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Abschied vom Schulbuch

Schon in der Grundschule haben nicht mehr alle Kinder für jedes Fach ein Buch. Warum ist das so?

© Kristin Richter

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Frau Müller (Name geändert) aus Freitelsdorf ist irritiert. Ihre Tochter geht in die dritte Klasse der Kalkreuther Grundschule. Dort gibt es für zwei Klassen der Klassenstufe drei nur einen Satz Bücher in Englisch. Die eine Klasse würde im Unterricht damit arbeiten. Dann würde gewechselt, und die andere Klasse bekäme die Schulbücher mit nach Hause, so Müller. „Wir wollen daheim aber auch mal ins Buch schauen, wenn wir nicht dran sind. Hat die Gemeinde Ebersbach etwa zu wenig Geld, für alle Schüler Lehrbücher anzuschaffen?“, fragte sie nun bei einer Wahlveranstaltung.

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„Das Buch ist nicht entscheidend. Die Entscheidung liegt auch nicht bei der Gemeinde, sondern bei der Lehrerschaft“, hält Kalkreuths Grundschulleiter Friedrich Brunnert dagegen. Auch in Zeiten der Lernmittelfreiheit stelle die Gemeinde Ebersbach ausreichend Geld zur Verfügung. „Wir sind finanziell gut versorgt“, so Brunnert. Doch in Fächern wie Englisch oder Sachkunde gäbe es sehr gute Arbeitshefte, die Schulbücher ersetzen können. Schon in der ersten Klasse würden Schulanfänger mit der Mitmachfibel im Sachunterricht lernen. Dafür fallen selbst dann keine Kosten für die Familie an, wenn das Arbeitsheft nur einmalig benutzt werden kann. „Diese Vorgehensweise ist aber nicht neu, wir arbeiten schon länger so“, sagt Friedrich Brunnert. Das werde den Eltern am Schuljahresbeginn auch erklärt. Der Elternrat ist einverstanden. Der Schulleiter wundert sich deshalb, dass die Frage überhaupt aufkam. Die Kalkreuther Grundschule ist bekannt dafür, dass es auch interaktive Tafeln gibt und schon Grundschüler oft Wissen aus dem Internet holen.

Schulbücher als Auslaufmodell – diesen Trend gibt es allerdings auch in der Lenzer Grundschule. Zwar nicht in den Hauptfächern Deutsch und Mathe, aber auch für Englisch und Sachunterricht. „Das ist ab Klasse eins schon ein paar Jahre bei uns Usus“, so Schulsekretärin Schumann. Letztlich – darauf weist auch die Kalkreuther Schule hin – geht es ja zudem darum, das Gewicht des Ranzens zu verringern. Der wird bei Arbeitsheften deutlich leichter. „Wir wiegen regelmäßig die Ranzen von Drittklässlern, deren Gewicht zehn Prozent des Körpergewichts nicht überschreiten soll“, so Friedrich Brunnert. Trotz der Neuerung werde das nicht bei jedem Kind erreicht.

Schulbücher zu ersetzen oder einzuschränken ist indes noch nicht überall üblich. Finanziell gäbe es dafür keine Notwendigkeit, weil auch die Gemeinde Thiendorf ausreichend Geld für Schulmaterial zur Verfügung stellt, wie Schulleiterin Andrea Haase versichert. „Wir bekommen ein Budget, und das muss reichen“, so Haase. Allerdings liegen Arbeitshefte im Schnitt schon deutlich günstiger. Kosten Bücher etwa 17, 18 Euro, macht das bei Heften etwa ein Drittel aus – je nach Anbieter. Bücher werden aber häufiger über mehrere Jahre weiterverwendet. Können zusätzliche Arbeitshefte genutzt und müssen deshalb gekauft werden, wäre das laut Andrea Haase optional. Ein besonderes Lehrbuch würden manche Eltern aber sogar freiwillig kaufen: die Fibel aus der ersten Klasse.

„Heutzutage gibt es Schulbücher auch schon als E-Book“, zeigt die Großenhainer Schulleiterin Sieglinde Unruh sogar noch eine weitere neue Möglichkeit auf. An ihrer Grundschule am Schacht hat aber das Lehrbuch für jedes Kind auch noch nicht ausgedient. Ethik- oder Musik-Bücher werden hier nicht mit nach Hause gegeben, sondern nur zum Unterricht herausgeholt. Für die Grundschulen setzt Großenhain je Schüler 50 Euro für Schulbücher und Arbeitshefte je Schuljahr an. Bisher erwies sich das geplante Budget als ausreichend.

Bildungsforscher Ulrich Trautwein aus Tübingen sagt, die Abschaffung etablierter Lehrbücher wird „in der Regel nicht durch Erfolg bei den Schülerleistungen gekrönt“.