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Alte Bürgerrechtler und neue Mediengeneration im Protest geeint

Die Proteste gegen die Gesetzesänderungen der polnischen Regierung lassen nicht nach. Am Samstag gingen erneut Tausende auf die Straßen. Der Protest eint Generationen.

© dpa

Von Eva Krafczyk

Warschau. Traditionelle Werte wie Familie und Vaterland, das haben sich die regierenden polnischen Nationalkonservativen auf die weiß-roten Fahnen geschrieben. Und siehe da: Mit den umstrittenen Gesetzesreformen von Regierungschefin Beata Szydlo ist ein Dialog der Generationen in Gang gesetzt worden. Auf den Straßen von Warschau und Breslau (Wroclaw), Danzig (Gdansk) und Krakau, ja sogar in Szydlos schlesischem Heimatstädtchen Brzeszcze stehen Junge und Alte vereint, mit weiß-roten Fahnen Polens und der blauen Europafahne.

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Für viele der mittleren und älteren Generation sind die Demonstrationen bei eisigen Temperaturen ein Deja Vu. Sie haben sich in den 70-er und 80-er Jahren in der polnischen Bürgerrechtsbewegung eingesetzt, wie etwa Henryk Wujec, einer der Mitbegründer des „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter“ (KOR).

Nun appelliert er an die Demonstranten seiner Generation, aber auch an die Jugend, für die der damalige Freiheitskampf der Stoff aus dem Geschichtsbuch ist, nicht nachzulassen im Engagement für demokratische Werte. „Man muss hartnäckig sein und seinen Überzeugungen treu bleiben“, ruft er. „Als wir 1976 mit der Arbeit begannen, hätten wir nicht gedacht, dass es im Jahr 1980 zehn Millionen Solidarnosc-Mitglieder gibt.“

„Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in meinem Alter noch einmal der Regierung „Nein“ sagen muss“, sag eine andere Vertreterin der alten Bürgerrechtsbewegung, und viele in der Menge stimmen zu.

Mancher der in die Jahre gekommenen Demonstranten hat vielleicht schon ein neues Hüftgelenk oder braucht eine Lesebrille. Aber nun haben sie von ihren Kindern oder Enkeln den Umgang mit sozialen Medien gelernt und die Liebe zum Demo-Selfie entdeckt. Früher gab es „Bibula“, die Untergrundpresse, heute gibt es eben Twitter. Bei den alten Kampfliedern der polnischen Bürgerrechtsbewegung sind sie allemal noch textsicher.

Doch auch der Endzwanziger mit Hipster-Bart stimmt ein, als „Mury“ ertönt, das einst auf der Danziger Werft oder bei den Demonstrationen während des Kriegsrechts gesungen wurde: „Zerreiß die Fesseln, zerschlage den Knüppel! Und die Mauern stürzen, stürzen, stürzen und begraben die alte Welt“. „Ich habe den Text im Internet gefunden“, sagt er, während Tausende die zum V-Zeichen gespreizten Finger recken.

Eine Frau hält ein selbstgemaltes Plakat hoch, auf dem eine Krähe und eine Ente abgebildet sind. „Das hatten wir alles schon“, steht darunter. Viele in der Menge kennen die Symbolik: Als „kaczka“ (Ente) wird der nationalkonservative Parteichef Jaroslaw Kaczynski verspottet. Und die Krähe (wrona) stand einst für WRON, den Militärrat während des Kriegsrechts im kommunistischen Polen.

„Sie haben den Winter. Aber ich hoffe, wir werden das Frühjahr haben“, sagt eine ältere Frau, und auch das ist ein Slogan aus den Jahren des Kriegsrechts.

Aus Danzig meldet sich nach langem Schweigen Lech Walesa zu Wort und zeigt sich in einem Interview mit dem Nachrichtensender TVN24 als zorniger alter Mann. „Sie glauben, dass sie uns betrügen können, aber das klappt nicht“, schimpfte der Friedensnobelpreisträger über die Nationalkonservativen, die nach Reform des Verfassungsgerichts, nach Mediengesetz und neuem Polizeigesetz als nächsten den Justizminister auch zum Generalstaatsanwalt machen wollen. „Alle wissen, dass sie die Verfassung gebrochen haben.“

„Wir haben so hart gearbeitet, wir haben unsere Freiheit so schwer erkämpft, und nun verspielen wir sie“, klagte Walesa, der sich für ein Referendum über die Reformen der Warschauer Regierung aussprach. Noch will er abwarten. Aber einen letzten Kampf will der einstige Solidarnosc-Führer nicht ausschließen: „Wenn ein Walesa gebraucht wird, dann stehe ich auf der Kundgebung.“ (dpa)