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Als Karl-Eduard von Schnitzler der Ton abgedreht wurde

© dpa

Der „Schwarze Kanal“ ging vor 25 Jahren zum letzten Mal auf Sendung. Sein Moderator blieb ein trotziger kalter Krieger.

Von Esteban Engel

Berlin. Der Abschied fiel knapp aus, die Botschaft war deutlich: „Der Revanchismus bleibt uns erhalten, der Klassenkampf geht weiter.“ Als sich Karl-Eduard von Schnitzler am 30. Oktober 1989 mit seinem „Schwarzen Kanal“ im DDR-Fernsehen trotzig von den Zuschauern für immer verabschiedete, war der Kalte Krieg schon Geschichte. Der Mann mit dem schneidenden Tonfall und dem Kinnbart erschien bereits als Relikt einer fernen Ära.

Mehr als 1.500 Abende hatte sich der 1918 geborene Journalist im Fernsehen zu Wort gemeldet. Seit März 1960 gehörte „Der Schwarze Kanal“ zum Rüstzeug der DDR-Propaganda. Durch schwarze Kanäle führe Unrat und Abwasser, hatte er den Titel der Sendung erklärt. Im Vorspann landete ein Bundesadler auf einer TV-Antenne zum Klang des verfremdeten Deutschlandlieds. Mit Film-Schnipseln aus dem Westfernsehen spießte Schnitzler alles auf, was das Existenzrecht der DDR infrage stellte.

Mit dem „Schwarzen Kanal“ sollte ein Massenpublikum ideologisch aufgerüstet werden. Der Versuch klappte nicht ganz. Die meisten schalteten so schnell ab, dass der Moderator bei ihnen nur „Karl-Eduard von Schnitz“ hieß, wie ein damaliger Witz beschrieb. Und Wolf Biermann höhnte: „Hey, Schnitzler, du elender Sudel-Ede... Sogar, wenn du sagst, die Erde ist rund, dann weiß jedes Kind: Unsere Erde ist eckig.“

Und doch: Stoff für den Beweis, die DDR sei der bessere deutsche Staat, meinte Schnitzler immer wieder liefern zu können: Entlassungen, Streiks, Aufrüstung – Verfallssymptome des Westens, von denen der Arbeiter- und Bauernstaat verschont wurde. „Informationspolitik ist Klassenpolitik“, lautete sein Berufsverständnis. „Es war Kalter Krieg. Und auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“, schrieb er.

Der Berliner Bankierssohn haderte stets mit seiner Herkunft, sein Hass auf die bürgerliche Gesellschaft war wohl auch eine Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte. Sein Vater hatte dem Kaiser als Diplomat gedient, seine Vettern machten später gemeinsame Sache mit den Nazis. Als Kind saß Schnitzler auf dem Schoß Konrad Adenauers, wuchs im vornehmen Berlin-Dahlem auf, in Bad Godesberg besuchte er das Internat, später kam ein Medizinstudium dazu. 1938 schloss er sich der illegalen Kommunistischen Partei an.

Sein Versuch, sich mit einer Speditionsfirma eine Existenz aufzubauen, wurde vom Krieg durchkreuzt. Er wurde in eine Nachrichtenabteilung der Wehrmacht abkommandiert. Nach britischer Gefangenschaft kam er zur deutschen Redaktion der BBC in London. Nach seiner Rückkehr baute Schnitzler den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) mit auf, zuletzt als stellvertretender Intendant. Unter Berufung auf seine „sozialistische Überzeugung“ brach er 1947 mit dem Westen, siedelte nach Ost-Berlin über und trat der SED bei.

Der Neuankömmling, den die Aura eines „roten Adligen“ umgab, revanchierte sich im Berliner Rundfunk mit Lobeshymnen auf die Parteiführung. Mit seiner intellektuellen Ausstrahlung und seinem fundierten Wissen gelang ihm rasch der Durchbruch. Nur eben nicht beim Volke. Ende der 80er-Jahre ermittelte die Zuschauerforschung des DDR-Fernsehens eine Sehbeteiligung von rund 5 Prozent, am 1. Mai 1989 war der Tiefpunkt mit 0,5 Prozent erreicht. Mit der Wende verschwand Schnitzler vom Bildschirm und zog sich bis zu seinem Tod 2001 mit seiner vierten Ehefrau, der Sängerin und Redakteurin Marta Rafael, an den Rand Berlins zurück. (dpa)