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„Absoluter Stress für die Tiere“

Wegen der Vogelgrippe gelten strenge Auflagen. Nicht nur der Tierpark-Chef übt daran scharfe Kritik.

© Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

Riesa. Düster sieht es aus in den Käfigen der Fasane und Rebhühner im Riesaer Tierpark. Das ohnehin spärliche Sonnenlicht scheint nur noch zur Front herein, das Dach ist mit fünf Millimeter dicken Platten bedeckt. Für die Vögel ist das Halbdunkel belastend, sagt Tierpark-Leiter Gerhard Herrmann. „Sie würden von sich aus nie ins Dunkle gehen. Wir merken das, wenn wir zum Füttern die Käfige betreten.“ Dann würden die Tiere regelrecht in Panik verfallen: Weil die Vögel die Tierpfleger nur schwer erkennen, reagieren sie besonders schreckhaft, flattern wild umher.

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Seit November 2016 gilt mittlerweile in Sachsen Stallpflicht – zum Schutz vor der Vogelgrippe. Jeder Halter muss deshalb dafür Sorge tragen, dass die Tiere keinen Kontakt zu möglicherweise infizierten Wildvögeln haben. So erklärt sich auch die Verdunkelung in den Vogelkäfigen des Tierparks. „Das Dach muss abgeschlossen sein, damit kein Kot von Wildvögeln in die Käfige gelangt“, erklärt Herrmann. Was gut gemeint sein mag, bedeute für die Tierpark-Vögel „absoluten Stress. Wenn sie vor Angst im Käfig hin- und herfliegen, besteht auch immer die Gefahr von Gefiederschäden.“ Es sei zwar erlaubt, statt der massiven Platten durchsichtige Folie aufs Käfigdach zu legen. Die würde aber bei Wind Geräusche machen – was die Vögel noch stärker verängstigen kann.

Herrmann verschweigt nicht, was er von der generellen Stallpflicht hält. Ein Schnellschuss sei das, zumal doch die großen Geflügelställe ohnehin nahezu hermetisch abgeriegelt seien. „Da kommt kein Wildvogel rein.“ Ein größeres Problem seien da die vielen Transporte von Geflügel quer durch Europa. Die Angst vor der Krankheit sei übertrieben – und die Maßnahmen dagegen träfen vor allem die Kleinen: die Tierparks und privaten Halter.

Das sieht Fritz Fornacon genauso. „Die Stallpflicht ist eine Tierquälerei ohnegleichen“, sagt der Vorsitzende des Riesaer Kreisverbands der sächsischen Rassegeflügelzüchter. Der Landesverband hat eine Unterschriftenliste gestartet, um die Stallpflicht zumindest zu lockern. Das Hauptproblem ist auch für die Züchter der Stress, erklärt Fornacon: Zwar seien domestizierte Vögel an den Menschen gewöhnt und würden nicht gleich in Panik geraten, wenn ihnen jemand zu nahe komme. Aber in den Ställen sei häufig nicht genug Platz. „Unsere Tiere sind Freilandhaltung gewohnt. Außerdem sind viele Ställe nicht für ganztägige Haltung ausgelegt.“ Zumal niemand wisse, wann denn die Stallpflicht wieder aufgehoben wird.

Besonders ärgerlich ist für Fornacon, dass die Regelung in Sachsen für alle Vogelarten gilt. Selbst Tauben dürften nicht mehr raus – dabei seien sich Wissenschaftler sehr sicher, dass sie den Erreger nicht weiterverbreiten. Von den radikalen Maßnahmen, die bei einem Nachweis des Virus getroffen werden, ganz zu schweigen. „Ein Geflügelzüchter steckt Jahrzehnte in seinen Zuchtstamm“, erklärt Fritz Fornacon. Viele züchteten alte Geflügelrassen. Wenn der ganze Bestand gekeult werde, weil in der Nähe die Geflügelpest nachgewiesen wurde, dann sei das nicht nur ein persönliches Drama für den Züchter. „Damit gehen auch die alten Rassen unwiederbringlich verloren.“ Auch vor Tierparks wird dann nicht haltgemacht, erzählt Gerhard Herrmann. Im Tierpark Köthen seien mehr als 130 Vögel getötet worden, darunter auch stark gefährdete Arten. „Hätte man nicht vorher testen können, welche Tiere infiziert sind?“, fragt er sich. Auch die Deutsche Tierpark-Gesellschaft bittet die Behörden, „stärker über spezifische Ausnahmeregelungen“ zu diskutieren. Eine solche Ausnahmeregelung gibt es auch in Riesa. Die beiden Kraniche sind von der Stallpflicht nicht betroffen. Den Veterinärämtern machen weder Fritz Fornacon noch Gerhard Herrmann einen Vorwurf, trotz aller Kritik. Die setzten letztlich auch nur das um, was die Landespolitik vorgebe.

Auch die Besucher seien teils verunsichert wegen der Krankheit, sagt Herrmann. Dabei wäre die Ansteckungsgefahr denkbar gering, selbst wenn ein Tier sich infiziert hätte. „Auf der anderen Seite füttern die Menschen an der Jahna die Enten“, kritisiert er. Damit entstünden Sammelstellen für die Tiere – und die Chance auf Ansteckung untereinander steige.