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Ägyptens Geschäft mit den Flüchtlingen

Nach Schließung der Balkanroute versuchen es Tausende übers Mittelmeer. Die Schleuser haben leichtes Spiel.

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© dpa/Italian Navy

Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent in Kairo

Omar Ali hat es geschafft. Mit an Bord waren 250 Schicksalsgenossen. 13 Tage dauerte ihre Odyssee von Alexandria nach Italien. „In Ägypten haben wir lediglich die Menschenschmuggler zu Gesicht bekommen, die unser Geld wollten“, erinnert sich der junge Mann. Tagelang wartete er in einem Verschlag, bis es eines Nachts plötzlich losging. „Die Typen verschwanden, wir stiegen auf das Boot und niemand stoppte uns“, berichtete er.

3 000 bis 5 000 Dollar (umgerechnet 2 690 bis 4 490 Euro) verlangen die Schleuserkönige derzeit für eine Überfahrt nach Lampedusa. Das Ganze „ist eine sehr diskrete, sehr effektive und hoch korrupte Industrie, die von Ägypten ausgeht“, erklärt Tuesday Reitano von der „Globalen Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität“. Nach Erkenntnissen ihrer Organisation bringen Helfershelfer die Flüchtlinge zunächst vom Strand auf ein sogenanntes Mutterschiff, das auf hoher See wartet. Dieser Frachter hat eine komplette Crew und zieht kleine Fischerboote hinter sich her, auf denen die Passagiere dann vor der italienischen Küste wieder ausgesetzt werden. Damit soll verschleiert werden, wo die Menschen herkommen und wer sie geschmuggelt hat.

Auch die EU-Migrationsexperten haben Ägypten schon länger im Visier, zumal die Zahl minderjähriger, unbegleiteter Flüchtlinge dramatisch ansteigt. Bislang wurden über 1 200 ägyptische Halbwüchsige registriert, im Vorjahr waren es nur 94. „Wir müssen dringend mit Ägypten reden, um zu verstehen, was dahinter steckt“, heißt es in Brüssel. Örtliche Aktivisten gehen davon aus, dass die Jugendlichen die Zubringerboote steuern und dafür kostenlos einen Platz auf dem Mutterschiff bekommen. Mit etwas Glück bleiben sie in Italien unentdeckt, bekommen den Flüchtlingsstatus und werden statt ins Gefängnis in die Schule geschickt.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind 2016 bisher 222 000 Menschen nach Europa übergesetzt, zwei Drittel von der Türkei aus über die Ägäis, ein Drittel von Libyen und Ägypten aus nach Italien. Seit dem EU-Vertrag mit der Türkei im März sind die östliche Mittelmeerroute und der Balkan faktisch blockiert. Dagegen blieben die Zahlen auf der wesentlich gefährlicheren mittleren Mittelmeerroute ähnlich hoch wie im Vorjahr.

Seit Anfang 2016 haben 66 000 Menschen über diesen Seeweg Italien erreicht, im gleichen Zeitraum 2015 waren es 70 000. Die meisten kommen aus Eritrea, Sudan und Somalia sowie aus den westafrikanischen Staaten Nigeria, Gambia, Elfenbeinküste, Guinea und Mali.

Hintermänner unbehelligt

Fabrice Leggeri, Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, und Uno-Libyenvermittler Martin Kobler jedoch rechnen bis Ende des Jahres mit 300 000 Migranten, also doppelt so vielen wie im Vorjahr. Denn immer mehr Leute machen sich aus Westafrika auf den Weg nach Norden. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass wieder mehr Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan von Ägypten aus die Überfahrt versuchen.

Die ägyptische Führung zeigt wenig Interesse, dem Treiben der Schleuser Einhalt zu gebieten, deren Boote in Küstenorten wie Borg Megheisil oder Rasheed im Nildelta ablegen. Die heimischen Hoheitsgewässer sind leergefischt, der Menschenschmuggel für die Seeleute eine willkommene Alternative. Die lokalen Werften erleben einen gewissen Boom. Die schlecht bezahlten Polizisten vor Ort schauen weg oder stecken mit den Banden unter einer Decke. Bisweilen wird ein Zubringerkahn mit einem Dutzend Fluchtwilligen aufgebracht. Oder die Polizei verhaftet Migranten, die auf ihr Schlauchboot warten.

Die Drahtzieher jedoch bleiben unbehelligt. Italienische Ermittler wüssten oft bis ins Detail, wann die illegalen Schiffspassagen in See stechen, zitierte kürzlich die Zeitung Fatto Quotidiano aus Ermittlungsakten. Doch Amtshilfe von ägyptischer Seite gebe es nicht. Stattdessen wartet die Regierung in Kairo auf die Emissäre aus Brüssel. Denn seit dem Abkommen mit Ankara wissen die Mächtigen am Nil, dass sich aus Europas Migrantenangst eine Menge Geld herausschlagen lässt.