesen Gemeinsinn schon als Kinder und Jugendliche lebten. Wir nannten es damals Timurhilfe, benannt nach dem Roman "Timur und sein Trupp" von Arkadi Gaidar. Mehrfach in der Woche stellten wir uns vor die Kaufhalle in unserem Wohngebiet und halfen älteren Menschen, ihre Taschen nach Hause zu tragen. Einfach so, ganz ohne Gegenleistung.

Nun ist Timur, der Roman stammt von 1940, wieder ganz modern. Das ist schön. Hoffentlich geht der Timur in uns nach überstandener Krise nicht wieder flöten.

Wir haben jetzt einen Mufuti

Dienstag, 31. März: Als wir seinerzeit ein kleines Möbelstück kauften, ahnte wohl keiner, dass es einmal groß rauskommen würde. Wir erwarben es in einem bekannten schwedischen Möbelhaus, und ja, die Verschraubung ist bis heute stabil.

Es handelt sich um einen Couchtisch, 90 mal 90 Zentimeter groß, unten gibt es noch ein Fach Krimskrams. Bislang verrichtete der Tisch eher geringe Dienste. Normalerweise lungern nur einige Fernbedienungen auf ihm herum, ab und an landet ein Notizzettel von mir dort, oder eine Programmzeitschrift verirrt sich aufs nordische Weichholz.

Doch nun, in Zeiten von Heimarbeit und Dauer-Kinderbetreuung, haben wir etwas ganz Besonderes: einen Mufuti - einen Multifunktionstisch. Da ich, muss ich gestehen, durch raumgreifende Arbeitsweise mit meinem Zeug den gesamten Esstisch belagere, spielt sich unser allgemeines Leben nun ganz oft am Mufuti ab.

Wir essen dort gemeinsam, spielen, basteln, lesen, ab und an erledigen die Kinder dort auch ihre Schularbeiten, weil ihre Schreibtische aussehen wie... Ach, lassen wir das.

In der Oberfläche des Tischchens spiegelt sich dieses Leben wider, im Weichholz finden sich Abdrücke von Stiften ebenso wie von Lego-Bausteinen, auch einige Schrammen zieren das Möbelstück. Aber irgendwie ist es auch schön, wenn alle für alles an diesem kleinen Platz zusammenkommen.

Ich erwäge jetzt, dem schwedischen Möbelhersteller passende Namensvorschläge für den Tisch zu senden, natürlich mit skandinavischer Note, beispielsweise "Märzweckik" oder "Vilseitik".

Die Hausaufgaben sind geschafft

Montag, 30. März: Vor zwei Wochen sah ich mich mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert: Wie sollte es gelingen, angesichts von Homeoffice und reichlich Arbeit auch noch die Kinder daheim zu unterrichten? An Aufgaben von der Schule mangelte es nicht, die Lehrer hatten alles sorgsam aufbereitet, die Kinder waren reichlich eingedeckt worden.

Aber ich hatte Zweifel daran, ob sich das alles schaffen lässt, ob die Kinder durchhalten. Noch mehr Zweifel hatte ich daran, ob ich es schaffe, ihnen den Stoff so zu vermitteln wie ein Lehrer.

Doch nun kann ich sagen: Wir haben es geschafft, alle gemeinsam. Trotz der manchmal angesagten Zähmung der Widerspenstigen ist es uns gelungen, die Schulaufgaben der ersten 14 Tage restlos abzuarbeiten. 

Trotzdem muss ich gestehen: Es hätte längst nicht alles so reibungslos geklappt, hätten nicht die Kinder zeitweise ganz selbstständig gearbeitet, obwohl doch Spielzeug und Freunde riefen: Komm doch lieber zu mir! Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, und sie sind erleichtert, dass der Aufgabenzettel nun abgehakt ist.

Allerdings setzte heute schon wieder das große Stöhnen ein. Die Lehrer haben für die nächsten zwei Wochen neue Aufgaben angekündigt, schließlich soll ja keiner aus dem Unterrichtsrhythmus kommen - so schwer das derzeit auch fällt.

