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Jugendliche missbraucht

Jahrelang war die Wohnung eines 48-jährigen Rentners ein Treff für Alkoholiker – darunter auch Teenager. Die Behörden wussten lange davon.

© dpa

Von Alexander Schneider

Dresden. Ein geschäftstüchtiger Mann hat aus seiner Wohnung in Gorbitz ein florierenden Trinkertreff gemacht. Der Erwerbsunfähigkeitsrentner (48) hat dort seit Jahren Alkoholiker mit Nachschub versorgt – und regelmäßig auch Jugendliche. Spätesten Anfang 2015 wurde die Wohnung den Behörden bekannt. Mehrfach mussten Jugendliche mit Alkoholvergiftung in Kliniken gebracht werden. Einer war dort im Treppenhaus gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Wer nun jedoch glaubt, dass die Behörden diesem Trinker-Biotop von Teenagern ein Ende bereitet hätten, irrt. Aber das ist noch längst nicht alles.

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Am Dienstag stand der 48-Jährige wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Jugendlichen vor dem Amtsgericht Dresden. Laut Anklage hat der Alkoholiker spätestens im Januar 2015 Oralsex mit den damals 15 und 16 Jahre alten Jungen. Er habe ihnen angeboten, mit den Gefälligkeiten ihre Alkohol-Schulden abzubauen.

Es sollen unglaubliche Schulden gewesen sein. Der Angeklagte selbst sprach von um die 600 Euro bei dem einen und rund 5 000 bei dem anderen. Er habe ihnen pro Flasche Bier 1,10 Euro und pro Schnaps einen Euro berechnet und Schuldnerlisten geführt. Tatsächlich hat die Polizei in der Wohnung neben drei Kühlschränken auf einer Pinnwand 30 Zettel mit Namen gefunden. Viele seien schon verstorben, sagte der Angeklagte. Er gab zu, dass es mit beiden Jugendlichen jeweils einmal zum Oralsex gekommen sei. Sie hätten auch bei ihm geputzt, um ihre Schulden zu tilgen. Die Jungen und einige weitere Jugendliche seien seit Jahren regelmäßig zu ihm gekommen, um Alkohol zu trinken. Eines der Missbrauchsopfer schon mit 13. Der heute 17-Jährige sei erst „gestern Abend“ wieder bei ihm gewesen. Auch der andere käme noch zu ihm, wenn auch nicht ganz so oft.

Wie es sein kann, dass die Wohnung auch zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle als Trinkertreff für Jugendliche dient, blieb in dem Prozess offen. Das Jugendamt wurde spätestens mit der Anklage im Juni 2016 davon offiziell informiert. Eine Mutter sagte als Zeugin, sie wolle erst vergangenes Jahr von der Alkoholsucht ihres Sohnes erfahren haben. Er sei plötzlich so aggressiv gewesen, habe nie erzählt, wo er tatsächlich gewesen sei.

Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Als Auflage darf der Mann keine Jugendlichen mehr in seine Wohnung lassen.