merken

Alarm für die Freiwilligen

Die Görlitzer Ortsfeuerwehren entwickeln sich gut: mehr Mitglieder, mehr Einsätze, bessere Technik. Doch es bleiben Probleme.

© Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

Anzeige
Es ist Kuschelzeit!

Sie ist wieder da: Die Saison der dicken Schals und selbst gestrickten Socken. Zeit, sich selbst und anderen mit besonderen Überraschungen eine Freude zu machen!

Görlitz. Dem Görlitzer Feuerwehrchef war die Freude anzumerken. Immerhin konnte Uwe Restetzki zur Jahreshauptversammlung der freiwilligen Feuerwehr erneut von einer positiven Entwicklung berichten. 254 Mitglieder sind dabei, wieder zehn mehr als im Vorjahr. „Damit führen wir die Steigerung konsequent fort. In den vergangenen fünf Jahren können wir ein Plus von 40 Mitgliedern verzeichnen, trotz Austritten, Um- und Abmeldungen.“

Einsatz, Alarm, Technik, Ausblick

Einsatz: A und O ist die Zahl der verfügbaren Atemschutzgeräteträger

Noch kommt dieser Aufschwung allerdings nur zum Teil in den Einsatzdiensten an. Denn es ist die Jugendfeuerwehr, die den stärksten Zuwachs verzeichnet. „Wir sind jetzt 14 Mädchen und 38 Jungs“, bestätigte Stadtjugendfeuerwehrwart Steffen Eiselt. Der Aufschwung wird für ihn auch darin ersichtlich, dass die Ortswehr Kunnerwitz jetzt eine eigene Jugendfeuerwehr gründen kann. Immerhin drei junge Brandschützer wechselten 2017 in die Einsatzabteilungen ihrer Ortsfeuerwehren. In denen sind jetzt 108 Kameradinnen und Kameraden einsatzbereit, und sogar die Zahl der so dringend benötigten zugelassenen Atemschutzgeräteträger stieg von 29 auf 33. „Damit sind wir auf einem guten Weg“, betonte Uwe Restetzki. Immerhin habe der Wohnungsbrand auf der Krölstraße erst vor wenigen Wochen deutlich gemacht, wie schnell die Kapazitätsgrenze verfügbarer Atemschutzgeräteträger erreicht werden kann. Denn nur solche Spezialisten dürfen sich in Brandobjekte begeben.

Alarm: Nicht nur die Löscheinsätze, auch Sicherheitswachen sind wichtig

Insgesamt wurde 2017 die Freiwillige Feuerwehr Görlitz zu 146 Alarmen gerufen, das ist ein ganz leichter Anstieg. Freilich führte nicht jede Alarmierung zu einem tatsächlichen Einsatz, weil hin und wieder die Kräfte und Mittel der Berufsfeuerwehr vor Ort ausreichten oder die Gefahr nicht mehr bestand. Dafür verbargen sich aber hinter mancher Alarmierung gleich mehrere Einsätze, allein schon bei den drei heftigen Stürmen des Vorjahres. Daneben lag der Einsatzschwerpunkt 2017 bei Wohnungs- und Laubenbränden. „Zum Glück sind wir von solchen Großereignissen wie 2016 in der Wäscherei Brückenstraße und beim Tivoli diesmal verschont geblieben“, schätzte Uwe Restetzki ein. 2017 gab es im Stadtgebiet „nur“ zwei Groß- und sieben Mittelbrände. Die Angehörigen der freiwilligen Wehren leisteten 2017 aber auch noch 1145 Stunden Brandsicherheitswachdienst, vor allem im Theater, und absolvierten rund 4000 Ausbildungsstunden.

In der Alters- und Ehrenabteilung halten der Wehr noch 94 Kameraden die Treue. Viele von ihnen gehörten dazu, als insgesamt 31 Männer und Frauen ausgezeichnet oder befördert wurden. Stehenden Applaus gab es für besonders langjährig der Feuerwehr verbundene Mitstreiter, für 70 Jahre Mitgliedschaft von Siegfried Heinrich (Ludwigsdorf) ebenso wie für 60 Jahre, die Siegfried Lange (Kunnerwitz) und Dieter Tschackert (Schlauroth) dabei sind. Besonders gewürdigt wurde zudem Jürgen Scholz, der langjährige Ludwigsdorfer Ortswehrleiter. Er übergab die Leitung an Stefan Weilandt, bisher bekannt als Stadtjugendfeuerwehrwart und Vorsitzender des Görlitzer Feuerwehrvereins. Zu Ortswehrleitern berufen wurden zudem René Tusche für die Wehr Klingewalde/Königshufen und Rainer Göthert für die Feuerwehr Hagenwerder/Tauchritz.