Einen kleinen Trost gibt es immerhin: Nach Ostern sind erst einmal Ferien.

Sieh, das Gute liegt so nah

Sonntag, 29. März: Gestern, als ich seit über zwei Wochen per Fahrrad mal wieder der Bewegung frönte, war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien, nur wenig Gewölk trieb am Himmel.

Ich sog die frische Luft tief ein, es tat gut, in den letzten Tagen war ich selten länger draußen. Ich radelte durch Wald und Flur, die Natur lag vor mir wie eine Palette reinster, unvermischter Farben. Wie sehr hatte ich das alles vermisst!

Und ich merkte: Die uns auferlegte Isolation schärft ungemein den Blick fürs Wesentliche. Ein frischer Luftzug, Vogelgesang, sich öffnende Blüten - es sind vor allem die kleinen Dinge, die unser Leben ausmachen und die wir im Alltag oft kaum beachten. So muss gleich ein Klassikers her: Sieh, das Gute liegt so nah!

Die wichtigsten Farbtupfer fehlten jedoch auf meiner Tour: die Menschen. Kaum einer war unterwegs. Das wiederum verleitete mich dazu, mich eines anderen Klassikers der Literatur anzunehmen:

Von Menschen befreit sind Straßen und Wege / durch des Coronas üblen Trick / jeder zieht sich in heimische Gefilde zurück / keiner kommt sich ins Gehege / doch es kehrt wieder, das Glück.

Wider die Trägheit

Sonnabend, 28. März: Ich habe mich heute notgedrungen erneut mit Naturwissenschaften beschäftigt. Ausgerechnet auch noch mit Physik. Physik ist noch weniger meins als Mathe. Ich glaube, mein Physiklehrer hat mich früher im Unterricht lediglich geduldet. Viel beizutragen hatte ich nicht wirklich.

Nun kramte ich in verschüttetem Wissen. Diesmal ging es aber gar nicht um die Schulaufgaben der Kinder. Sondern es ging um mich. Ich setzte mich also mit der Trägheit auseinander. Sie wissen, Trägheit ist die Eigenschaft einer Masse, ihren bewegungslosen Zustand beizubehalten, solange keine Kraft einwirkt, die diesen Zustand ändert.

Diese kritische Masse war in diesem Fall ich, die zu allem Übel auch schon recht lange ziemlich bewegungslos verharrte. Homeoffice, Schulaufgaben mit den Kindern und die notwendige Hausarbeit sorgen in der Woche nicht gerade für üppige Bewegungsschübe.

Nun musste also die Physik helfen. Mit viel mentaler Kraft versuchte ich, auf meine fast gänzlich zum Stillstand gekommene Masse einzuwirken. Und siehe da: Nach einer Weile ließ sich mein Körper in einen Zustand der Fortbewegung versetzen, er fuhr sogar eine ganze Stunde Fahrrad. Nach zwei Wochen Homeoffice und sehr begrenztem Bewegungsradius wusste ich gar nicht mehr, wie schön eine Änderung des Bewegungszustandes sein kann. Nun bin ich leidlich erholt und der Rücken schmerzt nicht mehr so sehr.

So einfach also lässt sich Trägheit überlisten. Ich nehme den Punkt Bewegungsänderungen ab sofort in meinen Wochenplan auf. Aber heute Abend, nach der Radtour, möchte mein Körper dann doch lieber wieder recht bewegungslos verharren.

Gilt Klopapier als Bestechung?

Freitag, 27. März: Als ich diese Woche beruflich zum Termin war, verlief zunächst alles normal. Es gab Kaffee, wir plauderten nett. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches.

Der Gastgeber überreichte mir ein Geschenk: eine Rolle Toilettenpapier. Ich war überrascht, offensichtlich verfügte der Schenker über einen Quell des derzeit raren Gutes, der noch nicht versiegt war. Innerlich jubilierte ich.

