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Bloß kein Rock’n’Rollmops

Udo Lindenberg hat viel vor: Er geht im Sommer wieder auf Tour, er will ins All fliegen, Bundespräsident werden und vor allem die Welt retten. Ein Interview.

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Udo Lindenberg würde als Bundespräsidenten weiter im Hamburger Hotel „Atlantic“ residieren und wäre auf diesem Posten „ein Geschenk für das deutsche Volk“.
Udo Lindenberg würde als Bundespräsidenten weiter im Hamburger Hotel „Atlantic“ residieren und wäre auf diesem Posten „ein Geschenk für das deutsche Volk“. © dpa

Stolze 72 Jahre hat Udo Lindenberg jetzt auf dem Buckel, doch gewinnt man den Eindruck, dass er mit dem Alter nur noch umtriebiger wird. Vor wenigen Monaten erst ist die lesenswerte Biografie „Udo“ erschienen, momentan laufen die Dreharbeiten zum Kinofilm „Lindenberg! Mach dein Ding!“, der sich der Geschichte des jungen Trommlers aus dem westfälischen Gronau auf dem Weg zum Star widmet. Im kommenden Sommer wird der Musiker wieder ausgedehnt auf Tournee gehen. Zuletzt brachte er mit „MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“ ein neues Album heraus. Zu den Duettgästen zählen unter anderem Maria Furtwängler, Jan Delay, Marteria und Alice Cooper. Wir trafen Udo Lindenberg, der während des Gesprächs immer wieder an einem Stäbchen zieht, das dann vorne rot aufleuchtet.

Herr Lindenberg, sind Sie etwa auf E-Zigarre umgestiegen?

Ich rauche sowohl als auch. Nur nicht mehr 15 Zigarren am Tag. Mit der Stimme bin ich gerade sehr zufrieden, die ist schön rau, dank Whisky und Kuba-Zigarren, aber sie darf auch nicht zu rau sein. Deshalb muss ich genau dosieren.

Auch den Alkohol?

Gerade den Alkohol. Die Ballerei nach der Mengenlehre, die ist lange vorbei. Ich brauche nicht mehr viel. Mein Eierlikör ist voll ausreichend. Ansonsten bin ich naturstoned. High werde ich bei meinen Konzerten und den ganzen Abenteuern, die ich mit meiner Musik erleben darf. Das ist auch wie eine Droge. Eine bessere Droge. Und diesen Rausch auf der Bühne, den kann ich heute auch richtig genießen. Mit Alkohol in Mengen wirst du rund und langsam und haust dich nur noch in die Ecke. Ich wollte kein Rock ’n’ Rollmops werden und so enden wie Elvis in Las Vegas.

Sie wollen Ihren Job auch noch eine Weile machen, oder?

Ich habe den Leuten versprochen, dass ich noch 30 Jahre am Start bin.

Das sagen Sie seit Jahrzehnten.

Ja. Denn in 30 Jahren ist die Medizin so weit, auch mit Lebensverlängerungspille, dass man dann wieder 30 Jahre dranhängen und die 130 als neues Ziel ausrufen kann. Ich kann die Leute ja auch nicht hängen lassen, sie brauchen ihr Udopium und ihren neuen Stoff.

Kürzlich bekamen die Menschen eine neue Platte samt DVD. Ist das für Sie jedes Mal wieder ein neues Abenteuer, mit einem Projekt in See zu stechen?

Oh ja. Mit dem Dreimaster auf den Atlantik raus zu segeln, hier und da ein paar Freigeister aufzunehmen, das war herrlich. Ein paar Leute, die ich schon ein bisschen kannte, wie Gentleman oder Marteria, die kommen dann an Bord und tragen ihren Teil bei, rappen vielleicht eine Strophe, oder Maria Furtwängler, das war echt ein Abenteuer und ein schönes Ding. Erlebnisse wie dieses halten mich frisch.

Maria Furtwängler sagt, sie trägt Ihre Unterhosen. Ist das wahr?

Ja, die Größe passt. Sie trägt auf der Bühne meine Klamotten, die meine Sekretärin zu ihr nach München geschickt hat. Im Paket waren versehentlich auch ein paar Unterhosen, und sie sagt, die passen genau. Wir haben beide Größe 28. Und sie hat wohl in dem Paket so ein lustiges Ding mit Hirschgeweih erwischt. Maria und ich haben uns kennengelernt bei einem Kostümfest, da brauchte sie eine geile Klamotte, also habe ich ihr mit einer Original-Udo-Ausrüstung ausgeholfen. Nun singen wir im Partnerlook zusammen „Bist du vom KGB“. Maria und ich, das passt einfach. Sie singt mit mir überhaupt zum ersten Mal. Toll, dass sie sich das getraut hat.

Gucken Sie „Tatort“?

