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Ärger im Bauch

Eine Frau sieht bei einer Darmspiegelung ihr Selbstbestimmungsrecht verletzt. Die Klinik widerspricht.

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© Archivbild/Matthias Rietschel

Von Anja Beutler

Nebenwirkungen gibt es nicht nur bei Medikamenten. Auch bei der Kommunikation zwischen Patient und Ärzten kann viel schiefgehen – und unbeabsichtigte Wunden hinterlassen. Die Löbauerin Annegret Stübner und das Klinikum Oberlausitzer Bergland haben das in den vergangenen Wochen erlebt. So richtig zufrieden sind beide Seiten bis heute nicht.

Was war passiert? Annegret Stübner erkrankte im November und Dezember 2015 zweimal kurz hintereinander an einer schweren und schmerzhaften Darmentzündung. Sie wurde deswegen stationär im Ebersbacher Klinikum behandelt. „Ich war zufrieden mit dem Krankenhaus, habe mich auf der Chirurgie-Station gut aufgehoben gefühlt“, erinnert sich die 58-Jährige. Deshalb hatte sie auch keinen Einwand, als die Klinik gleich für Ende Januar einen Termin für eine ambulante Darmspiegelung in Ebersbach vereinbarte – zur Kontrolle und weiteren Ursachenabklärung.

Wie das bei einer Darmspiegelung so läuft, wusste Frau Stübner von einer ähnlichen Untersuchung vor einigen Jahren. Deshalb habe sie auch gleich beim Aufklärungsgespräch zwei Tage vor dem Termin erklärt, sie wolle in einen Kurzschlaf versetzt werden, sodass sie nichts spüre. Außerdem habe sie die Ärztin, die mit ihr das Gespräch führte, darauf hingewiesen, dass sie noch nicht ganz beschwerdefrei sei. „Ich war mir nicht sicher, ob es für eine Darmspiegelung nicht noch zu früh ist“, sagt Annegret Stübner, die sich mit ihrer eigenen Gesundheit und alternativen Heilungswegen schon seit einiger Zeit beschäftigt, sogar ein Buch geschrieben hat. Man versicherte ihr aber, das sei kein Problem, und man habe alles notiert.

Der Tag der Untersuchung verlief nicht nach ihren Vorstellungen. „Ich war um 8 Uhr bestellt und habe 90 Minuten warten müssen“, kritisiert Frau Stübner. Als sie in das Behandlungszimmer gebracht wurde, habe die Ärztin in ihrem Beisein Diagnosen anderer Patienten diskutiert, was datenschutzrechtlich bedenklich sei. Als sie an der Reihe war, habe sie keine Wirkung einer Spritze gespürt, sie geht davon aus, dass sie gar kein Mittel erhalten habe. Zudem habe die Ärztin die Koloskopie nicht abgebrochen, obwohl sie das wegen starker Schmerzen gewünscht habe. „Sie hat einfach weitergemacht“, sagt Annegret Stübner, die sich in ihrem Selbstbestimmungsrecht beschnitten fühlt.

Ein Briefwechsel folgte, Annegret Stübner und ihr Mann verlangten Erklärungen und Entschuldigungen. Die erhielten sie auch – im ersten Brief von der kritisierten Ärztin, in der Folge von Geschäftsführer Steffen Thiele. Zufrieden sind sie mit den Antworten noch immer nicht. „Wir wollen keine Entschädigung oder Gerichtsverhandlung, wir möchten, dass wir Erklärungen bekommen, man sich entschuldigt und die Dinge verändert. Schließlich hat die Klinik sich ja ein Leitbild gegeben und wird dem keinesfalls gerecht“, erklärt der Ehemann von Frau Stübner.

Am Klinikum Oberlausitzer Bergland (KOB) sieht man den Fall anders. Dennoch hat die Leitung inzwischen schriftlich gegenüber Annegret Stübner Fehler eingeräumt und sich entschuldigt, weil die Kommunikation nicht optimal gelaufen sei. Den Vorwurf, Patientenrecht missachtet zu haben, weisen die behandelnde Ärztin und die beteiligten Pflegekräfte deutlich von sich. Auch dass die Patientin keine Spritze bekommen habe, stimme nicht. In den Behandlungsunterlagen ist sogar aufgeführt, dass sie um 9.23 Uhr die erste Dosis erhielt und vier Minuten später nochmals Wirkstoff nachgespritzt bekam.

Als nächsten Schritt hätte man Frau Stübner noch ein Morphium-Präparat verabreichen können, aber das sei nicht sinnvoll gewesen: „Einen Kurzschlaf, wie die Patientin das wünschte, halten wir nicht für sinnvoll, denn die Patientin sollte ja ansprechbar bleiben“, erklärt Stefanie Brückner von der Stabsstelle Qualitätsmanagement am KOB. So wolle man vermeiden, dass bei einer Untersuchung der Darm verletzt wird, nur weil der Patient nicht reagieren könne.

Auch den Vorwurf, trotz Einspruch rabiat die Untersuchung fortgesetzt zu haben, weist die Oberärztin ebenfalls von sich. Die Medizinerin, die als leitende Oberärztin und kommissarische Leiterin der Klinik tätig ist, hat viel Erfahrung: Seit 39 Jahren arbeitet sie als Ärztin, seit 20 Jahren koloskopiert sie. Als die Patientin erklärt hatte, sie merke keine Spritze, habe man eine Dosis nachgespritzt. Danach habe sie versucht, mit der Untersuchung fortzufahren. „Ich will nicht in Abrede stellen, dass ich ihr kurz wehgetan habe“, sagt sie. Eine ernsthafte Verletzung hätte sie aber nie riskiert: „Mir war wichtig zu klären, ob ein Tumor Grund für die kurz nacheinander festgestellten Entzündungen ist“, betont die Ärztin, die die Koloskopie dann nach eigenen Angaben sofort abbrach. Eine Tumor-Diagnose hätte aber eine rasche Reaktion und weitere Behandlung erfordert.

Dass Annegret Stübner länger warten musste, habe an einem Notfall gelegen: eine Darmblutung. „Das hat die Patientin nicht mitbekommen“, betont Klinik-Mitarbeiterin Brückner. Zudem seien in die Wartezeit auch die Vorbereitungen für den Eingriff gefallen. All diese Dinge hätten Ärztin und Klinik der Patientin gern in einem persönlichen Gespräch erklärt. Zweimal habe man ihr dieses Angebot gemacht, das findet sich auch in den Schreiben. Nur haben es Stübners nicht als Einladung aufgefasst.

Für Peter Stosiek, landkreisweiter Ombudsmann der Ärztekammer Görlitz, klingt die Sache „atmosphärisch nicht gut“. Da wohl kein Ärztefehler vorliege, stehe die Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht. „Auf Wunsch muss eine Behandlung jederzeit abgebrochen werden“, sagt er. Aber natürlich stehe in solchen Fällen Aussage gegen Aussage. Eine positive Nachricht gibt es aber doch: Annegret Stübner hat in Görlitz die Untersuchung inzwischen problemfrei absolviert: Ein Tumor wurde nicht gefunden.