merken

Gesundheit

Ägypter haben kein Corona: Von Reisefieber und Urlaubsflucht

Die Grenzen waren dicht. Italien hatte Fieber und die USA Angst, es zu bekommen – nicht gerade rosige Reisebedingungen. Doch meine Cousine Kathi und ich packten trotzdem die Koffer.

Wir sagten uns: Ägypten blieb gesund, Ägypten hatte kein Corona.
Wir sagten uns: Ägypten blieb gesund, Ägypten hatte kein Corona. © Foto: privat

14. März 2020 – Kein Anflug von Fieber

Am Flughafen Dresden schien alles wie gewohnt: Vorfreudige Urlauber mit vollen Reisetaschen, Sicherheitswarnungen vor unbeaufsichtigtem Gepäck. Erst dicht an dicht stehend, in der Schlange zum Check-In-Schalter, hörte ich hier und da schüchterne Gespräche über die Krankheit, von der jeder der Anwesenden Urlaub suchte. Auch ich versuchte meine Sorgen zu vergessen. Das Flugticket in den Händen haltend, wuchs schließlich die Vorfreude auf eine Woche all-inclusive-Aufenthalt im Touristenhotspot Hurghada.

23.30 Uhr ägyptische Zeit, 19 Grad Außentemperatur. Die blecherne Durchsage des Kapitäns nach der Landung ließ mich aufatmen: Endlich Wärme. Doch so sehr ich auch auf das sonnige Wetter der nächsten Tage hin fieberte: Fiebersymptome durfte ich keine haben. Die hätte ich ansonsten auf dem während des Fluges ausgehändigten Gesundheitsbogen angeben müssen. Die beiden DIN-A5 und DIN-A6 großen Zettel verriet nun auch, wo ich mich die nächste Zeit aufhalten werde, warum ich einreiste und wie ich telefonisch zu erreichen sei.

Die Stadt Apotheken Dresden sind für Sie da
Die Stadt Apotheken Dresden sind für Sie da

Die Stadt Apotheken Dresden unterstützen Sie bei einer gesunden Lebensweise und stehen Ihnen sowohl mit präventiven als auch mit therapeutischen Maßnahmen, Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten zur Seite.

 Ein Bündel Informationen in den Händen haltend, verließen schließlich alle Passagiere die Maschine. Stewardessen wünschten uns durch ihren Mundschutz: „Goodbye“, das Sicherheitspersonal begrüßte uns in der Empfangshalle des Flughafens mit einem Fieberthermometer, das jeder einzeln passieren musste. Nach der Kontrolle: Aufatmen, jeder kam durch.

Mit der Abgabe der Gesundheitsbögen an den Schaltern zur Passkontrolle, welche in der spärlich eingerichteten Flughafenhalle fast winzig wirkten, wechselte die Stimmung – keine Spur von Sorgen oder Ängsten. Stattdessen wiesen übersättigte Katalogbilder von Kamelen und Pyramiden den Weg zu unseren Koffern und von dort zu den Shuttlebussen. Untermalt von lustigen Sprüchen in gebrochenem Deutsch, führte die Fahrt schließlich entlang von Palmen zum Hotel: Urlaub, wir kommen! 

15. März 2020 – Bleibt bitte gesund

Durch die Sonne geweckt, vom Fenster aus den ersten Blick aufs Meer erhaschend, hätte unser erster Tag nicht besser beginnen können. Ich hielt den Moment in meiner Instagram-Story fest und machte mich mit Kathi auf den Weg zum Frühstücksbuffet.

Den in hellem Holz gehaltenen, sonnendurchfluteten Essbereich betretend, passierten einige Hotelgäste vor mir die an den Säulen befestigten Desinfektionsmittel-Spender. „Ob die hier wohl immer schon hängen, oder erst seit Corona?“, fragte ich mich kurz, beseitigte dann jedoch den Gedanken genauso schnell wie sämtliche Bakterien und Viren auf meinen Händen.

