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Als Winnetou nach Rathen kam

Vor 30 Jahren besuchte Pierre Brice die Felsenbühne – zu DDR-Zeiten eine Sensation.

© Steffi Wendt, Landesbühnen Sachsen

Von Daniel Förster

Kurort Rathen. Es war der Hit. Pierre Brice in der DDR – und ausgerechnet bei uns!“ Sandra Klinger erinnert sich noch genau an jenen Tag von 30 Jahren, den 21. Juli 1988. Sie war damals elf Jahre alt und spielte in einigen Szenen von „Winnetou I“ als Statistin auf der Felsenbühne Rathen mit. Dass der französische Schauspieler und Winnetou-Darsteller den Ort besuchen sollte, war eine Sensation. Das Mädchen hatte Glück. Durch einen Zufall kam sie tatsächlich an den Star heran. Er stand vor Aufführungsbeginn am alten Feuerwehrhaus. „Da bin ich einfach auf ihn zugegangen“, sagt die heute 41-Jährige. Sie hat ein Autogramm bekommen. Das hat sie heute noch.

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Pierre Brice am 21. Juli 1988 auf der Felsenbühne.
Pierre Brice am 21. Juli 1988 auf der Felsenbühne. © Landesbühnen Sachsen
Für Marion Hübner sind die Autogramme ein Schatz.
Für Marion Hübner sind die Autogramme ein Schatz. © Daniel Förster

Marion Hübner ergatterte damals sogar zwei Autogramme. Die hütet die 68-Jährige in ihrem Fotoalbum wie einen Schatz . „Sie sind mir heilig“, sagt die Rathenerin, die nach der Wende viele Jahre an der Theaterkasse der Felsenbühne arbeitete. Sie hatte damals über den Buschfunk von dem Besuch erfahren. In der Pause huschte sie flugs hinter die Kulissen. Brice wurde tüchtig abgeschirmt, aber irgendwie ist es ihr gelungen, erzählt die Seniorin. Sie wechselten ein paar Worte. „Es war faszinierend, vor so einer Persönlichkeit zu stehen. Er war einfach ein sympathischer Mensch.“

Der Höhepunkt von Pierre Brice Stippvisite auf der Felsenbühne folgte allerdings erst nach dem Schlussapplaus. Der Franzose erhob sich von seinem Zuschauersitz und stieg zum versammelten Ensemble auf die Bühne. Nach ein paar Sätzen überreichte er Hauptdarsteller Jürgen Haase eine Friedenspfeife. „Es waren Augenblicke, die ich nie vergessen werde“, sagt Haase. Der Schauspieler ist noch heute überwältigt, wenn er an diesen Sommernachmittag 1988 zurückdenkt. Aber nicht nur, weil ihm damals das Idol seiner eigenen Jugend anerkennend auf die Schulter klopfte. „Die Felsenbühne ist rappelvoll und Winnetou West schenkt Winnetou Ost eine Friedenspfeife. Das hatte schon eine tiefere Bedeutung, die sicher von nicht wenigen auch verstanden wurde“, sagt der heute 60-Jährige, der in diesem Jahr auf der Felsenbühne letztmalig Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand spielt.

Der Privatbesuch von Pierre Brice in der Sächsischen Schweiz ein Jahr vor der politischen Wende war ein Politikum. Eingeladen hatte ihn Herbert Graedtke, der „Winnetou I“ auf der Felsenbühne inszenierte.

Inoffizielle Einladung

Der heute 76-jährige Radebeuler hatte Verwandte in der Lüneburger Heide. Für den 50. Geburtstag seiner Zwillingscousins im Westen erhielt er von den staatlichen Stellen eine Ausreisegenehmigung. Viel wichtiger als der Familiengeburtstag war Graedtke aber damals ein Abstecher nach Bad Segeberg in Schleswig-Holstein, wo damals Pierre Brice Theater spielte.

Mit einem Video von „Winnetou I“ auf der Felsenbühne Rathen im Gepäck stellte er sich dort als Regisseur der Ost-Aufführung vor. Er traf Pierre Brice und lud ihn samt dem Bad-Segeberg-Chef Peter Hick – jetzt Intendant der Störtebeker-Festspiele auf Rügen – spontan nach Sachsen ein. „Hier hat das kaum jemand verstanden, aber was soll’s“, sagt Graedtke. „Ich hatte mich schuldig gemacht.“ Als gelernter DDR-Bürger hätte er eigentlich wissen müssen, dass er solch eine Einladung nicht ohne Wissen des Staates hätte aussprechen dürfen. Und natürlich schlugen die Wellen hoch. „Viele hatten Angst, dass Pierre Brice irgendwas sagt, was er nicht hätte sagen dürfen. Aber er hat seine Botschaft mit den Ideen, Gedanken und der Geschichte Karl Mays geschickt formuliert.

Herbert Graedtke und Jürgen Haase holten Pierre Brice, seine Frau Hella und den Bad-Segeberg-Chef in Berlin ab. Wie ein Lauffeuer war es rumgegangen, dass der berühmte Winnetou-Darsteller nach Sachsen kommt. Zunächst ging es ins Karl-May-Museum Radebeul. So viele Radio- und Fernsehstationen wie damals waren zuvor noch nie in Radebeul gewesen. Abends lief der Besuch sogar in der „Aktuellen Kamera“. Danach ging es auf Schleich- und Umwegen zur Felsenbühne Rathen, erinnert sich Graedtke. Dort herrschte ein riesiger Andrang. Die staatlichen Leiter der einzelnen Institutionen waren dann alle plötzlich nicht mehr da – weil sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Aus den oberen Rängen verfolgte die Stasi aufmerksam das Geschehen. Insgesamt ging die Sache aber glimpflich aus.

Aus der ersten Begegnung von Herbert Graedtke mit Pierre Brice ist eine Freundschaft entstanden. Auch Jahre später noch kam er nach Radebeul und übernahm die Schirmherrschaft zu den Karl- May-Festtagen. Für viele ist der vor drei Jahren im Alter von 86 Jahren verstorbene Pierre Brice bis heute der Winnetou schlechthin.