Ja, vor allem, wenn Maria kommt, als Frau Lindholm. Ich schaue das so gerne, dass ich mitspielen will. Das wird auch momentan überlegt. Ich habe sie entdeckt für den Gesang, und sie entdeckt mich möglicherweise für die Schauspielerei. Mit Maria, das ist ein facettenreiches Zusammenwirken. Ich gucke mir auch ihre Filme wie „Die Flucht“ gerne an. Ich bin echt ein Fan von ihr.

Jan Delay sagt über Sie, Sie seien der „Derbste“. Was meint er wohl?

Ich denke, er meint der Krasseste und der Mutigste. Ich habe keine Angst, bin immer am Vorpreschen mit meinen Shows, auch mit den kulturhistorischen Auftritten wie damals zu DDR-Zeiten 1983 im „Palast der Republik“. Und es sich Anfang der Siebziger zu trauen, deutsche Texte zu singen, wo alle anderen englisch sangen und Deutsch nur die Sprache der Schlagersänger und Liedermacher war, das war auch gewagt. Aber ich wusste, das muss gehen. Okay, mit 15 Doppelkorn im Kopf, da kamen die deutschen Texte irgendwie angeflogen. Und heute dieses Stadionshows, dieses Durchfliegen durchs Stadion, das traut sich auch nicht jeder. Ich habe das einfach gemacht, wusste vorher nicht, ob ich schwindelfrei bin oder nicht.

Udo Lindenberg zu sein ist nichts für Feiglinge, was?

Bestimmt nicht. Wenn du über das Brandenburger Tor fliegst, über die Köpfe von einer Million Leute hinweg, und oben merkst du, scheiße, der Anschnallgurt funktioniert nicht, da musst du dich schon was trauen und leicht verrückt sein. Dazu gehört auch ein gewisser Mut. Aber ich bin gerne verrückt. Einer muss das ja machen.

Sie wollen auch ins All, oder?

Ja, würde ich gerne. Mit dem Alexander Gerst, der wie ich Unicef unterstützt, habe ich neulich eine coole Korrespondenz gehabt. Er meinte „Komm‘ doch mal an Bord.“ Bei dem Schleudertest dürfte ich keine Schwierigkeiten haben, ich bin im Leben schon gut rumgeschleudert. Das könnte hinhauen. Wer weiß, vielleicht landet das junge Talent Udo auch mal im All.

Sind Sie ein Mittzwanziger im Körper eines 72-Jährigen?

Diese irdische Zeitzählung ist nichts für mich. Bei anderen Leuten in meinem Alter denke ich immer: Das ist eine ganz andere Generation. Ich bin zeitlos. Man nennt mich auch den Elasto-Man, ich bin grazil wie eine Gazelle. Die Kondition ist exzellent. Ich mache viel Sport, nachts jogge ich um die Alster oder in Berlin im Tiergarten, immer so sieben Kilometer.

Alkohol ist auch ein Konservierungsmittel. Hat Sie möglicherweise auch die jahrzehntelange Sauferei auf eine Art jung gehalten?

Das wird so sein. Trotzdem werde ich nicht wieder damit anfangen. Ich habe vor über zehn Jahren den Deal gemacht, das Saufen einzutauschen gegen alles andere, was geil ist, vor allem die Bühne. Ich habe den Alkohol verloren, aber ich habe mich, in echt, gewonnen. Das war es absolut wert.

Ihr ganzes Leben, Ihre Karriere ist ein einziges Fest. Aber gerade seit dem Comeback-Album „Stark wie zwei“ 2008 und der ersten „MTV Unplugged“-Platte drei Jahre später sind Sie permanent obenauf. Erleben Sie das auch so?

Ja, das sind jetzt echte Wunderjahre. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es noch mal so abgeht. Aber es ist wirklich so: Alles, was ich mache, geht seit zehn Jahren megamäßig ab.

Haben Sie alle Ziele erreicht? Also: Sind Sie du wunschlos glücklich?

Politisch möchte ich noch mehr bewirken. Ich wünsche mir ein großes, vereintes Europa, zwischen den Großmächten moderierend und mahnend zur Abrüstung. Das kann so nicht weitergehen, wie sich die hirnamputierten Schwachmaten Trump und Putin mit ihrer Aufrüstung brüsten. Und ihre widerlichen Waffenlieferungen an die Saudis, damit die im Jemen noch besser morden können. Gerade Deutschland, als Verlierer von zwei Weltkriegen, muss als Vermittler einen Schritt nach vorne machen und sagen: Ihr müsst miteinander reden, reden, reden. Aufrüstung ist ein tägliches Verbrechen, während in vielen Teilen der Welt die Frauen, die Kinder, die Menschen sterben. Das ist pervers und kriminell. Jeder, der nichts dagegen tut, ist Teil dieser stummen Armee, die solche Zustände durch Passivität mitträgt. Und deswegen auch „Wir ziehen in den Frieden“.

