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Adel original

Die Stadt Glauchau hat die einzigartige Sammlung der Schönburger gekauft – praktisch in letzter Minute. Die Schätze bleiben so dem Schloss erhalten.

© Matthias Rietschel

Von Thomas Schade

Ab auf den Grill

Warme Sommernächte, schönes Wetter. Zeit zum Grillen! Doch worauf muss man achten und was schmeckt am besten auf dem Grill?

Es sei noch nie vorgekommen, dass sie von einer Schloss-Companie mit Hab acht begrüßt worden sei. Kunstministerin Eva-Maria Stange ist sichtlich beeindruckt, was ihr da in Glauchau am späten Freitagnachmittag begegnet. Sie ist zu einer ungewöhnlichen Ausstellungseröffnung in den Rittersaal gekommen. Die Stadt an der Mulde hat dem Schloss Hinterglauchau quasi das Mobiliar gerettet – 200 kunstvolle Möbel sowie 1 100 Bilder und Zeichnungen aus dem Besitz des Hauses Schönburg.

Zufrieden: Alexander Graf von Schönburg, Chef des Adelshauses
Zufrieden: Alexander Graf von Schönburg, Chef des Adelshauses © Matthias Rietschel
Schickes Detail: Pendule aus Meissener Porzellan von 1760
Schickes Detail: Pendule aus Meissener Porzellan von 1760 © Matthias Rietschel

Die Schönburgische Sammlung ist ein museales Kleinod Sachsens, vergleichbar mit viel berühmteren Sammlungen in Dresden oder Pillnitz. Denn in Schloss Hinterglauchau, dem einstigen Stammhaus der gräflichen Herrschaft von Schönburg-Glauchau, ist praktisch die Zeit stehengeblieben. In den Sälen, Gängen und Kemenaten ist bis heute die ziemlich komplette herrschaftliche Schlossausstattung einer sächsischen Adelsfamilie zu sehen. „Ein kostbares Zeitzeugnis aus dem kleinstaatlich geprägten Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts“, wie Oberbürgermeister Peter Dressler sagt. Weder die Albrechtsburg in Meißen noch irgendeine andere Immobilie im Schlösserland Sachsen beherbergt so originalgetreues Interieur.

Leidenschaft für Mahagonimöbel

Noch im Sommer 2014 war nicht klar, ob diese Sammlung der Öffentlichkeit erhalten bleibt. Denn sie war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder Eigentum derer von Schönburg, die in Sachsen-Thüringen neben den Wettinern eines der bedeutendsten Adelshäuser waren. 800 Jahre prägten die drei Schönburgischen Familien regionale Geschichte im sächsischen Südwesten. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts waren Schönburger in Glauchau ansässig, bauten auf einem Felsen über der Mulde ein Schloss. Etwa 300 Jahre später entstand davor das Schloss Vorderglauchau. Die Doppelschlossanlage gilt als eine der ersten nichtkirchlichen Renaissancebauten Deutschlands. Von hier aus herrschten die Schönburger mit eigenen staatlichen Strukturen. Und so begrüßte der bestens gelaunte OB seine Gäste auch mit einem „Willkommen in der Landeshauptstadt“. Denn von Glauchau aus regierte das Adelsgeschlecht souverän, bis die kursächsischen Krone 1740 die Verwaltung an sich riss.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch die Schönburger enteignet. In den Jahren danach trug man mit der sogenannten Schlossbergung die Einrichtungen aus ihren Residenzen im Museum Schloss Hinterglauchau zusammen. So entstand die heutige Schönburgische Sammlung, zu der mehr als 1 300 Gegenstände zählen. Darin enthalten ist eine Sammlung von Ahnenporträts, die vom 17. bis ins 20. Jahrhundert entstanden. Graf Alban (1804 – 1864), der als Politiker und Gesandter tätig war, galt als sehr kunstinteressiert mit besonderer Leidenschaft für Mahagonimöbel, die teils auf der Leipziger Messe gekauft worden waren. Das von ihm angeschaffte repräsentative Ensemble von Empire-Möbeln überdauerte ebenfalls die Zeit.

Wie viele enteignete Familien beantragten die Schönburger nach 1990 die Rückgabe ihres Eigentums. Anspruchsberechtigt war Maya von Schönburg, die älteste Tochter Joachim von Schönburgs, der seine Jugend in Glauchau verbracht hatte. Die in London lebende 58-jährige Schönburgerin, der das Schlossinventar zusteht, war am Freitag nicht angereist, sie wurde von Alexander Graf von Schönburg vertreten, dem Chef des Hauses. Er nannte Glauchau eine „Trutzburg“ der Identitätswahrung, weil die Stadt und ihr Museum die Schönburgische Sammlung auch in der DDR erhalten habe.

Als der Bundestag 1994 das Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz beschlossen hatte, war damit auch die Erwartung verbunden, dass Alteigentümer und Museen einen Weg finden, damit deren mobiles Eigentum – entzogene Bilder, Möbel, Lüster, Tafelsilber – der Öffentlichkeit erhalten bleiben. Der Gesetzgeber gab den Beteiligten 20 Jahre Zeit, um sich zu einigen. Im Dezember 2014 verstrich diese sogenannte Nießbrauchsfrist.

Anders als beispielsweise auf Burg Kriebstein tat man sich in Glauchau mit dieser Einigung schwer.

Faktisch auf den letzten Drücker begann der Feuerwehreinsatz von Ulrich Böduel, einem Kunstdetektiv aus Naumburg. Innerhalb weniger Monate musste er „die Karre aus dem Dreck ziehen“, wie er einmal sagte, und herausfinden, welche Teile der Sammlung aus welcher Schönburger Residenz stammten. Es gelang ihm mit fast 70 Jahre alten Listen der Schlossbergung und mithilfe alter Fotoalben. Erst danach konnte das Rathaus mit den Schönburgern verhandeln. Das sei zwar spannend verlaufen, aber stets in angenehmer Atmosphäre, wie am Freitag alle Beteiligten betonten. Zunächst seien die Preisvorstellungen für den Rückkauf des Schönburgischen Eigentums weit auseinandergelaufen, war am Rande der Eröffnung zu erfahren. Am Ende, so der OB, erwarb die Stadt etwa 90 Prozent der Schönburgischen Sammlung für 485 000 Euro. An der Finanzierung beteiligten sich der Freistaat, die Kulturstiftung des Bundes und sächsische Institutionen. Alexander Graf von Schönburg sprach von einem „fairen Vertrag“. Mit der Unterzeichnung Ende Februar 2015, also fünf nach zwölf, sei ein „Meilenstein“ gesetzt worden, aber kein Endpunkt, denn die Schönburger betrachten Glauchau nach wie vor als ihre Heimat, auch wenn viele nicht in Sachsen leben.

So sagte die Adelsfamilie zu, an weiteren Projekten insbesondere zur Geschichtsforschung mitwirken zu wollen. Kunstministerin Stange kündigte an, dass nach der Sonderausstellung, in der bis 2017 die Erwerbungen gezeigt werden, auch die Dauerausstellung in Schloss Hinterglauchau „neu erdacht“ und modernisiert werden sollte. Kunstdetektiv Ulrich Böduel spricht von einem „Haus voller ungehobener Schätze“.