merken

Alleingänger oder Reformer?

Bundestrainer Henning Lambertz will die Schwimmer mit mehr Zentralisierung erfolgreicher machen. Das passt nicht jedem.

© dpa

Von Jörg Soldwisch

Vor knapp zehn Monaten gingen die deutschen Schwimmer in Rio baden. Nach dem erneuten Olympia-Debakel ohne Medaille war klar: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Bundestrainer Henning Lambertz handelte, machte ein neues Kraftkonzept verbindlich, schraubte die Normen deutlich nach oben, drückte seine Wunschtrainer an den Bundesstützpunkten durch. Und er drängt auf eine stärkere Zentralisierung.

Anzeige
Dresden empfängt Bad Tölz zum Showdown

Am kommenden DEL2-Punktspielwochenende sind die Dresdner Eislöwen doppelt gefragt.

Mit seinem umfangreichen Maßnahmen-Paket machte sich Lambertz erwartungsgemäß nicht nur Freunde. Zwei Wochen vor den deutschen Meisterschaften in Berlin, die zugleich die Qualifikation für die WM in Budapest sind, kritisiert ihn Frank Embacher scharf. „Wer nicht bei seinem System mitmacht, hat keine Chance bei ihm. Da kann ich verstehen, wenn Betroffene von Nötigung sprechen“, erklärte der langjährige Erfolgstrainer von Ex-Weltmeister Paul Biedermann.

Zuletzt sorgte der Fall Vanessa Grimberg für Aufsehen. Die WM-Halbfinalistin weigert sich, wie von Lambertz gewünscht von Stuttgart zum Bundesstützpunkt Heidelberg zu wechseln. Als Konsequenz verliert sie zum 1. Juli ihre Anstellung als Sportsoldatin bei der Bundeswehr. „99 Prozent der Schwimmer verdienen kein Geld. Wenn sie dann hören, dass sie aus ihrer Wohlfühlzone rausmüssen, dann ist das ein Schlag in die Magengrube. Das zeigt auch, wie weit weg die Leute von der Realität sind“, sagt Embacher. Er selbst befindet sich zurzeit im Rechtsstreit mit dem DSV, da sein Vertrag nicht verlängert worden war. Die Schwimmer am Stützpunkt in Halle/Saale betreut der 53-Jährige nur noch ehrenamtlich.

Lambertz wehrt sich gegen den Vorwurf der kompromisslosen Alleingänge. „Ich will niemandem etwas aufzwingen“, sagte er. „Ich verfolge konsequent den Weg des DSV. Ich werde dafür bezahlt, mir Gedanken zu machen und Ideen zu entwerfen, damit wir international nicht mehr so deutlich hinterherschwimmt.“

Dazu gehöre, aufstrebende C- und D-Kaderathleten über kurz oder lang an den Bundesstützpunkten zu versammeln. „Wollen sie ihr eigenes Ding machen“, sagte Lambertz, „muss und werde ich dies akzeptieren, allerdings erfahren sie vom DSV dann keine Unterstützung mehr.“ Top-Schwimmer wie Weltmeister Marco Koch (Darmstadt) sind von dieser Regelung ausgeschlossen. „Zurzeit gibt es kein transparentes Konzept, dafür viel Verwirrung, chaotische Zustände und auch demotivierte Athleten“, behauptet Embacher. Fakt ist: Die noch immer nicht gänzlich geklärte Stützpunktfrage sorgt für Unruhe im deutschen Schwimmsport. Doch das liegt eher an der schleppenden Strukturreform des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Bundesinnenministeriums.

Bei den vier bereits feststehenden Bundesstützpunkten in Essen, Hamburg, Berlin und Heidelberg hat Lambertz jetzt Cheftrainer installiert, „die meinen Ideen und Gedanken folgen und die vor allem die Richtlinienkompetenz des DSV zu hundert Prozent anerkennen“. Dieser Schritt ist sicher umstritten, offenbar war er aber auch nötig. Lambertz‘ Vorgänger Dirk Lange und Örjan Madsen hatten sich immer wieder beschwert, dass ihre Vorgaben von den Trainern an den Stützpunkten nicht umgesetzt wurden.

Dazu gehörte wohl auch Embacher, der Hinweise oft ignorierte. Für ihn ist deshalb kein Platz mehr. Lambertz habe „extra nur Leute um sich geschart, die ihm wohlgesonnen sind“, sagt Embacher. Jetzt müsse der Bundestrainer liefern: „Noch mal rausreden kann er sich nicht. Wenn auch Olympia 2020 schiefgeht, kann er sich nicht hinstellen und sagen, dass sein Konzept erst zu spät gegriffen hat.“ (sid, mit dpa)