Andererseits fragte ich mich: Darf ich das überhaupt annehmen? In Zeiten, in denen die Regale leer sind, und jene aufgewickelte Zellulose wohl mehr wert ist als Gold und Aktien - gilt da eine Rolle schon als Bestechung?

Insgeheim überlegte ich mir schon, wofür ich diese Rolle verwenden könnte: Als Anzahlung für ein neues Auto? Als Sicherheit für einen Hauskredit?

Angesicht schrumpfender heimischer Vorräte entschied ich mich dann aber dafür, es für seinen eigentlichen Zweck zu verwenden. Doch wie lange würde diese Rolle reichen? Ich dividierte die Zahl der Blätter durch die Anzahl der durchschnittlichen Wischvorgänge ... Aber lassen wir das. Mathe ist nicht meins, wenn es alle ist, dann ist es eben alle.

Nach diesem kurzen Gehirnfasching nahm ich die Rolle dankend an, das Geschenk war eine nette Geste meines Gesprächspartners. Und das Toilettenpapier bleibt ja doch nichts weiter als weiches Altpapier - das uns stets den Allerwertesten rettet.

Staufrei zum Sonnenstein

Donnerstag, 26. März: Am Morgen hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl. Seit reichlich zwei Wochen hatte ich erstmals wieder beruflich einen Termin außer Haus. Ich würde also wieder Menschen treffen, so ganz real, so von Angesicht zu Angesicht.

Aber wusste ich überhaupt noch, wie das funktioniert? In den letzten Tagen hatten sich die Kontakte - zumindest außerfamiliär - auf Telefonate und Mails beschränkt. Ich war also, zugegeben, etwas aus der Übung.

Zum Glück hatte ich vor dem Aufbruch noch den Einfall, dass ich mich jetzt wieder ausgehfein machen musste, um nicht im homeofficeeigenen Schlabberlook durch die Gegend zu schlurfen. Im Auto angekommen, stellte ich erleichtert fest: Ich trug weder Schlafanzug noch Jogginghose.

Trotz anfänglicher Bedenken klappte dann auch die direkte zwischenmenschliche Kommunikation. Was man einmal kann, verlernt man doch nicht so schnell. Ich musste nur beim Abschied darauf achten, nicht aus Versehen "Auf Wiederhören" zu sagen.

Auch meine Zeitsorgen erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet. Für die fünf Kilometer lange Fahrt von daheim zum Termin auf dem Sonnenstein hatte ich eine halbe Stunde Fahrzeit eingeplant. Man weiß ja nie, was auf der B 172 so los ist.

Aber außer mir war kaum einer unterwegs. So schnell war ich noch nie auf dem Sonnenstein und wieder zurück. Auf dem Rückweg ertappte ich mich dabei, wie ich extra langsam durch die Serpentinen schlich, vermutlich, um eine stauähnliche Situation zu simulieren. Doch es staute sich keiner mit. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, die Pirnaer Südumfahrung sei schon fertig.

Das Geheimnis der Bruchrechnung

Mittwoch, 25. März: Kind eins hatte eine knifflige Aufgabe in Mathe zu lösen. Aufgelistet waren vier Fußballtorhüter. Der Nationaltrainer hatte aus mehreren Spielen jeweils die Schüsse auf ihr Tor sowie die dabei kassierten Treffer notiert. Auszurechnen war nun die Halte-Quote der Torhüter, der mit der besten Quote sollte dem Trainer fürs nächste Länderspiel empfohlen werden. Die Quote sollte in gemeinen und in Dezimalbrüchen angegeben werden.

Kind eins beherrscht die Bruchrechnung, aber gemeine Brüche in Dezimalbrüche umzurechnen, erwies sich doch als etwas schwierig, so ohne Taschenrechner und anderes neumodisches Zeug.

Ich versuchte mich, an meine Schulzeit zu erinnern und fragte mich, ob ich wohl so etwas jemals im Unterricht hatte. Es fiel mir partout nicht mehr ein, vielleicht war ich ja damals gerade Kreide holen, als die Bruchrechnung dran war.

