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Albtraum ohne Ende

Der Leipziger Geiger Stefan Arzberger über eine unheilvolle Nacht in New York und seine Hoffnung auf Gerechtigkeit.

© dpa

Es begann mit einem Drink an der Hotelbar im März 2015. Am nächsten Tag soll das Leipziger Streichquartett in New York die letzten Konzerte auf seiner US-Tour geben. Doch der Geiger Stefan Arzberger kann nicht spielen. Ihm wird versuchter Mord vorgeworfen. Splitternackt soll er in der Nacht eine Hotelbesucherin in ihrem Zimmer gewürgt haben, heißt es. Er selbst hat keine Erinnerung an diese Vorfälle, wie er sagt. Gegen Kaution kommt der Musiker zwar wieder auf freien Fuß, doch darf er die USA nicht verlassen. Erst vor wenigen Tagen begann die Polizei mit den Ermittlungen – nach zehn Monaten.

Guten Tag, Herr Arzberger. Haben Sie denn einen guten Tag?

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Einen sehr sehr guten Tag sogar, denn meine Frau ist für ein paar Tage zu Besuch und gemeinsam erkunden wir die Architektur von New York. Da gibt es ja enorm viel zu sehen.

Fühlen Sie sich manchmal tatsächlich als Tourist oder immer als Gefangener?

Eigentlich besitze ich gar keinen Status. Mein Pass liegt bei den Behörden, durch Hinterlegung einer Kaution bin ich auf freiem Fuß und darf mit Bussen oder Zügen auch reisen. Das muss manchmal sein, wenn mir Freunde und Bekannte ihr Zuhause als neue Herberge anbieten. So habe ich bereits mehrere Wochen in Virginia gelebt, bei einem Arzt in Washington, hier in New York hat mich die Schriftstellerin Irene Dische für eine Weile untergebracht, und aktuell wohne ich in dem Appartement einer tourenden Kollegin in Harlem. Ohne die Hilfe der ganzen Menschen hätte ich hier überhaupt keine Chance. Die Stadt ist irre teuer, ein Zimmer könnte ich mir auf Dauer gar nicht leisten, und es weiß ja niemand, wann der Prozess beginnt.

Was wurde denn aus der Anhörung vom vergangenen Donnerstag?

An dem Tag sollte eigentlich die Staatsanwaltschaft ihr psychiatrisches Gutachten über mich präsentieren. Das Dokument meiner Anwälte liegt bereits seit Monaten vor, doch erst wenn der Richter diese beiden Einschätzungen meiner Psyche in den Händen hält, entscheidet er über die nächsten Schritte. Somit existiert immer noch keine Anklage gegen mich, und wie die Anwälte sagen, hat die Polizei jetzt erst mit den Ermittlungen begonnen. Lange Phasen des Wartens im Ungewissen gehören hier aber zum Alltag, der typische amerikanische Ausdruck dafür lautet „in limbo“. Bis zur sechsten Anhörung am 5. Februar bleibt mein Fall weiter in der Schwebe und ich mir selbst überlassen – eben „in limbo“.

Können Sie zur Ablenkung und Aufbesserung der Kasse Konzerte geben?

Das würde ich ja gerne, doch Arbeiten ist mir von Rechts wegen verboten. Entsprechende Anträge hatte der Richter abgelehnt. Nach der Absage habe ich gleich an Auftritte in Krankenhäusern oder Seniorenheimen gedacht, doch selbst karitative Einsätze sind fast ausgeschlossen. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, machen die Institutionen üblicherweise einen sogenannten Backgroundcheck. Da ich in den Polizeiakten wahrscheinlich als vermeintlicher Psychopath auftauche, der auf Kaution draußen ist, kommt es gar nicht erst zu weiteren Gesprächen. Mit dem Stigma muss ich leben.

Wovon leben Sie dann überhaupt?

Ich lebe von meinen Eltern und meiner Frau in Leipzig und von der Mildtätigkeit vieler Menschen. Meine Eltern haben ihre Geige verkauft, die ihnen als Altersvorsorge dienen sollte. Ich selbst besitze kein Instrument. Und meine Frau hat eine Spendenseite im Internet initiiert, sammelt dort Geld für den Prozess, denn die Anwaltskosten laufen ja separat, da greift keine Rechtschutzversicherung. Praktisch verfüge ich über ein Taschengeld, ein tägliches kleines Budget, das zur Sparsamkeit zwingt.

Mein Engagement beim Leipziger Streichquartett habe ich beendet, damit die Kollegen ihre Tourneen und Aufnahmen planen können – das ist mit mir in der nächsten Zeit nicht möglich. Dadurch habe ich aber auch in Deutschland keine Einkünfte mehr. Für die Kaution in Höhe von 100 000 Dollar bürgt meine Agentin Erika Schupp. In München und Leipzig hat sich ein Unterstützerkreis* gegründet, der am 20. Februar wieder ein Benefizkonzert für meinen Fall veranstaltet. Auch den Helfern bin ich sehr dankbar.