Nachdem wir das Buffet voller Backwaren, Früchten, Beilagen und Süßspeisen bestaunt und geplündert hatten, warf ich erneut einen Blick auf mein Handy: Einige meiner Freunde antworteten auf meinen Instagram-Beitrag: „Wow, viel Spaß!“, „Und, schon Corona bekommen? Bleib bitte gesund“ bis hin zu „Da wird man ja voll neidisch – vor allem im Wissen, dass du nicht mehr zurückdarfst“. Ich antwortete Dankeschöns, Beschwichtigungen und Lachsmileys. Dann legte ich das Handy zur Seite und grinste Kathi an: „Lust auf Strand?“

Als wir unsere Badesachen aus dem Hotelzimmer geholt hatten, trafen wir uns zunächst mit unserem Reiseleiter im Foyer: Mal sehen, was Ägypten noch so zu bieten hat. Gespannt sammelten sich weitere Urlauber neben uns auf den Stühlen. Dem erwartungsvollen Schweigen entgegensetzend, hieß der gebürtige Ägypter Mohammed uns alle in nahezu perfektem Deutsch willkommen. „Und bitte, ich muss das jetzt sagen“, setzte er nahtlos fort „Waschen und desinfizieren Sie oft Ihre Hände. Hier darf niemand krank werden. Haben Sie Fieber? Das Hotel wird für zwei Wochen geschlossen“. Stummes Nicken der Anwesenden. Dann folgten die heiß ersehnten Beschreibungen von Pyramidentouren, Museumstipps und Tauchtrips. Meine Cousine und ich entschieden uns, zunächst unentschieden zu bleiben und verlegten das Überlegen auf später.

Zehn Minuten später zückte ich wieder meine Smartphone-Kamera, während Kathi – bewaffnet mit einem Dauergrinsen – auf den vor mir liegenden Sandstrand zusteuerte. Die in der Strandbar gespielte Popmusik versetzte der Szenerie einen filmreifen Charakter: strahlende Sonne, kristallblaues Wasser, Palmen, Strand und glückliche Urlauber. „Hier sieht es aus, wie die Orte, zu denen immer nur ‚alle anderen‘ fahren“, ich stellte mich neben Kathi in den Sand, die mittlerweile selbst ihr Handy aus der Tasche gezogen hatte und ihre Umgebung jetzt aus allen möglichen Perspektiven dokumentierte. „Der Hammer!“, entgegnete sie und visierte auch schon zwei freie Liegen für uns an.

Als wir nach einem kurzen Sonnenbad und ausgiebigem Mittagessen zum Hotel zurückkehrten, hatte sich eine kleine Ansammlung von Menschen vor dem Eingang zum Foyer gebildet. Nach einigen Augenblicken wurde der Grund ersichtlich: Einmal Fiebermessen bitte. Als ich an der Reihe war, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Kathi neben mir ein Foto aufnahm. „Irre“, murmelte sie aufgeregt grinsend, als auch ich das Hotel wieder betreten durfte. Neugierig betrachtete ich das Bild über ihre Schulter hinweg, als hätte ich das Ganze gerade selbst nicht miterlebt.

Als ich das Foto später kommentarlos mit meiner Familie im Chat teilte, reagierte meine Schwester geschockt: „Alles okay???“ – „Klar, ist hier Routine“, antwortete ich und realisierte erst jetzt so richtig, wie verrückt das eigentlich war.

Strahlende Sonne, kristallblaues Wasser und Palmen. Das ist der Strand von Hurghada.
Strahlende Sonne, kristallblaues Wasser und Palmen. Das ist der Strand von Hurghada. © Foto: privat

16. März 2020 – Nichts als Sonne

Guten Morgen, Meerblick! Hallo, Strand! Mit einer Spotify-Tropical-Playlist in den Ohren lag ich im Bikini unter einem Sonnenschirm, dem ich durch seine Palmen-Optik abgekauft hätte, einfach so hier gewachsen zu sein. Kurz richtete ich mich auf, blickte zum Meer und überlegte, schwimmen zu gehen, da sah ich vor mir einen mit Klemmbrett bewaffneten Ägypter in Flip-Flops auf mich zu stapfen. „Heeeeey“, sein breites Grinsen steckte an, obwohl ich eigentlich lieber meine Ruhe gehabt hätte, „How are you? Where are you from?“ Prompt wandte meine Cousine ihr Gesicht ab und simulierte zu schlafen. „Germany“, entgegnete ich kurzangebunden und entfernte halbherzig den Kopfhörer von meinem linken Ohr. „Ooooh nice“, er deutete erst auf seine, dann auf meine Ohren „Music? Can I listen?“ – „No, you can’t“, dachte ich, blickte stattdessen jedoch stumm zögernd auf den Kopfhörer in meiner Hand. „Aaaah, I see. Afraid of Corona“, deutete mein Gesprächspartner die Reaktion und bewegte seine Hände in affektierter Abweisung. „Yeah, right“, mein Lachen klang ebenso künstlich, „bitte geh“, dachte ich still. Nach einem gefühlt 30-minütigem Monolog über Windsurfing wurde mein Wunsch Realität. Ich lehnte mich zurück und beschloss, meine Augen vorerst nicht mehr zu öffnen.