Nach einigen Probeläufen gelang uns dann die Lösung. Ich weiß nun, wie man gemeine Brüche dividiert, um einen Dezimalbruch zu bekommen. Wofür ich das auch immer brauchen werde.

Aber die Erkenntnis daraus: Homeoffice und Schulunterricht für die Kinder in einem Raum fördern ungemein das Allgemeinwissen. Langeweile war gestern.

Später habe ich mit Kind zwei in Sachkunde noch einen Ausflug zu den menschlichen Sinnesorganen gemacht und gelernt, wie ich meinen Namen in Blindenschrift schreibe. Ich überlege gerade, mich für die diesjährigen Abi-Prüfungen anzumelden. Wenn sie denn stattfinden ...

Muss ich wirklich schon aufstehen?

Dienstag, 24. März: Als mein Wecker kurz nach sechs am Morgen klingelte, ertappte ich mich bei dem Gedanken: Muss ich wirklich schon aufstehen? Weil Homeoffice angesagt ist, liegt mein Arbeitsplatz ja nur wenige Schritte von der Schlafstätte entfernt, der Weg auf Arbeit entfällt. Ein halbes Stündchen könnte ich doch noch liegenbleiben, ein Viertelstündchen vielleicht, zehn Minuten wenigstens ...

Dunkel erinnere ich mich an jene Zeit, in der die Tage einem festen Rhythmus folgten. Aufstehen, Frühstück und Pausenbrote für die Kinder machen, zur Arbeit gehen, Beiträge schreiben, Feierabend, Heimweg, mit den Kinder Schulaufgaben erledigen, Abendbrot ... Jetzt, bei der Heimarbeit, ist jedoch vieles anders. Haben Sie sich schon mal bei dem Gedanken erwischt, sich im Homeoffice etwas gehen zu lassen, alles etwas lockerer anzugehen?

Meine Erkenntnis schon nach kurzer Zeit in Heimarbeit: Ich muss die Tage einteilen, getreu  dem Motto "Struktur und Arbeit". Habe mir überlegt, früh einfach eine Viertelstunde spazieren zu gehen, um den Arbeitsweg zu simulieren. Auch lag der Gedanke nahe, frei nach dem  "Dinner for One" die nicht anwesenden Kollegen durch Playmobil-Figuren zu ersetzen. Es erwies sich allerdings als zu zeitaufwendig, stets deren Rollen zu spielen, geschweige denn, deren Arbeit mit zu erledigen.

Aber mal im Ernst: Ich habe mir feste Arbeitszeiten vorgegeben, die ich größtenteils  einhalte, auch wenn es daheim manchmal etwas Mühe macht. 

Eines hat sich allerdings, im Gegensatz zu sonst, im heimischen Büro eingebürgert: Die Jogginghose bleibt an, selbst wenn ich laut Modezar Karl Lagerfeld auf diese Weise die Kontrolle über mein Leben verloren haben sollte.

Frühsport am Esstisch

Montag, 23. März: Als ich am Morgen aufstand, war Kind eins bereits in der Wohnung unterwegs, angezogen, die Zähne geputzt. Offensichtlich funktioniert der übliche Biorhythmus noch, Kind eins verlässt derzeit das Bett kaum später als zu gewöhnlichen Schulzeiten.

Bester Laune und von flotter Musik begleitet, stand das Kind am Esstisch und hielt sich daran fest, während es es sich immer wieder auf die Zehenspitzen stellte. Kurz darauf schleppte es einige schwere Bücher herbei, hielt sie mit ausgestreckten Armen und sang dabei ein Lied. 

Auf meine vielen Fragezeichen in den Augen erklärte mir mein Kind, es mache jetzt Sportunterricht, wie in der Schule, nur eben anders. Damit die Kinder nicht so ganz aus der Übung kommen, hatte die Lehrerin per Handy kleine Trainingseinheiten für zu Hause geschickt - Liegestütze, auf einem Bein springen, Bücher mit den ausgestreckten Armen halten und dabei mindestens zwei Strophen eines Liedes intonieren.

