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Ärger um den Stinkefinger

© I&U TV Produktion

Der griechische Finanzminister weiß von nichts, obwohl vieles für die Echtheit des Videos spricht. Aber eigentlich ist das egal.

Von Tim Braune und Takis Tsafos

So erlebt man Gianis Varoufakis selten. Über Stunden absolute Funkstille beim populären Finanzminister nach dem vermeintlichen Stinkefinger-Gate bei Günther Jauch. Der smarte Grieche ist einfach abgetaucht. Seine Gemütslage dürfte unschwer zu erraten sein. Wurde der Grieche, wie er es selbst sieht, bei seinem ersten großen Live-Auftritt im deutschen Fernsehen in die Pfanne gehauen – oder verlor er vor 5,22 Millionen Zuschauern schlicht die Nerven und log, was seiner angekratzten Reputation im Kreis der Euro-Minister den Rest geben könnte?

Steif und fest behauptete der aus Athen zugeschaltete Varoufakis am Sonntagabend im ARD-Talk, ein von Jauch eingespieltes Youtube-Video, auf dem er den Deutschen symbolisch den Mittelfinger zeigt, sei eine Fälschung. Die Geste sei hineinmontiert worden. „Das hat es nicht gegeben“, schimpft er. Er schäme sich, dass ihm so etwas zugetraut werde.

Jauch schaute ziemlich perplex. Seine Redaktion und die Twittergemeinde warfen noch in der Nacht die Recherchemaschine an. Gestern teilte Jauchs Produktionsfirma mit, „nach bisherigem Kenntnisstand“ keinerlei Anzeichen von Manipulation gefunden zu haben. Mehrere Netzexperten seien aber noch an der Sache dran.

Später meldet sich Varoufakis doch noch zu Wort. Er bleibt bei seiner Darstellung. „Es ist der beklagenswerte Versuch, eine TV-Show zu torpedieren, in der ich versucht habe, dem deutschen Publikum eine Hand der Freundschaft anzubieten“, zitiert Spiegel Online den Minister.

Im Netz drehte sich die Debatte nicht nur um die Echtheit des Videos vom Mai 2013, sondern auch um die redaktionelle Einbettung des Beitrags. So meinte nicht nur der Medienkritiker Stefan Niggemeier, Varoufakis‘ Aussage sei durchaus verfälscht worden, weil für die Zuschauer der Kontext nicht klar erkennbar gewesen sei. Varoufakis hatte damals auf einer Bühne in Zagreb als Wissenschaftler die eigenen Politiker in Athen attackiert. An deren Stelle hätte er 2010 sein Land noch vor dem ersten Hilfspaket in die Pleite geschickt und damit Deutschland letztlich den Mittelfinger nach dem Motto gezeigt: „Ihr könnt das Problem jetzt allein lösen“, so Varoufakis.

Mit einem Rücktritt wegen des Fingers rechnet in Athen vorerst niemand – jedoch könnte Varoufakis irgendwann für Syriza-Premier Alexis Tsipras den Sündenbock geben, um die Gläubiger zu besänftigen. (dpa)