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Abzocker unterwegs

Mit herzzerreißenden Geschichten versuchen Unbekannte derzeit Zeitschriftenabos zu verkaufen. Die Polizei warnt.

Von Robert Reuther

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Es hat alles so schön geklungen. Die 1,75 Euro in der Woche hätten Wolfgang Kittner nicht weh getan. Dafür bekommt er eine Zeitschrift, die seine Frau ohnehin ab und zu liest, und hat gleichzeitig noch ein gutes Werk getan. Das dachte der Riesaer Rentner zumindest, nachdem die beiden jungen Männer am Montagvormittag seine Wohnung verlassen hatten.

Die Zwei – höchstens Anfang 20 und in feinstem Zwirn gekleidet – erzählen ihm kurz zuvor eine herzzerreißende Geschichte, nachdem sie sich über eine Sportlerumfrage Zugang zum Wohnzimmer des Riesaers in Merzdorf verschafft hatten. „Sie saßen auf meiner Couch und erklärten mir, dass sie unbedingt an der hiesigen Managementakademie studieren wollen“, sagt Wolfgang Kittner. Er weiß, dass die Marie eine private Hochschule ist und deshalb Studiengebühren verlangt. Daher kommt ihm die Geschichte auch plausibel vor, die ihm anschließend aufgetischt wird: Die Männer erklären ihm, dass sie für eine Firma arbeiten, die ihnen das Studium über ein Stipendium finanziert. Dafür müssten sie nur genügend Punkte sammeln. Die gibt es für abgeschlossene Zeitschriftenabonnements. „Ich dachte, ich tue etwas Gutes, wenn ich den jungen Leuten helfe. Die Zeitung kaufen wir ohnehin ab und zu am Kiosk“, sagt Wolfgang Kittner.

Dass er damit der üblichen Masche einer Drückerkolonne aufgesessen ist, wird ihm aber schon kurze Zeit später im Supermarkt klar. Dort beobachtet er den jungen Mann, der kurz zuvor noch auf seiner Couch gesessen hat. Der steigt in einen blauen Fiat Transit ein, mit Limburger Kennzeichen. Gleichzeitig steigt eine junge Frau aus, ebenfalls schick gekleidet. Der Transporter jedoch wartet nicht auf sie, sondern fährt in Richtung Weida davon. „Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich dachte sofort, dass ich hier einer Drückerkolonne aufgesessen bin“, so Wolfgang Kittner. Auf einmal fallen ihm auch Ungereimtheiten aus dem Gespräch auf, über den angeblich sportbegeisterten jungen Mann, der sich aber auf ein Gespräch über die Sportstadt gar nicht einlassen wollte. „Danach war mir alles klar. Aber als er mit mir geredet hat, war er so eloquent. Ich hätte ihm meine eigene Oma anvertraut“, betont Wolfgang Kittner.

Der Riesaer ruft umgehend in der Managementakademie ISA 21 an. Deren Leiter Jürgen Grimmer und Studienorganisatorin Edeltraud Schlesinger sind entsetzt. „Hier wird mit dem guten Ruf unserer Einrichtung gespielt“, sagt Grimmer. „Wir würden niemals unsere Studenten losschicken, damit sie bei Leuten quasi betteln.“ Für die Studiengebühren vermittelt die ISA selbst Hilfen, wie einen günstigen Kredit der KfW-Bank oder Stipendien. „Uns haben insgesamt vier Riesaer angerufen, dass sie von möglichen Marie-Studenten angesprochen worden sind. Alle kamen aus Merzdorf. Gott sei Dank haben nicht alle ein Abo abgeschlossen. Manche haben aber Bargeld zugesteckt“, sagt Edeltraud Schlesinger. Jürgen Grimmer denkt jetzt über eine Anzeige bei der Polizei nach. Und er will eine Unterlassungsklage prüfen. Einen Ansprechpartner dafür gibt es. Auf dem Abo-Bestellschein und der Widerrufsbelehrung steht die Firma Wolfgang Klenk GmbH mit Sitz in Limburg oder in Meudt. Sucht man nach dem Unternehmen im Internet, tauchen immer wieder Schlagworte wie „Betrug“, „Abo-Falle“ und „Abzocke“ auf. „Die Firma ist bei uns nicht unbekannte“, sagt Christina Siebenhüner von der Verbraucherzentrale Sachsen. In den vergangenen zwei Wochen habe es mehrfach Beschwerden gegeben, wegen derer aggressiver Abo-Werbung. „Die Masche ist dabei von Region zu Region unterschiedlich, aber definitiv nicht koscher“, sagt Siebenhüner.

Das weiß auch der Riesaer Polizeichef Hermann Braunger. „Das läuft leider immer gleich ab. Mit einem Punktesystem soll etwas finanziert werden, es werden mündliche Versprechen gemacht, die schriftlich nicht fixiert sind“, sagt Braunger. Das Schlimme sei, dass die Polizei wenig machen kann, wenn die Leute einen Vertrag unterschreiben. „Es ist wichtig, ein gesundes Misstrauen an den Tag zu legen. Man sollte einfach keine Geschäfte an der Haustür oder am Wohnzimmertisch machen. Egal, wie verlockend sich das auch anhört“, rät Braunger. Wolfgang Kittner ist in Widerspruch gegangen, hat seine Bank informiert. „Ich hoffe, dass wir mit einem blauen Auge davon kommen“, sagt er.

Waren die Betrüger auch bei Ihnen? Dann melden Sie sich bitte in der Redaktion unter 03525 72415710.