Als unsere Körpertemperatur am Nachmittag im Foyer erneut überprüft wurde, nutzte Kathi die Gelegenheit für ein Fotoshooting aus nächster Nähe. „Can I take a picture?“, fragte sie den Verantwortlichen, den wir beide heimlich Corona-Doctor nannten. In seinem T-Shirt und der Jeans wirkten sein Mundschutz und die blauen Gummihandschuhe wie eine Verkleidung. Daumen hoch. Alles cool. Auch beim Corona-Doctor selbst, wie sich zeigte, als Kathi dem verdutzten Mann im Anschluss das Gerät aus der Hand nahm, um auch seine Temperatur zu messen. 

„Can I work here“, fragte Kathi den Rezeptionisten. Eigentlich wollten wir hier nicht mehr weg.
„Can I work here“, fragte Kathi den Rezeptionisten. Eigentlich wollten wir hier nicht mehr weg. © Foto: privat

17. März 2020 – Ein Mann, ein Kugelschreiber

Noch im Bett liegend, entsperrte ich am Morgen mein Smartphone: acht neue Nachrichten von Mama, drei entgangene Anrufe. „Shit“, dachte ich und öffnete den Chatverlauf. „Bitte redet mit dem Reiseveranstalter und kommt so schnell es geht zurück! Ägypten macht spätestens am 19. alle Flughäfen dicht“, schrieb sie, gefolgt von einem Link und einigen kopierten Zitaten des auswertigen Amtes. „Shit“, sprach ich meine Gedanken nun laut aus und streckte dem fragenden Gesicht vom Nebenbett demonstrativ mein Handy entgegen.

Es war nicht schwierig, unseren Reiseleiter zu finden. Ihn zu sehen aber schon: „Wir wollen HEUTE fliegen“, „Ich muss aber nach Hamburg!“, „Und was ist, wenn der Flug morgen nicht geht?“, von etwa zwanzig deutschen Urlaubern belagert, krizelte Mohammed mit Kugelschreiber Namen und Flugdaten auf ein bereits vollgeschriebenes Blatt. „Sie kommen alle zurück!“, noch im Schreiben griff er sein Handy, wählte eine Nummer und hob demonstrativ die Arme: „Kurz Ruhe, bitte!“. Neben uns tuschelte kopfschüttelnd ein älteres Ehepaar, der Reiseleiter gab eine Buchungsnummer durch die Leitung. Kathi zog mich zur Seite: „Lass uns erstmal abwarten“.

Wir setzten uns neben eine etwas abseitsstehende Gruppe aus fünf etwa 30-jährigen Männern. „Maaan, lass uns doch einfach wie geplant hierbleiben. Ich flieg doch jetzt nicht wieder zurück!“, genervt verschränkte der gebräunte Tanktop-Träger seine Arme. „Und was, wenn wir später nicht mehr zurückkommen?“, warf sein großer, etwas schmächtig wirkende Mitreisender ein. „Na und? Dann chillen wir halt hier in der Sonne bis der Corona-Scheiß vorbei ist“, entgegnete ein dritter, der übertrieben cool in seinem Stuhl lungerte. „Das würde ich auch sagen, Maria“, stupste mich Kathi scherzhaft von der Seite an, welche das Gespräch genau wie ich verfolgt hatte. „Du hast vielleicht Nerven“, antwortete ich und beneidete meine Cousine heimlich um ihre Gelassenheit.