Technik: Neue Fahrzeuge rollen an, Bauvorhaben aber muss weiter warten

Besonders die Mitglieder der Kunnerwitzer Wehr hatten Grund zur Freude. Nachdem sie Anfang 2016 in ein neues Feuerwehrhaus einziehen konnten, besitzen sie jetzt ein nagelneues Tanklöschfahrzeug. Zur Jahreshauptversammlung wurde das seit Silvester in Dienst stehende Fahrzeug offiziell von Falk Lehmann, Vertreter des Herstellers Magirus in Ulm, übergeben. Es hat 240800 Euro gekostet, 181000 davon zahlte der Freistaat Sachsen. Für dieses Jahr ist die Beschaffung eines weiteren solchen Tanklöschfahrzeugs geplant. Es soll einen W50 aus dem Jahr 1988 ablösen.

Dagegen muss ein Löschfahrzeug der Ortsfeuerwehr Ludwigsdorf noch länger ausharren. 1995 für die Berufsfeuerwehr gekauft, wurde es 2010 an die Ludwigsdorfer übergeben. Nach 23 Dienstjahren, also lange über der Nutzungs- und Verschleißgrenze, gab es jetzt durch die Firma Kunze und Sohn in Frankenberg für 40000 Euro eine Aufarbeitung, um mindestens weitere fünf Jahre in Ludwigsdorf seinen Dienst zu verrichten. Für die Berufsfeuerwehr ist noch dieses Jahr eine neue Drehleiter im Wert von rund 700000 Euro vorgesehen, 60000 Euro sollen in eine verbesserte Schlauchwäsche fließen. „Das sind durchaus alles sehr beachtliche Investitionen“, gab Bürgermeister Michael Wieler zu verstehen, dennoch aber sei die Verwaltung längst nicht zufrieden. Vor allem laufen zwar weitere Planungen für den Neubau an der Cottbuser Straße, doch eine Finanzierung ist noch nicht in Sicht. Da ist sogar noch offen, ob der Neubau den freiwilligen Wehren Stadtmitte, Klingewalde und Königshufen dienen soll oder auch statt einer Sanierung der Wache Krölstraße die Berufsfeuerwehr mit aufnehmen soll. So oder so: „Wir reden von rund zehn Millionen Euro, das ist allein als Stadt nicht zu schultern. Nicht überall, wo ein Wille ist, sehen wir auch einen Weg“, sagte Michael Wieler sehr deutlich in Richtung der zur Jahreshauptversammlung anwesenden Abgeordneten des sächsischen Landtages. Kritiker bat er um Geduld. So hatte zum Beispiel Thomas Blumrich von der Ortswehr Klingewalde aufgezeigt, wie dringend der Neubau erwartet wird: „Wir haben Schwamm und Schimmel im Haus, es gibt nur eine Dusche im Gang zwischen den Frauen- und Männerumkleiden.“

Ausblick: Im Juli wird Görlitz zum Mittelpunkt sächsischer Feuerwehren

Auch Maik Herrmann vom Feuerwehrverband des Kreises Görlitz weiß um die offenen Probleme: Die Anforderungen an den Abbau des Investitionsstaus nach den Brandschutzbedarfsplänen sind hoch. Sie sind es für 163 Feuerwehren und 3534 Mitglieder im Landkreis. Mit Blick auf die in der Regierungserklärung von Ministerpräsident Michael Kretschmer versprochene Verdopplung der Mittel betonte er: „Wir werden die Regierung darauf festnageln.“

Der nächste passende Anlass dafür dürfte schon vor der Tür stehen. Vom 27. bis zum 29. Juli wird in Görlitz der Landesfeuerwehrtag stattfinden. Drei Tage geht es dabei nur um die Feuerwehr. Im Stadion der Freundschaft sollen internationale Feuerwehrwettkämpfe stattfinden, auf dem Obermarkt wird eine Ausstellungs- und Festmeile geplant, und der Untermarkt geht in die Regie der Feuerwehrhistoriker. „Ganz Sachsen schaut auf Görlitz und die Feuerwehr. Lasst uns die Gelegenheit nutzen, unsere Leistungsfähigkeit zu demonstrieren“, warb Uwe Restetzki. Dass da auch Gelegenheit sein wird, hochrangigen Gästen noch offene Probleme anzudeuten, muss er freilich nicht extra erklären.

1 / 4