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Abschied mit Ankündigung

Dagur Sigurdsson hört wie erwartet als Handball-Bundestrainer auf. Spannender ist indes die Nachfolge-Regelung.

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© Christina Pahnke / sampics

Tino Meyer

Die Entscheidung ist gefallen, zwar nicht überraschend, aber schneller als erwartet. Am Montagabend hat Dagur Sigurdsson den Deutschen Handball-Bund (DHB) informiert, von der Ausstiegsklausel aus seinem Vertrag als Bundestrainer Gebrauch und nach der Weltmeisterschaft im Januar Schluss zu machen. Bis Ende des Monats hätte er dafür noch Zeit gehabt. „Jetzt wissen alle Bescheid, und wir können uns mit aller Energie auf die WM konzentrieren“, sagt der Isländer, mit 41 Siegen aus 54 Spielen erfolgreichster Bundestrainer der Verbandsgeschichte.

Der Favorit: Christian Prokop.
Der Favorit: Christian Prokop. © PICTURE POINT
Der Geheimtipp: Markus Baur.
Der Geheimtipp: Markus Baur. © PICTURE POINT

Die Sächsische Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den sich seit Wochen abzeichnenden Entschluss.

Warum beendet Sigurdsson seinen Vertrag vorzeitig?

„Aus persönlichen Gründen“, wie der 43-Jährige sagt. Nach acht Jahren in Deutschland wird der dreifache Familienvater den Lebensmittelpunkt wieder nach Island verlegen. Von dort aus will er das japanische Nationalteam auf Olympia 2020 in Tokio vorbereiten. So hatte er es bereits gemacht, als er 2008 Österreichs Auswahl betreute. Sigurdsson gilt als echter Japan-Fan, seit er im Jahr 2000 als Profi des LTV Wuppertal zu Wakunaga Hiroshima gewechselt war.

Welche Konsequenzen hat der Rücktritt für die WM im Januar?

Keine – hoffen zumindest alle im Hinblick auf das Turnier in Frankreich, bei dem die Deutschen mindestens Mitfavorit sind. „Es wird eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Doch je schwieriger die Situation für Dagur ist, desto bessere Lösungen findet er“, meint Bob Hanning, Vizepräsident für Leistungssport im DHB und gut befreundet mit Sigurdsson.

Was bedeutet der Rücktritt für den Deutschen Handball-Bund?

Nicht weniger als eine Zäsur. Mit der Amtsübernahme im August 2014 hat Sigurdsson die Auswahl zurück in die Weltspitze geführt – mit dem völlig unerwarteten EM-Titel im Januar als Höhepunkt. Bei den Sommerspielen in Rio folgte mit Bronze die erste Olympia-Medaille seit 2002. „Dagur hat das Denken im deutschen Handball nachhaltig geändert. Das wird über seine Zeit hinaus wirken“, sagt Hanning. Es seien Strukturen entstanden, die „Erfolg auch in den kommenden Jahren wahrscheinlicher machen“. Fernziel bleibt deshalb der Olympiasieg 2020.

Spätestens am 1. Juli 2017 soll der Vertrag mit dem neuen Bundestrainer unterschrieben sein. Für die nach der WM anstehenden Länderspiele sei laut Hanning auch eine Interimslösung denkbar.

Wird jetzt Leipzigs Trainer Christian Prokop der Nachfolger?

Es sieht ganz danach aus, vorausgesetzt der Verband einigt sich mit dem SC DHfK Leipzig, wo Prokop noch bis 2021 unter Vertrag steht – ohne Ausstiegsklausel. „Wir werden uns mit den Verantwortlichen in Leipzig in den nächsten Wochen zusammensetzen und gucken, ob wir eine einvernehmliche, freundschaftliche Lösung erreichen“, sagt Hanning. Auch Prokop hat zuletzt deutlich Interesse signalisiert. „Es ist das höchste Amt im deutschen Handball. Dass ich mich damit beschäftige, ist nur menschlich“, erklärte Prokop, sagte jedoch auch: „Vielleicht gibt es ja keine Einigung.“

Für diesen Fall, betont wiederum Hanning, sei man natürlich vorbereitet. Als Geheimtipp gilt laut Sportinformationsdienst der frühere Weltklasse-Spielmacher Markus Baur, bis Sommer deutscher U20-Nationaltrainer und inzwischen beim Bundesligisten Stuttgart. „Wenn der DHB ein Gespräch sucht, nehme ich ab. Ich suche aber kein Gespräch“, sagt Baur. Weiterer Kandidat ist Gudmundur Gudmundsson. Der Isländer beendet im Sommer 2017 seine Tätigkeit als dänischer Nationaltrainer.

Wie reagieren die Verantwortlichen beim SC DHfK Leipzig?

Demonstrativ gelassen. „Wir warten erst einmal ab und kämpfen weiter um unseren Trainer“, erklärt DHfK-Geschäftsführer Karsten Günther. Noch sei vom DHB keiner auf den Verein zugekommen. Anders als etwa die Spitzenteams Kiel und Flensburg-Handewitt, die ihren Trainern kategorisch die Freigabe verweigert haben, verzichtet Günther bewusst auf solche Aussagen. „Ich halte gar nichts von Parolen. Wir werden stattdessen in diskretem Umfeld alles besprechen, denn wir pflegen im Verein ein sehr gutes Miteinander“, sagt er.

Die Verantwortlichen sind wie ihr Trainer, dem ein Abschied nach eigener Aussage sehr schwerfallen würde, hin- und hergerissen. Auch sie wissen um die vielleicht einmalige Chance für Prokop, andererseits ist der steile Aufstieg bis auf derzeit Rang fünf in der Bundesliga eng mit dem gebürtigen Köthener verbunden. (mit dpa)