Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Ärztemangel verschärft sich

Eine neue Studie im Freistaat Sachsen zeigt, wo der Landkreis Görlitz medizinisch steht. Der Norden hat schlechtere Aussichten.

Teilen
Folgen
NEU!
© dpa

Von Anja Beutler

Ein neues Gutachten, dass die Kassenärztliche Vereinigung Sachsens und das Sozialministerium in Dresden in Auftrag gegeben haben, sollte in Weißwasser sehr sorgsam gelesen werden. Denn in dem nun vorgelegten Papier wird nicht nur die aktuelle Lage analysiert, sondern auch versucht, mögliche Entwicklungen bis 2030 zu skizzieren. Gerade auf den Norden des Landkreises Görlitz kommen in den nächsten Jahren Probleme zu.

Was macht die neue Analyse besser

als die bisherigen Berechnungen?

Die bisher veröffentlichten Daten zum Bedarf an Haus- und Fachärzten für die Städte und Regionen ist pauschaler als die neue Untersuchung, erklärt Michael Erhart vom beauftragten Zentralinstitut. So spiegeln sich erst in den neuen Daten auch wichtige Hintergründe wieder: „Dazu gehören Fragen danach, wie krank die Bevölkerung vor Ort ist, wie alt die Ärzte selbst sind oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich neue Mediziner vor Ort niederlassen“, sagt er. Aber auch Angaben über die Bevölkerung, die stationäre Versorgung vor Ort, und ob es sich um eine Region mit mehr oder weniger gebildeten und gut verdienenden Menschen handelt, werden nun berücksichtigt. Hat man bislang eher geschaut, wie viele Einwohner statistisch auf einen Hausarzt kommen, wird nun auch extra erfasst, wie viele Patienten die Mediziner tatsächlich behandeln. Das ist vor allem für diejenigen Ärzte wichtig, die viele Patienten aus der Umgebung versorgen, weil es dort keine Mediziner gibt oder deren Praxen niemanden mehr aufnehmen können.

Wie schneidet der Landkreis bei

der Hausarztversorgung ab?

Pauschal kann man festhalten, dass die Lage verglichen mit dem Erzgebirge oder auch Zwickau und Oschatz weniger dramatisch erscheint – sowohl, was die aktuelle Situation als auch die Zukunft betrifft. Dennoch fallen die hiesigen Kreisstädte bei einigen Punkten aus dem Rahmen: So gibt es in Löbau und Zittau im Vergleich einen deutlich erhöhten Versorgungsbedarf am Wohnort. Das heißt, hier sind viele Menschen krank und suchen deshalb häufig Ärzte auf. Damit liegt der Süden des Kreises unter den auffälligen zehn Prozent, was die Forscher mit hohem Handlungsbedarf gleichsetzen. Der Norden – also Niesky und Weißwasser – haben hingegen ausgeprägte Strukturprobleme: Hier sind jetzt schon zu wenige Hausärzte vor Ort und damit die Wege lang (Niesky). Verschärfen wird sich das – so hebt die Studie heraus – vor allem in Weißwasser, weil hier sehr viele Ärzte absehbar in den Ruhestand gehen werden und kaum Nachfolger in Sicht sind.

Wie verhält es sich bei

den Fachärzten im Landkreis?

Für Zittau weist das Gutachten beispielsweise deutliche Schwächen bei der Chirurgie, bei Hautärzten oder auch der Nervenheilkunde auf. Bei Löbau steht bei Kinderärzten, Orthopäden, HNO-Ärzten und Urologen Verbesserungsbedarf zu Buche. Der Nordkreis zeigt weitaus mehr deutliche Defizite – allein in neun von 14 Facharztrichtungen weist die neue Studie Handlungsbedarf nach. In Görlitz sieht es insgesamt besser aus, deutliche Schwächen gibt es bei Haut-, Kinderärzten und der HNO.

Warum hat die Suche nach Nachfolgern so wenig Effekt?

Gerade bei der Frage zählt der Norden des Kreises jetzt schon zu den schwächsten Regionen. Und mit einem Manko, das ins Gewicht fällt, sind auch Zittau und Görlitz stärker als andere belastet: Die soziale Struktur ist wenig attraktiv. Wenn sich also ein Arzt hier niederlassen wöllte, findet sich für seinen Partner oft nur schwer eine passende Arbeitsstelle. „Das ist generell ein wichtiger Punkt, der sich zunehmend als schwierig erweist“, bestätigt auch die Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums, Annett Hofmann die bisherigen Erfahrungen. Außerdem sei eine Niederlassung als selbstständiger Arzt für viele „kein bevorzugtes Karrieremodell mehr“, sagt sie. Eine Anstellung – wie sie auch die Ärzte im Zittauer Raum bieten wollen – sei da beliebter, auch weil Ärzte gern Teilzeit arbeiten wollten. Hinzu kommt, dass durch die Alterung der Bevölkerung ohnehin mehr Ärzte nötig sind, um den Bedarf zu decken – im gleichen Zuge sind aber die Studienplätze und damit die Absolventen auf altem Niveau geblieben.

Welche Konsequenzen hat das neue Zahlenwerk am Ende?

Die Daten sind so umfangreich und detailliert wie noch nie zuvor. „Das macht es möglich, in den einzelnen Gebieten nach passenden Lösungen zu suchen“, sagt Ministeriumssprecherin Hofmann. Das werden die Kassenärztliche Vereinigung, Kommunen, Kreise und Freistaat zusammen auf den Weg bringen müssen. Zudem werden demnächst vier bis fünf Modellregionen ausgewählt, bei denen beispielhafte Lösungen gesucht werden. Ob die Oberlausitz vertreten sein wird, ist momentan noch offen. „Wir setzen auch darauf, dass unsere Studenten zeitig in den Praxen vor Ort Praktika absolvieren“, sagt Frau Hofmann. Allerdings setzt das voraus, dass auch immer genügend Praxen, die weiterbilden können, vorhanden sind. Das, so sagt beispielsweise Arzt Gottfried Hanzl aus Oderwitz, ist derzeit zumindest im Süden des Landkreises Görlitz nicht das Problem.