Als sich die Wogen ein wenig geglättet hatten, saßen auch Kathi und ich am kleinen Tisch des Reiseleiters und informierten uns über die Lage. „Der Flughafen schließt nur für Einreisende, Sie kommen sicher zurück. Haben Sie Panik? Dann können Sie eher nach Deutschland zurückkehren.“ Unsicher blickte ich zu Kathi. „Siehst du?“, sagte sie und wirkte noch immer entspannt. In meinem Kopf rasten die Gedanken: Was, wenn wir hier wirklich nicht mehr wegkommen? Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich Mohammed bereits ungeduldig anderen Reisenden zuwandte. „Wir wollen so schnell es geht zurück, nach Nürnberg“, entschied ich kurzerhand. Er notierte unsere Buchungsnummer auf eine freie Stelle des Zettelberges vor ihm und griff zum Telefon. „Donnerstag, 19. März, Nürnberg. Morgen sage ich Ihnen wann der Flug geht“, unterrichtete er uns im Anschluss.

„Sorry, mir ist nicht wohl, noch länger zu warten“, entschuldigte ich mich im Gehen bei meiner Cousine, „Wer weiß, ob unser Flug am 21. noch geht“. „Alles gut, ich versteh dich ja“, winkte diese ab, „Lass uns jetzt einfach die restliche Zeit hier genießen.“

Beim Abendessen trafen wir unseren Bekannten, Mehrab, der uns am Tag zuvor bei der Suche nach unserem verlorenen Zimmerschlüssel geholfen hatte. „Ich fliege auch eher nach Hamburg zurück, heute Abend“, erzählte uns der ursprünglich aus Afghanistan stammende Mann. Auch er hatte Bedenken nach dem 19. März nicht mehr zurück zu kommen. Weil wir drei uns gut verstanden, tauschten wir Nummern aus.

„Shooooow-Tiiiime“, viel zu laut für die kleine Hotelbar, luden uns Animateure zur Abendunterhaltung ein. Einige Augenblicke später fand ich mich mit Kathi und Mehrab in weißen Ledersesseln vor einer bunt blinkenden Bühne wieder. Nach einer überschwänglichen Anmoderation dröhnten lateinamerikanische Klänge aus der Musikanlage. Zwei leicht bekleidete Tanzpaare stürmten die Bühne. Meine Augen folgten den ausgeführten Drehungen und Saltos. Als das Lied wechselte, sprang eine Gruppe von fünf weiteren Tänzern auf die Bühne und forderte alle Anwesenden auf, mitzutanzen. Sofort schnellte meine Cousine auf und wirbelte ihre Arme im Takt der Musik umher. Von all den Eindrücken gelähmt, saß ich neben ihr im Sessel wie eine Statue. „The Show must go on“, dachte ich und nippte an meinem Mojito.  

18. März 2020 – Ein halbes Buffet

„Ich bin wieder im Hotel. Ich stand nicht auf der Liste“, diesmal war es Kathi, die mir ihr Handy ins Gesicht hielt. Ich blickte auf den Absender: Mehrab. „Oh nein“, entgegnete ich und hoffte im Stillen, dass bei uns alles glattgehen würde.

Als wir an unserer gewohnten Frühstücks-Location ankamen, erwarteten uns leere Stühle und ein „Closed“-Schild. „Hä, ist das Frühstück schon vorbei?“, prüfend schaute ich auf die Uhr: 9.30 Uhr. An der zweiten Anlaufstelle wurden wir schließlich fündig. „Wahrscheinlich sind schon zu viele abgereist“, mutmaßte Kathi.

Dass sie Recht behalten sollte, bemerkten wir im Laufe des Tages auch anhand der leeren Liegen im Poolbereich und am Strand – Wodurch die Suche eines Sonnenplatzes deutlich kürzer verlief als in den Tagen zuvor.

Wie in den letzten Tagen, sprachen uns auch heute einige Angestellte des Surf-Clubs oder Massagesalons an, als wir am Strand die letzten Stunden genossen. Allerdings schien ihre Verkaufsabsicht etwas in den Hintergrund getreten zu sein. Vielmehr handelten die heutigen Gespräche über ihre und unsere aktuelle Situation: „In three days I have to go, too.“, erzählte uns einer der Angestellten, „They will close the hotel“. Ein Promoter des Surf-Clubs erklärte uns, wir seien in Ägypten sicherer vor Corona: „The sun kills the virus. Egyptians don’t get it, only Europeans. And if anyone gets it“, er schwang sein Bein als würde er einen Fußball wegtreten, „we kick it into the ocean“. Ich lachte: Wenn das so einfach wäre.