Ich fand das klasse, dass auch an so etwas gedacht wird, denn die körperliche Ertüchtigung kommt zurzeit in der Tat etwas zu kurz. Das sehe ich an mir selbst, meine sportliche Betätigung besteht derzeit weitgehend aus einem beschwerlichen Abstieg aus der ersten Etage zum Briefkasten und einem noch beschwerlicheren Aufstieg zurück. 

Ich nehme mir vor, künftig mit meinem Kind gemeinsam Sportübungen zu machen. Jetzt muss ich aber erst einmal aufhören zu schreiben, der Rücken schmerzt, weil ich wieder wie eine Bogenlampe auf einem zugegebenermaßen nicht gerade bequemen Esszimmer-Stuhl vor dem Rechner gehockt habe.

Überraschung auf der Motorhaube

Sonntag, 22. März: Am Morgen, ich war noch etwas im Halbschlaf, meldete mir mein Mobiltelefon eine Nachricht. Der Absender bat mich, doch mal auf mein Auto im Hof zu schauen, dort wäre etwas für mich deponiert.

Als ich zum Wagen kam, stand eine große Papiertüte auf der Motorhaube, gefüllt mit wunderbarem Inhalt: drei Rollen Toilettenpapier und drei große Schokoladen-Osterhasen für die Kinder und für mich. Was für eine Überraschung, was für eine Geste!

Mit einem Anruf bedankte ich mich später beim Schenker. Ich sagte ihm, wie großartig und hilfreich ich seine Idee und seine Spende fand. Er erzählte mir, er wolle es einfach als kleine Aufmerksamkeit verstanden wissen, kein großes Ding und so.

Und ich merke: es sind gerade diese kleinen Gesten, diese kleinen Akte der Nächstenliebe, so profan sie auch manchmal erscheinen mögen, die unser Leben lebenswert machen. Offensichtlich bedarf es - leider - oft einer großen Krise, um uns das wieder bewusst zu machen. 

So war es beispielsweise bei den beiden zurückliegenden Flutkatastrophen, die die Solidarität unter den Menschen wieder aufflammen ließen. 

Auch, wenn wir nun räumlich auseinander rücken müssen, haben wir die Chance, menschlich wieder näher zusammen zu rücken. Wir sollten jetzt natürlich auf uns achten, aber auch auf unsere Nächsten, die unter Umständen Hilfe benötigen, und wenn es nur ein Kontakt, ein Gespräch sein sollte. Es gibt zum Glück so viele Kanäle, um untereinander zu kommunizieren, zu reden, einander Mut zu machen. Jede große Hilfe fängt im Kleinen an.

Geschirr-Tetris in der Küche

Sonnabend, 21. März: Der Wocheneinkauf hat mich kurzzeitig in meine Kindertage zurückversetzt. Früher, in der HO-Kaufhalle meines Vertrauens, kam es durchaus mal vor, dass es Dinge gab, die es sonst nicht gab. Damit vom raren Gut für jeden etwas abfiel, war an der Ware oft ein Schild befestigt mit dem Hinweis "Bitte nur einmal nehmen".

Jeder hielt sich daran, mehr mitzunehmen, erschien auch sinnlos, weil strenge Verkäuferinnen über die Einhaltung des Gebotes wachten. Solche Zettel begegneten mir heute wieder, vornehmlich am Toilettenpapier-Regal. "Bitte nur einmal nehmen", stand da, ich fragte mich nur: einmal nehmen wovon? Es war nix da, alles leer. Dabei dachte ich, wir hätten die Mangelwirtschaft längst überwunden. Fast scheint es so, als ginge da draußen ein aggressiver Magen-Darm-Infekt rum ...

Immerhin gab es Spülmittel, denn es galt, eine große Errungenschaft dieser Woche zu beseitigen: einen riesigen Stapel schmutzigen Geschirrs, dessen sich bisher niemand erbarmt hatte. Zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung hatten sich Teller, Tassen und Besteck in der Küche auf wundersame Weise vermehrt.

