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Als Kopieren zum guten Ton gehörte

Dresden öffnet das „Reich der Möglichkeiten“ mit italienischen Zeichnungen.

© SKD

Von Katja Solbrig

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Man muss sehr genau hinschauen, um sich dieses „Reich der Möglichkeiten“ zu erschließen: ein Flügel, mit einem Auge und Krallen versehen. Zu welchem Wesen er gehört, ist nicht erkennbar. Ganz klein und unscheinbar, verliert er sich beinahe im großen Passepartout. Weder ist sich die Wissenschaft sicher, ob wirklich Giulio Romano diesen „Fantastischen Flügel mit Krallen und Auge“ gezeichnet hat, noch weiß sie ganz genau, wie er zu deuten ist. Natürlich gibt es Thesen und Interpretationsansätze, aber sicher ist man sich nicht.

Dieses Bild ist typisch für die aktuelle Ausstellung im Dresdner Kupferstich-Kabinett „Im Reich der Möglichkeiten“, die gut 100 italienische Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert versammelt. Skizzen sind dabei, oder Studien von Gesichtern, Händen, Körpern. Entwürfe, die dazu dienten, mit dem Auftraggeber das eigentliche Werk zu besprechen. Auch Porträts, Landschaften, Gebäudeansichten. Pausbäckige Kindergesichter, die später als Engel oder Putten verwendet werden konnten. Zu jeder Zeichnung ließen sich Geschichten erzählen, für den Laien nicht so leicht erkennbar, für Forscher hochinteressant.

Die uneitlen Putten von Raffael

Entstanden sind diese Zeichnungen vor allem in Werkstätten. Zum einen dienten sie zu Übungszwecken. Zum anderen gehörte Kopieren damals zum guten Ton: Man schulte seine handwerklichen Fähigkeiten nach dem Vorbild des Meisters und erarbeitete sich so den Stil der Werkstatt. Man fertigte Kopien, die es ermöglichten, Kunstwerke kennenzulernen, die sonst nicht erlebbar gewesen wären. Heutzutage haben sie auch eine dokumentarische Funktion, denn häufig sind die Originale nicht mehr erhalten. Solche Kopien, in Prachtbänden zusammengefasst, bilden den Ursprung der Sammlungen des Kabinettes. Mehr als 1 000 Zeichnungen aus dem Italien des 16. Jahrhunderts befinden sich in seinem Bestand. Ein unglaublicher Schatz, der immer wieder neu gehoben werden muss, verschoben sich doch im Laufe der Jahrhunderte Bedeutungen und Interpretationen der Werke, verschwanden einige von ihnen geradezu durch falsche Zuordnungen. Die Ausstellung ist das schöne Nebenprodukt eines großen Katalogisierungsprojekts, das die Getty Foundation fördert. Die Stiftung unterstützt Museen, ihre Bestände und Archive zu katalogisieren und dabei wieder kennenzulernen.

Schön und zum irgendwie bescheidenen Erscheinen der ausgestellten Werke passend: Zeichnungen von so bedeutenden Künstlern wie Bronzino, Raffael, den Brüdern Zuccari oder Tintoretto drängen sich nicht eitel in den Vordergrund, sondern fügen sich in den Duktus der Ausstellung. Nicht die Namen der Künstler zählen, sondern das Suchen, Finden und Erfinden von Ausdrucksformen. So wirken zwei Putten Raffaels noch recht unsicher – im Fresko der römischen Villa Farnesina lässt Raffael sie schließlich geschickt und formvollendet die feiernden Götter beklauen. Auch Taddeo Zuccari nähert sich in seiner Zeichnung von der Allegorie des Schlafes, in der der Schlafgott Somnus von seinen vielgestaltigen Kindern, den Träumen, umgeben ist, vorsichtig den Raum erkundend seinem eigentlichen Kunstwerk an, einem bunten Deckenfresko. Die Vorzeichnung wird, wie viele andere Blätter der Ausstellung auch, zum ersten Mal publiziert und ausgestellt. Wahre Neuentdeckungen für die Besucher wie die Forschung.

Zu einigen Zeichnungen haben sich Notizen der Besitzer, aber auch der ursprünglichen Schöpfer gefunden, die einiges über den damaligen Produktionsprozess aussagen. So notierte sich Paolo Farinati auf seine Zeichnung: „Dann nicht vergessen, das Bein von Daphne nackt zu machen.“

Kuscheltiere empfohlen

Diese Geschichten, die im „Reich der Möglichkeiten“ versteckt sind, machen den Reiz der Schau aus, für die man ein gutes Auge und Freude am Detail mitbringen sollte. Wenn die Kuratorinnen Gudula Metze und Marion Heisterberg von den Zeichnungen erzählen, hauchen sie ihnen förmlich Leben ein. Ein Blick ins Begleitprogramm sei empfohlen. Bei einem Familiennachmittag können mitgebrachte Kuscheltiere Modell stehen – Zeichnungen, ein Reich voller Möglichkeiten!

„Im Reich der Möglichkeiten“ bis 20.1., Kupferstich-Kabinett, Residenzschloss, Mi bis Mo 10 bis 18 Uhr