Als wir uns am Nachmittag bei unserem Reiseleiter über die genauen Flugdaten erkundigen wollten, saß dieser erneut umzingelt von einigen Touristen im Foyer. Er wirkte noch gestresster als am Tag zuvor und trug – im Gegensatz zum Tag zuvor – Handschuhe. Als wir uns zu ihm setzten, redeten unsere zwei Sitznachbarinnen energisch auf ihn ein: „Was ist mit unserem Flug? Wir wollten morgen fliegen.“ Hektisch blätterte Mohammed durch seine Mitschriften der letzten Tage. „Ich wusste doch von Anfang an, dass es nicht funktionieren wird bei diesem Gekritzel“, setzte eine der beiden fort, als der Ägypter hilflos sein Handy ans Ohr presste. Obwohl ich die Ängste der beiden gut nachvollziehen konnte, versuchte ich sie zu beruhigen: „Wir kommen sicher heim. Zur Not schickt Deutschland auch Flieger und holt uns.“ Das hatte ich in den letzten Tagen in den Nachrichten gelesen. Doch diese Information schien sie nicht zu beruhigen: „Und wenn Deutschland auch die Grenzen schließt? Wir wollen sofort weg.“ Mohammed legte auf, der Kugelschreiber tanzte wieder über das Papier: „Alles klar. Sie fliegen heute Nacht halb drei“, sagte er sichtlich erleichtert. Mit einem gezwungenen „Danke“ verließen die beiden Urlauberinnen den Tisch.

Auch unser Flug sollte morgen früh 2.30 Uhr gehen, also beeilten wir uns, die Koffer zu packen.  

19. März 2020 – Schalter 9

„Can I work here“, fragte Kathi den Rezeptionisten, als wir unseren Schlüssel bei der Abreise abgaben. Sie wollte wirklich noch nicht nach Deutschland zurück: „I can help you the next days“. Dieser lachte: „Sure, you can be my wife and he will marry your sister.“ Er deutete erst auf seinen Kollegen und dann auf mich. „Interessantes Arbeitsverhältnis“, dachte ich still, lächelte und setzte die Reisetasche neben mir ab. Etwas ernster erklärte uns der Mann dann, er sei der letzte der gehen kann und dass ab morgen nur noch wenige Personen im Hotel arbeiten werden.

Entgegen der neuen Jobperspektiven, die sich für meine Cousine und mich ergaben, stiegen wir gegen 24 Uhr in den Shuttlebus zum Flughafen. Auch diesmal wurde die Fahrt von unterhaltsamen Anekdoten in gebrochenem Deutsch untermalt, über die allerdings nur die wenigsten lachten.

Im Flughafengebäude erwartete uns bereits eine lange Schlange, in die auch wir uns einreihten. Vereinzelt fragten uns Ägypter, ob wir schneller vorankommen wollen würden. Wir lehnten ab. Als unsere Taschen und wir die erste Sicherheitskontrolle durchlaufen hatten, realisierten wir erst, wohin diese führte. Wie angewurzelt starrten wir auf ein Meer voller Reisende, das die gesamte Eingangshalle füllte. Dann fiel mein Blick auf die blinkende Anzeigetafel am gegenüberliegenden Ende des Raumes, welche – erst auf Arabisch, dann auf Deutsch – Informationen zum Check-In aufleuchten ließ. „Wir müssen zu Schalter sechs bis sieben“, mit dem Zeigefinger wies ich auf die Anzeige und suchte gleichzeitig mit den Augen nach der Schlange, die zum Schalter führt. Vergebens: Innerhalb der Vielzahl an Menschen und Taschen ließ sich keinerlei Struktur erkennen. So stellten wir uns schließlich auf ungefähre Höhe der Schalter und warteten ab.