Die Kinder hatten dabei offensichtlich ein neues Spiel erfunden: Geschirr-Tetris. Sie hatten versucht, das auf dem hohen Turm übereinander gestapelte Geschirr möglichst in die Form des darunter stehenden zu passen. Dabei schien die Schwerkraft entrückt, eher ein Akt zauberhafter Balance, schwere Teller schwebten scheinbar mühelos über Müslischalen.

Doch der schiefe Turm musste nun weg, zu allem Übel ist aber der Geschirrspüler kaputt. Etwas Gutes hat der manuelle Waschgang zumindest: Man kann im Spülwasser sehr, sehr lange seine Hände desinfizieren.

Das Toilettenpapier geht zur Neige

Freitag, 20. März: Heute Morgen habe ich die Kinder geschockt. Hefte raus, unangekündigte Klassenarbeit, rief ich ins Zimmer, um zumindest den Hauch eines Schulalltages durch die Wohnung wehen zu lassen. Als Reaktion wehte mir ein Sturm maximaler Begeisterung entgegen. Ohr nö, bloß nicht, sagte Kind eins. Damit war die Sache dann auch erledigt. Und ich merke, dass mir doch noch so einiges zur pädagogischen Autoritätsperson fehlt.

Dennoch bin ich stolz auf meine beiden Kinder, dass sie jeden Tag so selbstständig ihre Schularbeiten machen. Neun Stunden und mehr täglich arbeiten und zudem die Kinder betreuen, ist nicht immer ganz einfach. Ich weiß, so wie mir geht es derzeit vielen da draußen, und ich bewundere jeden Einzelnen von euch.

Inzwischen stehen wir aber vor einem ganz anderen existenziellen Problem: Das Toilettenpapier geht zur Neige, eine Rolle ist noch da. Sämtliche Einkaufsbemühungen in dieser Woche schlugen bislang fehl. Was also tun? Essen und Verdauung einstellen, ist sicher nicht die beste Lösung. 

Ich überlege gerade, ein Verfahren zu entwickeln, um gebrauchtes Toilettenpapier zu recyceln. Doch Reinigung und Trocknung dieser sensiblen Zellulose, wie funktioniert das? Wo hänge ich die Blätter auf? Reichen die Klammern? Fragen über Fragen.

Sollte ich mal wieder Rollen ergattern, nehme ich mir vor, einen kleinen Vorrat anzulegen. Der bringt derzeit sicher eine größere Wertsteigerung mit sich als Immobilien oder Gold.

Hurra, ich habe passierte Tomaten!

Donnerstag, 19. März: Neben der Arbeit im Homeoffice und der Kinderbetreuung ist eine weitere Aufgabe dazugekommen: Koch und Küchenkraft. Ich gehöre glücklicherweise zu jener Spezies, die mehr kochen kann als nur Wasser. Doch stellt einen der Aspekt, dass das Mittagessen in Schule und Hort vorerst flach fällt, durchaus vor Herausforderungen.

Kind eins ist in dieser Hinsicht schon sehr selbstständig. Es hat zum Mittag für sich und Kind zwei eigene Spiegeleier gemacht, dazu Toast mit Butter und Salz. Ohne Hilfe. Ich bin stolz. Auch wenn ich noch nicht weiß, wer das wieder aufräumt. Küchenschlacht eben.

Für den Abend sind Nudeln avisiert, es sind noch welche da, wie immer eigentlich. Ich gehöre nicht zu denen, die Unmengen Vorräte anlegen, auch jetzt in Krisenzeiten nicht.  Doch meine Hamster-Verweigerung hätte fast zu einem herben Verlust geführt: Es hätte Nudeln blank gegeben. Als ich letztens einkaufen war, gab es nirgendwo mehr passierte Tomaten. Aber Nudeln ohne Tomatensoße? Undenkbar. 

Ein Blick in den Küchenschrank bescherte dann doch ungeahnte Glücksmomente. Hurra, ich habe noch drei Päckchen passierte Tomaten! Das Abendbrot war gesichert. Aber lange hält der Vorrat nicht mehr. Mal sehen, was der Wochen-Einkauf so bringt.

