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Allein unter Männern

Maria Mönch bewertet Schäden an Unfallautos. In Dresden bislang eine Domäne des starken Geschlechts.

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© Christian Juppe

Von Nora Domschke

Das lockige, blonde Haar ist zum wilden Pferdeschwanz gebunden. Neben der jungen Frau steht ein schwarzer Koffer, in dem sich eine Kamera, ein Gliedermessstab, ein paar Stückchen Kreide befinden. Es sind die Arbeitsmittel, die Maria Mönch benötigt, wenn sie sich ein Unfallauto anschaut. Die 27-jährige Dresdnerin berechnet anhand des Baujahrs, des aktuellen Wertes und der demolierten Teile des Autos, wie hoch der finanzielle Schaden ist. Darüber muss sie ein Gutachten erstellen.

Beauftragt wird ihr Chef Gunter Hauke von Autobesitzern, Werkstätten und Rechtsanwälten, aber auch von Versicherungen. Der Kfz-Meister betreibt seit 1994 ein Gutachterbüro, zog 2002 mit seiner Niederlassung an die Dohnaer Straße. 2014 kam ein Prüfzentrum in der Niedersedlitzer Straße dazu. Auf Maria Mönch ist der 57-Jährige besonders stolz – die junge Frau holte Hauke vor einem Jahr bewusst in sein Unternehmen. Dabei kennt er die Vorurteile in seiner Branche, in der es tatsächlich nur wenige Frauen gibt. Gemeinsam mit Maria Mönch will Gunter Hauke eine Lanze brechen für den Job in der Männerdomäne. „In den Werkstätten arbeiten heute einige Frauen als Kfz-Mechatronikerinnen“, sagt Maria Mönch. Sie selbst hat 2010 diese Ausbildung abgeschlossen. Doch geschraubt hat sie nicht etwa nur an Pkw – Maria Mönch mag es gern etwas größer, reparierte damals vor allem Nutzfahrzeugtechnik, also Busse und Lkw.

Seit ihrer Jugend hegt sie die Leidenschaft für Motoren und Karosserien. „Ich bin in der Nähe von Döbeln aufgewachsen – da gehörte ein Moped einfach dazu, um beweglich zu sein“, erinnert sich die junge Frau. Und auch daran, dass sie ihre Zweiräder schon immer selbst repariert hat. Mit 18 Jahren kaufte sich Maria Mönch ihr erstes eigenes Auto – und ist ihm bis heute treu geblieben. Was an dem BMW, Baujahr 1999, kaputt geht, nimmt sie selbst in die Hand. „Das ist schon praktisch“, sagt die Auto-Expertin schmunzelnd. Mit hohen Werkstattrechnungen muss sie sich jedenfalls nicht rumschlagen.

Maria Mönch kennt aber auch die Schattenseiten der Autobranche; der Weg ist für Frauen nicht immer leicht. Nach der Lehre und einem Jahr Arbeit als Schrauberin machte sie ihr Fachabitur, begann 2012 das Diplomstudium für Fahrzeugtechnik, auch hier wieder in der Fachrichtung Nutzfahrzeuge. Weil Gunter Hauke 2016 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft gezielt nach Absolventinnen suchte, bewarb sie sich bei ihm. „Ich merkte gleich, dass sie eine starke Persönlichkeit ist, die sich gegen die Männer durchsetzen kann“, sagt Hauke. Ihr dickes Fell half bei den ersten Terminen durchaus: „Am Anfang schauten die Männer in den Werkstätten oft verdutzt, als ich mich als Gutachterin vorstellte“, sagt sie. Und das nicht grundlos – Frauen gibt es in diesem Job nur wenige. „Das liegt vor allem daran, dass sich Frauen nur selten für das Studium entscheiden.“ Sie war eine von fünf unter insgesamt 150 Studenten – wohlgemerkt im ersten Semester. Den Abschluss als Diplom-Ingenieurin für Fahrzeugtechnik machten nur zwei Frauen, eine war Maria Mönch.

„Wer es überhaupt so weit schafft, wird oft von Automobilherstellern für die Entwicklung und Konstruktion abgeworben.“ Wie auch ihre Kommilitonin. „Da spielen durchaus auch finanzielle Aspekte eine Rolle, denn die Bezahlung in der Privatwirtschaft ist einfach besser.“ Maria Mönch schlug dennoch ihren eigenen Weg ein – und ist ihrem Traum schon ein ganzes Stückchen näher gekommen. Sie will sich nämlich noch weiter auf das Terrain der Männer vorwagen. Seit einem Jahr bereitet sich die Dresdnerin auf ihre Prüfung zur öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen vor. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich eine dreijährige Ausbildung. Wenn Maria Mönch in zwei Jahren die sehr anspruchsvolle Prüfung besteht, wird sie sich künftig mit der Rekonstruktion von Unfällen befassen.

Dabei geht es darum, zu klären, wie es zu dem Unfall kam – der wichtigste Punkt in einem Gerichtsprozess. In Dresden gibt es derzeit fünf, im Umland vier solcher Experten – alle sind Männer. Für Lars Fiehler von der Industrie- und Handelskammer Dresden liegt das an den Voraussetzungen – Ausbildung, Studium, mehrjährige praktische Erfahrung – und auch daran, dass diese Arbeit sehr techniklastig ist. „In diesem Bereich sind Frauen traditionell einfach unterrepräsentiert.“

Das will Gunter Hauke ändern. „Ich wünsche mir, dass mehr Frauen den Mut aufbringen, sich für eine Ausbildung in unserer Branche zu entscheiden.“ Er kennt die Skepsis seiner Kollegen gegenüber der Damenwelt, vor allem in Bezug auf das Fachwissen. „Maria Mönch zeigt, dass das keine Frage des Geschlechts ist.“ Eine Frauenquote würde seiner Branche durchaus guttun, meint er.