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Alle unter einem Dach

Seit zehn Jahren lässt das Mehrgenerationshaus in Bautzen kleine Sorgen vergessen. Zukunftswünsche gibt es trotzdem.

© Miriam Schönbach

Von Miriam Schönbach

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Bautzen. Punkt 12 Uhr mit dem Glockenläuten trägt Marina Sieb das Mittagsessen in den Gemeinschaftsraum im Mehrgenerationenhaus in Gesundbrunnen. Sauerkraut, Grützwurst und Kartoffeln dampfen in den großen Töpfen. Im Flur auf der Liste haben sich für die deftige Kost mehr als 20 Leute eingetragen. „So viele Personen sitzen hier fast immer mittags am Tisch“, sagt die Köchin. Seit kurz vor 8 Uhr steht sie in der Küche. Zuerst hat sie Frühstück gemacht, dann eingekauft und nun verteilt sie die Portionen auf den Tellern. Die 60-Jährige ist eine von zahlreichen Ehrenamtlern im Treff am Vorstau. Im Januar vor zehn Jahren öffnete er zum ersten Mal.

Marina Sieb flitzt noch einmal zurück in ihr Refugium mit Herd und holt noch ein paar gebratene Spiegeleier. „Falls jemand die Grützwurst nicht mag“, sagt sie lachend und scherzt mit allen Wartenden. Da fragt sie nach der Gesundheit, den Nächsten nach den Kindern und verbreitet gute Laune. Vor sechs Jahren hat die gebürtige Spreewälderin das Mehrgenerationenhaus für sich entdeckt und ins Herz geschlossen. Erst 2006 war sie aus ihrer alten Heimat nach Bautzen gezogen, in Gesundbrunnen fand sie eine Wohnung, ihre Arbeit als Altenpflegerin aber gab sie auf. „Ich bin mit dem Tod nicht zurechtgekommen“, sagt die lebenslustige Frau.

Doch Zuhause sitzen will Marina Sieb nicht. Sie fragt bei der Caritas, wo sie Gutes tun kann. Von dort wird sie in den Gesundbrunnen geschickt. Das Mehrgenerationenhaus (MGH) entsteht 2008 aus dem ehemaligen Jugendtreff. „In den 1990er-Jahren kamen dorthin viele Mädchen und Jungen, doch dann war der demografische Wandel zu spüren“, sagt MGH-Leiterin Jutta Burkhardt. Bedarf besteht indes bei Senioren, die häufiger allein im Neubaugebiet wohnen genauso wie für Hilfsangebote an junge Familien. So entsteht die Idee, das Haus für alle Generationen zu öffnen.

Plaudern am Mittagstisch

Wieder geht die Tür auf, neue Mittagsgäste kommen in den Treff. Sie finden an den großen Tischen jemanden zum Plaudern. „Hier erfährt man immer Neues. Diese Gemeinschaft ist wie eine große Familie“, sagt Marina Sieb. Sie kocht übrigens auch Wunschessen und macht sich Sorgen, wenn einmal ein Mittagsgast nicht erscheint. Dieses Kümmern hält die Gemeinschaft zusammen, vielleicht auch das gemeinsame Lachen. Sorgen scheinen im Mehrgenerationshaus ein kleines bisschen kleiner zu werden.

Ingo Raffelt bringt seinen Teller zurück. Der 54-Jährige kümmert sich ehrenamtlich um die Grünanlagen und kleine Reparaturen im Haus. Früh um 8 Uhr pünktlich zum Frühstück ist er jeden Morgen da. „Das ist mein zweites Zuhause. Hier bin ich unter Leuten und habe eine Aufgabe“, sagt der gelernte Lackierer. Wenn es geschneit hat, steht er sogar um 5 Uhr auf, um schon eine Stunde später den Schnee von Wegen rund um die Kirche in Gesundbrunnen zu befreien. Und auch jetzt will er schnell wieder an die Arbeit. Ein paar Pflanztöpfe müssen noch nach oben geholt werden.

MGH-Chefin Jutta Burkhardt schaut ihm hinterher. Seit Mai 2016 leitet sie das Haus. Die 58-Jährige kennt das Leben. Aufgewachsen in Kromlau hat sie in der DDR Landwirtschaft mit der Spezialisierung auf Tierproduktion studiert. Den Lehrjahren folgte die Arbeit in der LPG in Neschwitz und nach der Wende eine Umschulung zur Steuerfachgehilfin. 15 Jahre hat sie als Buchhalterin in einem Landwirtschaftsbetrieb in Ottendorf-Okrilla gearbeitet und nebenbei ihre Ausbildung zur Gemeindepädagogin absolviert.

Jetzt ist sie ein Mitglied der Gesundbrunnen-Familie, vielleicht ein bisschen die Mutter, die die Fäden für alle Projekte zusammenhält. Denn das MGH bietet mehr als Mittagstisch. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es dreimal in der Woche einen offenen Treff – zum Ausspannen, Hausaufgabenmachen und für ein offenes Ohr bei Problemen. Mittwochs wird zusammen gefrühstückt, die „Strickliesel“ kommen einmal pro Woche zum Handarbeiten. Der Keramikkurs macht aufgrund der Nachfrage donnerstags eine Doppelschicht. In einer Fahrradwerkstatt können die Drahtesel auf Vordermann gebracht werden. Sechs ehrenamtliche Alltagsbegleiter kümmern sich um einsame Menschen. „Für diese Tätigkeit suchen wir auch noch Engagierte. Der Bedarf wird immer größer“, sagt Burkhardt.

Spielecafé sehr beliebt

Gut angenommen wird auch das Spielecafé mittwochs. Dann spielen Schüler der Förderschule G mit den Senioren Rommé oder Mensch-ärgere-Dich-nicht. Die Organisation liegt in den Händen von Gisela Müller wie auch die Planung des Lesecafés, der Seniorenausfahrten und des monatlichen Besuchs im Museum. „Da haben wir häufig so viele Interessenten“, sagt die Bautzenerin. Ihr Mann ist übrigens der Fahrer bei den Angeboten für unterwegs. Auch bei den Ferienspielen in der ersten Winterferienwoche wird Jutta Burkhardt seine Unterstützung bekommen.

Die MGH-Leiterin hat auch schnell gegessen. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir wieder eine Mutter-Kind-Gruppe aufbauen“, sagt sie. Das Gartenprojekt mit den Flüchtlingen und Gesundbrunnlern soll in diesem Jahr in eine neue Runde gehen. Längst sei das Haus nicht mehr nur ein Treffpunkt für Menschen aus dem Neubaugebiet. „Wir fragen nicht, woher jemand kommt. Wer da ist, ist da“, beschreibt Jutta Burkhardt die Philosophie der Gesundbrunnen-Familie. Ihr zehnjähriges Jubiläum wird im Sommer gefeiert. Die vielen ehrenamtlichen Helfer sind dann natürlich alle wieder mit von der Partie.