Wir haben uns überlegt, für die kommenden Tage einen Speiseplan aufzustellen, damit es nicht jeden Tag Nudeln gibt. Ideen hatten wir reichlich. Ich weiß nur noch nicht, wer das alles wann kochen soll.

Lager-Koller nach drei Tagen

Mittwoch, 18. März: Ich habe die Kinder zeitig geweckt. Irgendwie muss man ja den Anschein eines Schultages wahren. Jetzt bloß keinen Schlendrian einziehen lassen, die Versuchung ist da. Dennoch war das Gemaule der beiden groß. 

Hab mich dann durch lange Mails gekämpft, wer jetzt wie seine Schulaufgaben bekommt. Ich konstatiere: das läuft. Trotzdem weigert sich Kind zwei beharrlich, seine Aufgaben zu machen. Aber was muss, das muss. Nach dem Lernen ist Spielzeit, doch schon nach kurzer Zeit dringen beunruhigende Geräusche aus dem Kinderzimmer. Wenig später verweist Kind eins  Kind zwei seines Zimmers. Sonst haben sie nicht so viel Zeit zusammen, aber nun war es gleich mal zu viel. Eine Weile belagert Kind zwei meinen Schreibtisch, doch ich brauche Ruhe, ich muss arbeiten. Entsetzt stelle ich fest: Schon am dritten Tag beginnt der Lager-Koller, wir hängen zu sehr aufeinander rum. 

Die Kinder müssen an die frische Luft. Später waren beide draußen, getrennt voneinander. Sie kehren fröhlich zurück. Die Lehre aus diesem Tag: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr auf die Ketten gehen. 

Zu späterer Stunde erwäge ich - geistig wahrscheinlich nicht mehr ganz auf der Höhe - eine Petition zu starten, um die Schulschließungen wieder aufzuheben. Vielleicht ist ja eine Corona-Welle leichter zu ertragen, als die nächsten fünf Wochen mit den Kindern zu verbringen. Ich weiß, das klingt jetzt sehr nach Rabenvater. Aber es war nicht so ganz ernst gemeint ...

Wie unterrichte ich meine Kinder?

Dienstag, 17. März: Nun haben wir den Salat: Mein Leben pendelt jetzt zwischen Heimarbeit und Kinderbetreuung. Kind eins war am Montag schon eine halbe Stunde nach dem sonst üblichen Schulbeginn wieder daheim, bepackt wie ein Lasten-Esel, da waren die Aufgaben für die nächsten Tage noch nicht dabei. Kind zwei musste aus der Grundschule abgeholt werden, obwohl es nur die Schulsachen holen sollte. Es hatte aber keinen Zettel mit, dass es allein heimgehen darf. Manch Bürokratie kriegt selbst Corona nicht klein.

Doch wie soll es jetzt werden? Mit den Kindern Hausaufgaben erledigen, ist ja okay. Aber jetzt neben der Arbeit unterrichten? Soll ich täglich vier Stunden Schule simulieren? Den Plan, ein Kinderzimmer als Klassenraum einzurichten, habe ich inzwischen wieder verworfen. Auch mit dem Lehrgang an der Volkshochschule "Lehrer werden in drei Tagen" wird es nun nichts, die VHS ist ja dicht.

Wenigstens hat die Schule inzwischen die Aufgaben geschickt. Die Kinder nehmen es derweil gelassen, sie sind irgendwie im Ferienmodus. Und ich merke, dass mir schon nach zwei Tagen die Argumente ausgehen, warum Lernen jetzt wichtiger als Spielen ist. 

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Doch dann die Überraschung: Beide Kinder verkünden stolz, sie hätten schon ihre Aufgaben erledigt. Puh, was für ein Glück. Denn ich muss gestehen: Ich hatte wegen der ganzen Arbeit nicht eine Minute Zeit, mich mit den Kindern hinzusetzen.

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