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Als Asylbewerber auf dem Dorf

In dem kleinen Ort Streumen nahe Riesa lebt eine Gruppe iranischer Männer. Die SZ hat sie besucht.

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© Sebastian Schultz

Von Eric Weser

Wülknitz. Eine Straße, viele alte Höfe, Stallanlagen, Kirche und Kita. Das ist Streumen. Knapp 200 Seelen leben in dem kleinen Wülknitzer Ortsteil. Seit Jahresanfang gehört auch eine Gruppe Iraner dazu. Die Männer sind zwischen 22 und 45 Jahren alt und Asylbewerber. Die SZ hat sie zu Hause besucht.

Draußen blinken die roten Lichter der Windräder in den dunklen Abendhimmel, als es die Treppe hinauf in die hell erleuchtete Wohnung geht. Sechs freundliche Gesichter blicken den Gästen entgegen. Was gleich danach ins Auge fällt: die schwarz-weißen Plakate mit deutschen Grammatik-Regeln an der Wand im Flur. „Dativ, Akkusativ“, sagt der 37 Jahre alte Reza Aki und lacht. „Schwer.“

Einkaufen in Zeithain

Die ersten Brocken der Sprache hat Allmut Sandig den Iranern beigebracht. „Das war schon sehr schwer“, erinnert sich die ehrenamtliche Helferin. Eine gemeinsame Sprache gab es nicht, Englisch sprechen beide Seite kaum. Zwar hat eine Dolmetscherin geholfen, die Farsi spricht, die persische Sprache. Aber die Übersetzerin war nicht immer da. Deswegen behalf man sich mit Internet-Diensten, erzählt Marco Wermann.

Auch der angehende Tischlermeister aus Lichtensee engagiert sich für die Iraner. Mal mit dem Bau eines Garderobenbretts für die Wohnung, mal als Fußballkumpel. Oder auch mal als Reiseleiter beim gemeinsamen Ausflug in die Sächsische Schweiz. Seine Motivation? „Ich wollte wissen, was los ist und wer kommt.“ Statt sich auf andere zu verlassen, habe er selbst angepackt und die Fremden kennengelernt. Längst sind aus den Fremden Freunde geworden. Freunde, die auftischen: Jedem ihrer Gäste reichen die Männer einen Teller mit Keksen und schwarzem Tee, danach gibt es Obst. Einkaufen gehen sie in Zeithain, erzählen die Iraner. Mit dem Fahrrad. Das Rad war eine der ersten Spenden, die es gab.

Auch wenn es ein bisschen abgelegen ist: Sie fühlen sich wohl in Streumen, machen die Männer deutlich, die Leute seien freundlich. Beim Dorffest im August waren die Iraner mit dabei. Marco Wermann findet, die anfängliche Zurückhaltung vieler Streumener sei inzwischen weg. Man grüße sich inzwischen. Und auch die Nachbarskatze hat offenbar Zutrauen, sie hat gerade ihre Pfoten über die Schwelle gesetzt.

Taufe steht bevor

Ihre Freizeit verbringen die Asylbewerber aus Streumen unter anderem mit Sport: Schach ist angesagt, Tischtennis, aber auch Fußball. Auch der Kontakt zur Heimat wird gepflegt – wenn die Datenverbindung im ländlichen Raum es zulässt. Ansonsten gehört die Teilnahme am Integrationskurs für einige der Männer derzeit zum Alltag. Andere absolvieren Praktika. Morgens wird deshalb ausgeschwärmt – nach Gröditz, Riesa, Großenhain.

Gekannt haben sich die Landsleute vor ihrem Zusammentreffen hier nicht. So unterschiedlich wie ihre Berufe – Textilverkäufer, Friseur, Elektriker, Schweißer – sind auch die Regionen des Iran, aus denen sie stammen. Was sie eint, ist der Wille, nicht mehr unter dem repressiven Mullah-Regime im ihrer Heimat leben zu wollen.

Einen bewilligten Asylantrag hat bis jetzt aber nur einer der Männer. Für ihn suchen die Helfer gerade in der Region eine passende Wohnung. Wie viele aus der Gruppe will er in der Nähe leben. Wann die Behörden über die Asyl-Anträge entscheiden, ist noch unklar. Was dagegen feststeht, ist, dass sich mehrere der Männer demnächst taufen lassen wollen. Der Termin beim Streumener Pfarrer Heiner Sandig steht bereits fest.