Die Krimiserie „Law & Order“ adaptierte Ihren Fall bereits. Das Phänomen, als dessen Opfer Sie sich sehen, scheint weit verbreitet zu sein in den USA.

Ich kannte die Vokabeln zuvor auch nicht, doch mittlerweile weiß ich, dass zum Beispiel besonders Studenten in langen Traktaten davor gewarnt werden, ihre offenen Getränke auf Partys nie aus den Augen zu lassen. Wer von der Toilette zurückkehrt und unbedarft den nächsten Schluck nimmt, hört dann schon mal vom Nachbarn ein: „I roofied you“, was frei übersetzt so viel bedeutet wie: „Ich habe dir was ins Glas getan.“ Bloß was? Diese Modeerscheinung oszilliert zwischen einem unberechenbaren Partygag, weil ja jeder anders reagieren kann auf die verabreichten Stoffe und schwerer Kriminalität, und ich denke, dass ich eben Opfer so einer Tat wurde. Anders kann ich mir den Blackout und das Verhalten, dessen ich beschuldigt werde, nicht erklären.

Existiert denn kein adäquater Bluttest, um zu klären, ob so eine Substanz in Ihren Adern zirkulierte?

Meine Anwälte beantragten nach meiner Verhaftung zweimal einen entsprechenden Test, doch der Richter lehnte ab. Neun Tage später erhielten meine Anwälte dann die Erlaubnis, die Blutprobe der Polizei auswerten zu lassen, und als nach weiteren neun Tagen das Serum endlich im Labor eintraf, existierten keine Spuren mehr von irgendwas. Auf der Homepage des Unterstützerkreises erklärt eine Toxikologe, woher diese synthetischen Drogen kommen, wie unterschiedlich sie wirken und dass für viele noch gar kein Analyseverfahren existiert.

Sie haben Anzeige gegen eine Frau erstattet, die Sie offenbar ausgeraubt hat – erwartet die Dame auch ein Prozess?

Ich denke nein, denn für Polizei und Justiz war die Sache schnell erledigt. Die Frau erhielt eine Anzeige wegen unautorisierter Nutzung von Kreditkarten und kam aus der Haft frei. Mein iPad bleibt weiterhin verschwunden, aber was interessiert schon ein iPad, wenn das ganze Leben aus den Fugen gerät.

Auf die harte Tour mussten Sie neue Begriffe lernen, im WhatsApp-Profil schreiben Sie vom Sprachurlaub. Sprechen Sie jetzt besser Englisch als zuvor?

Auf jeden Fall, vor allem beherrsche ich nun etliche juristische Begriffe und kann mich auch auf dem Gebiet an mancher Diskussion beteiligen, doch so viele Gelegenheiten habe ich dazu ja nicht außerhalb der Kanzlei und dem Freundeskreis. Und ich kenne jetzt einige Nuancen mehr bei den Begrüßungen zum Beispiel, bei denen sich schnell zeigt, wer aus welcher sozialen Schicht stammt. Ich höre auf der Straße genau hin, beim Spazierengehen, beim Joggen, das ist schon recht interessant.

Gehört Joggen zum täglichen Fitnessprogramm? Machen Sie noch mehr?

Mehr kann ich mir leider nicht leisten, Beiträge in Studios oder für Kurse sind für mich viel zu teuer. Darum jogge ich so oft ich kann – das hilft gegen düstere Gedanken und fördert hoffentlich die Gesundheit. Denn ich möchte hier nicht ernstlich erkranken. Meine Frau kann mich über Deutschland nicht mitversichern, so haben meine Eltern in den USA eine Krankenversicherung für mich abgeschlossen. Die deckt natürlich keine aufwendigen Behandlungen. Schön ist eben etwas anderes.

Kommen Ihnen oft düstere Gedanken? Ihre gesamte Situation klingt schon sehr kafkaesk. Würden Sie im Strafverfahren schuldig gesprochen, müssen sie dann im Zivilprozess noch mit Schmerzensgeldforderungen rechnen?

Kafkaesk gehört ja schon länger zum englischen Wortschatz als zum deutschen, und ich höre den Begriff recht oft, wenn mich die Menschen auf meine Geschichte ansprechen. Manchmal tut sich einfach der Boden auf und ich schaue in ein tiefes schwarzes Loch. In den Momenten hilft nur professionelle Hilfe, und zum Glück gehen sie meist schnell vorüber. Dann denke ich wieder an die vielen Menschen hier und in Deutschland, die mich vorbehaltlos unterstützen, an mich glauben, zu mir stehen. Daraus schöpfe ich wieder Kraft für die nächsten guten Tage. Dazu gehören auch die Sonntage in der deutschen Gemeinde, wenn ich in der Kirche beim Gottesdienst spielen darf.

Das Interview führte Stefan Becker.

www.support-for-arzberger.com