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Als die Elbe austrocknete

© Sammlung H. Naumann

Nicht nur Hochwasser hielten Dresden in Atem. Es gab auch einige Dürren. Die vor 111 Jahren war besonders spektakulär.

Lars Kühl

Drei Männer sitzen in der Elbe und klopfen Karten. Nichts bringt sie aus der Ruhe, weder der Trubel um sie herum, der Fluss gleich gar nicht. Während heute trotz anhaltenden Niedrigwassers solch ein entspannter Zeitvertreib unterm Brückenboden undenkbar ist, wurde die Partie Skat vor 111 Jahren tatsächlich gespielt.

Das historische Niedrigwasser 1904

Im Sommer 1904 konnte man die Elbe zu Fuß durchqueren. Mehr dazu in diesem Artikel.
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Seit Ende Mai 1904 hatte es kaum noch geregnet. Der Elbpegel fiel ständig. Wegen anhaltender Hochdruckwetterlagen konnte keine feuchte Atlantikluft nach Sachsen gelangen. Die Sonne brannte erbarmungslos, viel länger als gewöhnlich. Die Temperaturen übertrafen das Jahresmittel deutlich. Im August wurde ein Wasserstand von noch „231 Zentimetern unter null“ gemessen. Das entspricht einem heutigen Pegelstand von 69 Zentimetern – genau der Wert, wie er an diesem Dienstag erreicht worden war. Vergleichbar ist die Situation dennoch nicht, denn die Elbe wurde inzwischen ausgebaggert und tiefer. Die Fließgeschwindigkeit ist deshalb heute viel höher als vor über 100 Jahren. Den Fluss trotz des vermeintlich niedrigen Standes jetzt zu durchqueren, ist lebensgefährlich. Doch 1904 war selbst das möglich.

Ab Juni fuhren die Elbdampfer nur noch eingeschränkt, im Juli wurde der Verkehr ganz eingestellt. Bis September mussten die damals schon beliebten Fahrten ausfallen. Natürlich waren auch Güterschiffe und die früher noch verbreitete Flößerei von der Dürre betroffen.

Im Juli war die Elbe so sehr ausgetrocknet, dass das Flussbett für die Dresdner zur echten Attraktion wurde. Das fehlende Wasser ermöglichte ungeahnte Freizeitbeschäftigungen. Ausgedehnte Spaziergänge waren plötzlich mitten zwischen beiden Uferseiten möglich. Brücken wurden de facto überflüssig. Die Elbe konnte an mehreren Stellen einfach durchwatet werden. Denn bis auf ein schmales Rinnsal floss überhaupt kein Wasser mehr. „Wie wäre es denn, wenn man an einigen leicht passierbaren Stellen der Elbe unter Aufsicht von Schiffern gegen Entgelt, vielleicht 50 Pfennig pro Person, Übergänge für das sportliebende Publikum schaffte und den Erlös den armen Schiffern zugutekommen ließ?“, fragte eine Dresdner Zeitung. Dazu kam es wohl nicht, aber endlich hatten auch die Nichtschwimmer, die es damals noch zahlreich gab, ihren Spaß im Fluss.

Der Dresdner Anzeiger erwähnt Fuhrleute, die ihre voll beladenen Wagen einfach durch die Elbe kutschierten, um abzukürzen. Schiffe wurden zur Belustigung vieler auf Räder gesetzt und von Pferdegespannen gezogen.

Viele Dresdner gingen im Hochsommer des Jahres noch einem anderen außergewöhnlichen Hobby nach: Sie suchten nach Schätzen, die sie im Kiesbett vermuteten. Nicht Elbflorenz war damals ein Name für die Stadt, sondern „Elb-Klondyke“. Wie im kanadischen Goldschürfer-Paradies durchsiebten die Bewohner den Flusskies. Es wurde sogar ein, sicher nicht ernst gemeintes Schild an der Augustusbrücke aufgestellt, auf dem zu lesen war: „Das Betreten sowie Räubern auf dem Goldfelde ist bei 1 000 Mark Strafe verboten.“ Doch davon ließen sich die Glücksritter natürlich nicht abhalten. Ihr Ertrag war allerdings ernüchternd. Denn nennenswerte Funde sind außer unechten Münzen und falschen Geldscheinen nicht überliefert. Diese Entdeckung untersuchte die Polizei allerdings später. Ein Fall bleibt aber ungelöst: „Das am 31. Mai 1845 von der Hochflut der Brücke entrissene, große vergoldete Kruzifix wird schon gar nicht gefunden“, schreibt Rudolf Förster in seinem Buch „Damals in Dresden. Porträt einer Stadt um 1900“.

Weitere Anziehungspunkte wurden Ende Juli die sogenannten Hungersteine in Cotta. Auf ihnen waren besonders schlimme Dürrejahre verewigt. Auf Höhe der Bahnstation lugten sie freigelegt aus dem Niedrigwasser. Neugierig kamen Tausende, um das besondere Schauspiel zu sehen, berichtet die Dresden-Chronik. Etwas flussaufwärts sorgte die Trockenheit dagegen für Ärger. In Cotta ließ die Stadt Fäkalien einleiten. Die bleiben aber in Höhe Stetzsch liegen. Die Anwohner waren sauer über die übelriechende Luftverpestung.

Für die Stadtverwaltung war die Dürre vor 111 Jahren auf eine Art sogar ein Glücksfall. Sie konnte das Flussbett ausbaggern und Brücken ausbessern. Als Ende August 1904 ein Dauerregen einsetzte, füllte sich die ausgetrocknete Elbe wieder.