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Alles fürs Band

Mit Bändern verbindet das Röder- und Pulsnitztal eine über 300-jährige Tradition. Ein einzigartiges Museum in Großröhrsdorf pflegt sie.

© Matthias Schumann

Von Reiner Hanke

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Großröhrsdorf. Post fürs Technische Museum der Bandweberei in Großröhrsdorf. Ein Päckchen. Bernd Hartmann, der Vorsitzende des Museumsvereins, dreht es in der Hand und lächelt geheimnisvoll. Ein leises metallisches Klappern ist zu hören. Es hat etwas mit einem ganz bestimmten Datum zu tun, dem Museumsgeburtstag 1998. Ein Jahr zuvor gründete sich der Museumsverein. Der steckt jetzt mitten in den Jubiläums-Vorbereitungen für Ende Mai. Bis dahin muss auch noch ein neues Exponat flott gemacht werden. Die Maschine steht derzeit noch in der Werkstatt hinter dem Ausstellungssaal im Erdgeschoss. Rost hatte der Mechanik stark zugesetzt. „Funktionstüchtig, geputzt und geschmiert ist sie schon“, sagt der Vereinschef. Es ist eine Maschine zum Wirken von Borten. Aber das Wichtigste fehlt noch, um sie vor Publikum anwerfen zu können: Die Nadeln. Die sind in dem Päckchen.

1998 eröffnete das Museum in dem früheren Großröhrsdorfer Webereigebäude.
1998 eröffnete das Museum in dem früheren Großröhrsdorfer Webereigebäude. © Matthias Schumann
Der älteste Webstuhl in der Ausstellung von 1680.
Der älteste Webstuhl in der Ausstellung von 1680. © Reiner Hanke

Am 28. Mai vor 20 Jahren wurde das Technische Museum im Erdgeschoss der Kulturfabrik eröffnet. Zum Jubiläum wollen die Vereinsmitglieder die Museumsgeschichte Revue passieren lassen. Die beginnt ja eigentlich schon viel eher, in den 1970er- und 1980er-Jahren. Zur 300-Jahr-Feier der Bandindustrie in Großröhrsdorf beschlossen spätere Vereinsmitglieder zu sammeln und Maschinen einzulagern, meist in den Fabriken vor Ort. 1990 mit der politischen Wende und dem Niedergang der Industrie war dann Gefahr im Verzug. Das DDR-Kombinat Bandtex wurde abgewickelt, Fabriken geschlossen, verkauft, an frühere Eigentümer rückübertragen oder abgerissen: „Wir mussten die Sammlung zusammenhalten.“ Und im späteren Museum zusammenführen. Wertvolle Exponate der Industriegeschichte wären sonst schlimmstenfalls auf den Müll geflogen. Kurz nach dem Umbruch 1989 keine leichte Aufgabe. „Die Bandweberei ist tot, wozu ein Museum?“, sagte wohl ein Nachwendepolitiker aus dem Westen. Solche Ignoranz war für die Museumsfreunde eher ein Schub, die Geschichte der Bandindustrie zu bewahren. Und im Übrigen ist sie auch nicht tot. Wenngleich die Zahl der Unternehmen in Großröhrsdorf von 28 in der Blütezeit auf eine Handvoll zusammen geschmolzen ist. Aber die Bandindustrie lebt noch. „1993 hatten wir dann die Aussicht auf die Räume in der heutigen Kulturfabrik“, erinnert sich Bernd Hartmann. Für den Verein ein Glücksfall, dass die Stadt das Gebäude übernehmen konnte. Denn als ehemalige Weberei bringt es alle Voraussetzungen mit, um tonnenschwere Technik problemlos aufzunehmen und der Geschichte der Bandweberei eine standesgemäße Heimat zu geben. Bis September 1994 wurde in dem Industriebau auf der Schulstraße sogar noch produziert: Gummibänder für Hosenträger zum Beispiel. Bernd Hartmann muss es wissen, denn er war selbst als Textilingenieur hier der Produktionsleiter. Es sei wie fast überall gewesen: Die Technik modern, aber die Gebäude zu DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben. In dessen Sanierung steckte die Stadt viel Geld, unter anderem fürs Museum.

Bernd Hartmann: „Wir haben die Stadt damals mit unserem Konzept fürs Museum überzeugt.“ Dafür stehen inzwischen sogar zwei Etagen zur Verfügung. Auf denen zeigt das Museum eine lückenlose Entwicklung der Bandweberei-Technik im Röder- und Pulsnitztal – beginnend mit dem ersten Webstuhl. Den brachte 1680 der Radeberger George Hans nach Großröhrsdorf und ließ sich hier nieder. Ein seltenes Stück aus Baumstämmen grob zusammengezimmert. Allein 16 Webmaschinen und Zubehör von der Dampfmaschine bis zur Haspel und einem Kalander zum Glätten der Bänder. Alle Maschinen wurden zerlegt und wieder aufgebaut. Von allen ist die Herkunft bekannt: Etliche kommen aus den Großröhrsdorfer Fabriken. Aber es sind auch Scheunenfunde dabei. Wie der Webstuhl eines Heimarbeiters aus Gickelsberg.

„Wir könnten noch mehr ausstellen, aber der Platz ist fast erschöpft.“ Neue Technik gibt es dennoch. Drei Leihgaben ergänzen die Schau zur Geschichte der Weberei Großmann im Sonderausstellungsraum. Dazu gehören eine Strickmaschine und jene Wirkmaschine aus der Werkstatt. Die Werksgeschichte wird anhand beeindruckender Fotos mit teilweise morbidem Charme dargestellt. Die entstanden nach der Schließung und zeigen den Niedergang der Substanz. Vereinsmitglied Bernd Franke zieht sie derzeit auf die Tafeln. Sie gewähren einen Blick in verlassene Hallen, auf einen Stapel Suppenschüsseln der Arbeiter und die Ölkanne neben dem Kaffeetopf. So als würde jeden Moment der Besitzer frischen Kaffee nachfüllen.

Natürlich sollen auch die drei neuen Schaustücke fürs Publikum rattern. Wie es sich für ein Erlebnismuseum gehört. Denn es ist der Ehrgeiz der Vereinsmitglieder, alle Maschinen funktionstüchtig herzurichten. Damit die Besucher erfahren können, wie ein Heimweber im 19. Jahrhundert arbeitete oder wie sich Bänder in einem Websaal zu DDR-Zeiten aus der Maschine schlängelten. Wochenlanges tüfteln, sägen, schrauben, feilen, putzen sind da keine Seltenheit, bis die Maschinchen surren. Und auch das ist noch nicht alles. Der Verein sei ständig dabei, die Schau zu verbessern. So sind die technischen Raffinessen oft tief im Inneren der Maschinen versteckt. Die bauen Vereinsmitglieder nach und machen die ausgeklügelte Mechanik sichtbar. Die wird auch zum Jubiläum wieder für manchen Aha-Effekt sorgen. Mit Sicherheit auch, wenn sich feine Borten aus der reparierten Wirkmaschine schlängeln.

Am 27. Mai, um 10 Uhr werden die Sonderausstellungen zum Jubiläum des Museums eröffnet.