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Alles bloß Essigbaumblüten

Die Angeklagten sollen Marihuana abgepackt haben. Alles nur ein Scherz, sagen sie. Das Gericht ist aber humorlos.

© Symbolfoto

Von Jürgen Müller

Meißen. Juristen gelten allgemein als humorlose Menschen. Wenn das so sein sollte, dann ist der Meißner Richter Andreas Poth eine Ausnahme von der Regel. Für seine Schlagfertigkeit und für seinen trockenen Humor ist er bekannt. Manchmal ist er allerdings sehr humorlos. Überhaupt keinen Spaß versteht er, wenn er veralbert werden soll.

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Veralbern wollten die drei angeklagten Männer aus Radeburg nach eigenen Worten einen Kumpel. Indem sie angeblich so taten, als würden sie Marihuana abpacken. Dabei filmten sie sich, wie sie 15 Päckchen zu je 100 Gramm mit angeblichem Rauschgift abpackten. Alles nur ein Spaß, sagen sie jetzt. In Wirklichkeit sei das kein Marihuana gewesen, sondern die Blüten eines Essigbaumes. Dass die Sache vor Gericht landet, ist einem Zufall zu verdanken. Die DVD mit dem Video fällt der Polizei Jahre später in die Hände. Da macht sie gerade eine Wohnungsdurchsuchung bei dem Bruder eines der Angeklagten, dem das Verbreiten von Kinderpornografie vorgeworfen wird. Und finden auch diese DVD. Die Polizisten finden gar nicht lustig, was da zu sehen ist. Die drei Männer werden wegen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln angeklagt. Auf der DVD sind auch Fotos mit abgepacktem Marihuana und Bilder mit jeder Menge Bargeld zu sehen. Das sei typisch für Drogendealer, dass sie solche Fotos machten, um vor ihren Kumpels zu protzen, sagt eine Polizistin, die seit Jahren mit dem Drogenmilieu beschäftigt ist. „So verhält sich niemand, der nur einen Spaß macht“, sagt sie.

Doch die drei Angeklagten, die alle schon mit Drogen erwischt wurden, wenn auch in geringer Menge, wimmeln ab. Alles nur ein Scherz. Damit es echt wirke, habe man die 1,5 Kilogramm roten Essigbaumblüten mit grüner Farbe angesprüht und zusätzlich noch mit einem Aromaspray behandelt, sagen sie. Die Tütchen mit den falschen Drogen habe man zum Radeburger Faschingsumzug ebenfalls „aus Spaß“ verteilen wollen. Gemacht haben sie das dann allerdings doch nicht. Man habe lediglich den Fasching vorbereitet. Im Juli.

Auf dem Video ist auch ein Satz zu hören, dass sie jetzt aufhören müssten mit dem Verpacken, weil einer der Männer schon „rote Fusseln“ an den Händen habe. Für die Verteidiger ist das ein klares Indiz, dass es sich um Essigbaumblüten und nicht um Marihuana gehandelt habe. Denn das ist grün. Alle drei Verteidiger fordern deswegen auch Freispruch, eine sogar Entschädigung für die Wohnungsdurchsuchung. Ein Anwalt sieht sich beim Plädoyer des Staatsanwaltes, der für alle drei Angeklagten kurze Haftstrafen auf Bewährung forderte, an eine Büttenrede beim Karneval erinnert. Es gäbe nicht ansatzweise Hinweise darauf, dass ihre Mandanten mit Drogen gehandelt hätten. Das Gericht sieht das ganz anders. Die Sache mit den roten Fusseln sei tatsächlich nicht aufzuklären, sagt der Richter. Doch Entlastendes sieht er darin nicht, im Gegenteil. Wenn die Blüten mit grüner Farbe besprüht worden seien, müssten die Hände grün und nicht rot sein.

Aus dem „Spaß“ wird Ernst. Völlig humorlos verurteilt das Schöffengericht einen Angeklagten wegen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln zu einer Haftstrafe von sechs Monaten und zwei Wochen auf Bewährung. Seine Kumpel bekommen wegen Beihilfe Geldstrafen von 900 beziehungsweise 2 850 Euro. Weil die Tat schon mehr als fünf Jahre zurückliegt, geht das Gericht von einem „minderschweren Fall“ aus, was zu deutlich geringeren Strafen führt.

Für die Angeklagten ist der „Spaß“ noch nicht zu Ende. Sie wollen in Berufung gehen.