„Nürnberg?“, zögerlich blickten uns zwei Augen durch eine große Brille an. „Ja“, ich lachte und fügte dann hinzu: „zumindest glauben wir das“. Gerade wollte die Frau ihre Reisetasche absetzen, als eine tiefe Stimme ihre Bewegung unterbrach: „T’schuldigung, ich müsste da mal durch“. Ein korpulenter Mann zwängte sich zwischen der bepackten Reisenden und der hinter ihr liegenden Wand hindurch zum Eingang der Herrentoilette. „Na das kann ja was werden“, murmelte die Frau.

Gefühlt bewegte sich die Menschenmasse seit Ewigkeiten keinen Zentimeter. Trotzdem fanden wir uns, nach einiger Zeit, nicht mehr am Rand, sondern inmitten der Menge wieder. Ich blickte mich um. Aus anonymen Reisenden formten sich vor mir Eltern und Kinder, Großeltern, Freunde. Ich lauschte den Gesprächen, kaum einer sprach vom Urlaub. Vielmehr beschäftigte jeden die Reise nach Hause – und das, was sie dort erwartete. Plötzlich entstand Unruhe um uns: Koffer wurden angehoben, gesprochene Sätze zerflossen zu Brei. „Was ist denn jetzt los“, fragend blickte ich mich um. „Schalter 9“, hörte ich eine Stimme von irgendwoher sagen. Und tatsächlich: Auf der Anzeigetafel blinkte nun neben NURENBERG eine andere Zahl als zuvor. Reflexartig packten auch wir unsere Taschen und zwängten uns in einem Pulk aus Kofferträgern durch die Vielzahl der Wartenden an Schalter 8. „Wenn hier eine Massenpanik ausbricht, müssen wir dicht zusammenbleiben“, selbst Kathi wirkte nun nicht mehr entspannt.

„Das ist jetzt nicht wahr“, die schrille Stimme neben mir riss mich aus meinen Gedanken. Meine Augen folgten den Blicken der umstehenden: „NURENBERG: 6-7“ blinzelte mir die Anzeigetafel entgegen. Seit wir uns den Weg zum Schalter 9 gebahnt hatten, hatte sich die Masse kein Stück bewegt. Das änderte sich nun schlagartig – schon wieder. Als wir nach erneutem Drängeln unsere Zielposition erreicht hatten, erblickte ich einige Meter vor uns einen älteren Herren, der – wie es schien – ein wenig langsamer voran kam und sich nun auch in die „Reihe“ begeben wollte. „Eeeeehj, nicht vordängeln“, blökte plötzlich eine dunkle Stimme ein wenig links von ihm. Verwundert blickte ein grauer Kopf die Soundquelle an. Einige Kopfschüttler, „Wenns“ und „Abers“ später, murmelte eine ältere Dame vor uns: „Dass die sich jetzt noch streiten müssen“. Zuspruch suchend blickten sie und ihr nebenstehender Mann sich unter den Umstehenden um. „Wirklich wahr“, erwiderte ich und hinterfragte sofort den Sinn meiner Antwort. „Vielleicht steckte in all den gewechselten Worten an diesem Tag auch nur eine Botschaft“, dachte ich: „Wir stecken hier alle gemeinsam drin“.

Das Flugticket endlich in den Händen haltend, standen wir 2.25 Uhr in der Schlange zur Sicherheitskontrolle, die diesmal auch tatsächlich als solche erkennbar war. „In fünf Minuten geht unser Flug“, ich lachte müde. Irgendwie war das mittlerweile völlig egal. Alle Flüge sollten hier 2.30 Uhr starten, auch die nach München, Stuttgart und Leipzig. Weil nur eine einzige Frau bei der Sicherheitskontrolle anwesend war, vergingen jedoch weitere dreißig Minuten, bevor ich meine Schuhe hinter dem Sicherheitsscan wieder anzog und mich in Richtung Boarding begab.

Meine 5-Euro-Wasserflasche fest umklammert, zwängte ich mich schließlich gegen 3.30 Uhr in meinen Sitz. Kathi richtete sich unterdessen am Platz rechts neben mir häuslich ein. Während sie ihre Kopfhörer entwirrte, tippte ich eine SMS an meine Mutter: „Starten vermutlich innerhalb der nächsten halben Stunde. Verspätung ca. 1,5 h“. Während die Nachricht versandt wurde, schloss ich die Augen. Noch nie fühlte sich der Gedanke an Deutschland so fremd an, wie heute.