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Alarmstufe Rot und ein dreifaches „Sport frei“

Berliner Luft

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Von Peter Heimann

Das Allerschlimmste scheint vorbei zu sein – über die Finanzkrise wird schon wieder gelästert. Auffallend oft wird dabei auf die Geschichte zurückgegriffen. Logisch, dass sich die Älteren an länger Zurückliegendes erinnern. Hans-Dietrich Genscher dachte im Zusammenhang mit den Bankern an Christoph Columbus. Der 81-Jährige: „Er fuhr los, ohne zu wissen, wohin; er kam an und wusste nicht, wo er ist; er kam zurück und konnte nicht sagen, wo er gewesen war; und das alles mit dem Geld anderer Leute.“

Nicht ganz so weit zurück blickte der SPD-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt in Kiel, Torsten Albig. Derzeit ist Albig noch Pressesprecher des Bundesfinanzministeriums und eifert beim Lästern ganz erfolgreich seinem jetzigen Chef Peer Steinbrück nach. Gerade kommentierte Albig den Umstand, dass die bayerische Staatsregierung zu den schärfsten Kritikern des Bankenhilfspakets gehörte, aber die krisengeschüttelte landeseigene Bayern-LB als erste nach dem Milliardensegen des Bundes rief, mit den altbekannten Worten: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Auch mancher Sozi hat eben seinen Marx in der Jugend- oder Studentenzeit durchaus verinnerlicht.

Apropos Karl Marx und apropos Geschäft. Die Klassiker aus der Geschichte der Arbeiterbewegung lagen zuletzt wie Blei in den Buchhandlungen. Plötzlich aber hatte der erste Band des Marx’schen Standardwerkes „Das Kapital“ Hochkonjunktur. Vorige Woche war Marx bei seinem Verleger Jörn Schütrumpf sogar ausverkauft. Den Grund für den Aufschwung kennt Schütrumpf auch, und der passt sogar auf den Buchdeckel: „Det is die Krise.“ Oder in Langfassung: „Wenn sich Marx verkauft, dann weiß man, dass man vom Elend der anderen profitiert.“

Die Kohle freilich teilt man sich mit anderen. Im globalisierten Kapitalismus ist es schlicht zu teuer, den guten alten Marx in dessen deutscher Heimat zu drucken. Die Bücher mit dem dunkelblauen Einband und den goldenen Lettern drauf werden seit geraumer Zeit in Tschechien produziert.

Im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale, macht man sich derweil keine Gedanken, ob man mit Marx vielleicht auch Wahlkampf machen könnte. Dort überlegt man schmunzelnd eher, das neue Buch von CDU-Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz ans Wahlvolk zu verschenken. Titel: „Mehr Kapitalismus wagen.“

Derweil beschäftigt sich Die Linke im Bundestag mal mit einem sinnvollen Thema: Fußball. Heute Abend versuchen die „Roten Socken“, die Elf der Linksfraktion, die Revanche gegen die „Grüne Tulpe“ die Truppe der Grünen-Fraktion. Motto der auf Wiedergutmachung sinnenden Linksaußen: „Alarmstufe Rot!“ Denn das erste Spiel endete für sie voriges Jahr im Desaster. Sie verloren klar und eindeutig 1:6. Noch dazu im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, wo einst der Genosse Mielke auf der Tribüne und in der Schiedsrichter-Kabine darüber wachte, dass für den BFC Dynamo immer mal ein linkes Ding durchgezogen wurde.

Diesmal wird im Poststadion gespielt. Auch dort wollen die Grünen ihre sportliche Vorherrschaft in der Opposition festigen. Gespielt wird 90 Minuten, jede Mannschaft kann beliebig oft wechseln. Beide Teams spielen mit Frauen und Männern. Den Ehrenanstoß gibt die Vizepräsidentin des Bundestags, Petra Pau von den Linken. In der Einladung grüßte deren Pressesprecher Hendrik Thalheim „mit einem dreifachen Sport frei“. Und verwies gleich noch auf seine ruhmreiche sportliche Vergangenheit: „Torhüter in der 2. Kindermannschaft von Empor Tabak Dresden.“