Sie sprechen in diesem Lied die Hippies an, die alten Tugenden von Love & Peace. Glauben Sie noch an diese Utopien der Sechzigerjahre?

Ja! Ich bin überzeugt, dass wir solche Visionen brauchen. Keine Grenzen, keine Mauern, sondern Menschenketten, das ist mein Traum. Wir müssen so viel machen, wir müssen die Ozeane retten, wir müssen den Klimawandel hinbekommen, wir brauchen Geld für unsere Sozialsysteme – das sind Visionen, klar. Ich weiß aber auch, dass viel gelingen kann. Woodstock hat mit dazu beigetragen, dass der Vietnamkrieg endete, die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, in Deutschland die Bewegungen für mehr Umweltschutz, zuletzt die Aktivisten im Hambacher Forst, es ist geil, wenn Leute losziehen und für etwas eintreten. Neulich waren 300 000 Menschen in Berlin auf der Straße und haben für kulturelle Vielfalt und Weltoffenheit und gegen Abschottung demonstriert.

Das sind ja genau Ihre Werte. Wie geht man mit Nationalisten wie denen von der AfD um? Gilt da auch „Keine Panik“, oder machen Ihnen die rechtsnationalen bis totalitären Mächte auf der ganzen Welt Sorgen?

Also, mit erklärten Nazis kann man nicht sprechen. Wer die Menschenwürde infrage stellt oder den Holocaust leugnet, dem kann keiner helfen. Aber es gibt viele, die sind von der Schwankstelle. Die haben keine genauen Informationen, auch weil kein Politiker denen Klartext erzählt hat. Wenn Behörden zu langsam sind, der Strafvollzug zu lasch, und dann keiner mit denen spricht, dann entsteht ein Vakuum. Und so breiten sich diese total stumpfen Ressentiments und der Ausländerhass aus, was sehr peinlich ist in einem Land mit dieser Geschichte. Ich glaube aber, das ist vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit, Uninformiertheit und dem Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden. Ich will eine Politik, die Klartext spricht. Macron zum Beispiel, der hat gerade direkt zu seinem Volk gesprochen. Merkel hat das ja nicht hingekriegt. Bei uns sind eher Künstler wie Campino oder Grönemeyer oder auch ich in dieser Rolle. Wir sind eine Art Gesinnungsfamilie, die zusammen einsteht für dieses freie, geile Land. Ich weiß, dass die allermeisten Menschen in Deutschland auf unserer Seite sind.

Die Deutschen würden Sie wahrscheinlich auch als Kanzler wählen.

Kann sein. Allerdings bin ich für den Job noch zu jung.

Wären Sie lieber Bundeskanzler oder Bundespräsident?

Lieber Präsident. Der Job ist recht easy. Kanzler ist zu hart, da muss man auch immer so früh aufstehen, das ist nicht so mein Ding. Ich wäre gern ein ausgeschlafener, tiefenentspannter Präsident. Aber ich muss erst noch ein bisschen reifen.

Sie haben ja noch Zeit …

Eben. Wenn es ein Volksbegehren gibt, dann mache ich das auch. Ich habe den großen Vorteil: Ich koste nichts. Ich wohne im „Atlantic“, einem Schloss. Ich habe eine Staatskarosse, einen Hybrid-Porsche, als Präsidentenauto, eine E-Karosse. Den Präsidentenhut habe ich auch schon auf. Ich brauche auch keine Gage. Es wäre für alle das Beste – als Präsident bin ich ein Geschenk für das deutsche Volk.

Können Sie als künftiger Präsident die Franzosen mit gelben Westen verstehen, die protestierend auf die Straße gehen? Und sollten die Deutschen auch stärker aufbegehren?

Ja, ich finde schon. Die Franzosen sind bei so was immer etwas schneller, vielleicht, weil sie mehr Wein trinken. Bier macht langsam und träge. Deswegen waren sie mit der Revolution auch früh dran. Aber klar, die hohen Steuern, die Mieten, das sind alles soziale Ungerechtigkeiten, da muss Macron drauf achten. Ansonsten finde ich seine Vision von einem vereinten Europa genau richtig. Uns Zwergenstaaten bleibt sonst nichts anderes übrig.

Können Sie sich selbst eigentlich einen Udo Lindenberg als Rentner vorstellen?

Nö, überhaupt nicht. Das ist eine ganz andere, mir fremde Welt. Richtige Rocker gehen nicht in Rente.

Was steht für die nächsten Jahre an?

Die Filmerei ist mein Ding, da passiert hoffentlich was. Dann: Planetenretten und gegen die ganzen Bekloppten vorgehen, da gibt es genug zu tun. Nächstes Jahr werde ich erst mal auf große Tournee gehen, da freue ich mich sehr drauf.

Das Interview führte Steffen Rüth.