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40.000 Zuschauer jubeln am Geisingberg

Im Landkreis existiert keine sprungfähige Schanze. Früher war das anders. Sächsische.de geht auf Spurensuche – in Altenberg.

Die Riesengrundschanze in Hirschsprung bezeichnet auch Wolfgang Strauß heute noch als Angstschanze.
Die Riesengrundschanze in Hirschsprung bezeichnet auch Wolfgang Strauß heute noch als Angstschanze. © privat

Rund acht Jahrzehnte lang gehörte das Skispringen in Altenberg zu den meistbetriebenen Sportarten. Erst die Ausrichtung auf Bob, Rodeln und Biathlon brachte Ende der achtziger Jahre das Aus für die Sprungschanzen in der Wintersportstadt.

Gleich an drei verschiedenen Orten existierten einst Schanzen. Die berühmteste war die Sachsenschanze am Geisingberg, die wohl kniffligste stand im Hirschsprunger Riesengrund. Hinzu kamen die Nachwuchsschanzen am Raupennest.

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1908 wurde die Sachsenschanze für die ersten Sachsenmeisterschaften erbaut. Zunächst als Naturschanze errichtet, erhielt die Anlage 1930 einen hölzernen Anlaufturm. 1937 wurden hier die Deutschen Meisterschaften ausgetragen, 1941 erzielte der später im Krieg gefallene Hans Marr aus Oberhof mit 72 Metern den weitesten Sprung. 1958 fanden vor über 40.000 Zuschauern die DDR-Meisterschaften am Geisingberg statt. Der Klingenthaler Harry Glaß siegte mit 65,5 und 69,5 Metern vor Helmut Recknagel und Werner Lesser. Die Altenberger Siegfried Püschel und Dietmar Klemm belegten die Plätze 18 und 25.

Vier Jahre später wurde die marode gewordene Schanze abgebaut. Noch verwendbare Holzteile wurden in den Riesengrund transportiert und diese Naturschanze bekam ein Anlaufgestell sowie einen Kampfrichterturm. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen die Bestweiten der beiden in ein und demselben Auslauf mündenden Schanzen bei 45 und 20 Metern. Durch den „Holzbock“ waren Sprünge über 60 Meter möglich. Ein Springer aus Tschechien soll einmal 62,5 Meter gestanden haben, der langjährige Altenberger Vereinsvorsitzende Reinhard Kaden landete bei 63 Metern. „Das war aber eine Herausforderung, da der Aufsprunghang für solche Weiten zu kurz war und man im Radius landete“, erklärt Rainer Bolz. Für viele Springer war es eine Art Angstschanze.

Bewusstlos nach schwerem Sturz

Der 68-Jährige kannte die Riesengrundschanze wie seine Westentasche. „Mit Trainer Hans Friebel war ich oft dort zum Training. Die Schanze war nicht einfach, aber ich war gern dort.“ Der in der Jugendzeit „Weitenjäger“ genannte Bolz stand schon im Vorschulalter auf den Brettern. „Ich war ein richtiger Sportnarr. Sobald Schnee lag, ging es auf die Ski und auf selbst gebaute Schanzen. Aber auch im Turnen oder der Athletik war ich gut.“

Ausgerechnet auf seiner Lieblingsschanze erlebte Bolz den schmerzhaftesten Moment seiner Laufbahn. „Ich stand auf dem Sprung nach Klingenthal, hatte die Ausbildung als Polizist fast in der Tasche. Kurz davor gab es ein Springen im Riesengrund. Ich fühlte mich topfit, hatte im Training starke Weiten erzielt. Es schneite heftig. Mein Trainer schickte mich hoch, um die Spur einzufahren. Eigentlich nie ein Problem für mich. Doch ich landete im tiefen Schnee, stürzte und verlor kurzzeitig das Bewusstsein. Als Herr Friebel meinen Sprunganzug aufmachte, sahen wir, dass meine Hand rechtwinklig zum Arm abstand. Ich wurde wieder bewusstlos.“

Wolfgang Strauß gehörte zu den besten Springern aus Altenberg.
Wolfgang Strauß gehörte zu den besten Springern aus Altenberg. © privat

Mehrere Operationen musste der junge Mann über sich ergehen lassen, doch er kehrte auf die Sprungschanzen zurück, wenn auch ohne jegliche staatliche Förderung, da er keinen Kaderstatus hatte. Mehrfach gewann der Altenberger bei DDR-Bestenermittlungen im Springen und in der Nordischen Kombination. Seinen weitesten Sprung stand Bolz in Pappenheim in Thüringen mit 82 Metern. Nach der Wendezeit lief er zweimal den Wasalauf in Schweden, belegte unter Tausenden Athleten einen hervorragenden 201. Platz.

„Ja, die Riesengrundschanze war eine Angstschanze“, muss auch Wolfgang Strauß zugeben. Der einstige Nordisch Kombinierte und spätere Präsident des Sächsischen Rodelverbandes, kennt die Tücken dieser Anlage: „Als der Holzbock draufgesetzt wurde, war die Geschwindigkeit gering. Man musste die Spur vereisen. Es gab auch schwere Stürze.“ 1980 wurde das Gestell abgebaut und es ging nur noch auf Weiten um 45 Meter. 1988 fanden die letzten Springen im Riesengrund statt.

Schanzen werden 1985 abgebaut

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Mit Altenbergern wie Rainer Frenzel oder Frieder Kaden war Strauß auf den Schanzen im Osterzgebirge aktiv, sammelte seine Meriten bei DDR-Nachwuchsmeisterschaften und Spartakiaden. Er ging nach Klingenthal, siegte 1974 beim Pokal der sozialistischen Länder in Harrachov, musste aber nach Fußverletzungen 1976 seine Laufbahn beenden. Bereits als Kind hatte Strauß auf der großen Raupennestschanze mit 29,5 Metern einen Schanzenrekord erzielt. Die Schanze wurde später etwas umgebaut, doch 1985 wurden beide Wettkampfstätten – es existierte noch eine K 12-Schanze – abgebaut. Pläne, eine neue Schanze mit verstellbarem Anlaufturm, ähnlich der Johanngeorgenstädter Erzgebirgsschanze, hinzusetzen, scheiterten.

Strauß war bis 1984 Trainer bei Dynamo Zinnwald-Ost, brachte etwa Ralf Adloff, Olaf Walther, Matthias Beck und Frank Jurisch auf die Sportschule nach Klingenthal. Nach dem Ende des Skispringens in Altenberg wechselte er zum Rodeln.

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