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Altenberg: Bundespolizei macht das Licht aus

Die Beamten sind nach Dippoldiswalde umgezogen. Damit liegt ein riesiges Areal an der Grenze brach. Ideen gibt es dafür, nur keine Aufbruchstimmung.

Von Egbert Kamprath
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Das Areal des früheren Zollamtes Altenberg, rechts Einreise, links Ausreise. Zu den Ideen für die Zukunft gehört eine Kindertageseinrichtung.
Das Areal des früheren Zollamtes Altenberg, rechts Einreise, links Ausreise. Zu den Ideen für die Zukunft gehört eine Kindertageseinrichtung. © Egbert Kamprath

Gras wächst zwischen den Pflastersteinen. An der Stelle, an der vor Kurzem noch das Schild der Bundespolizei hing, ist nur noch ein dunkler Fleck an der Fassade zu sehen. In den bisherigen Dienstgebäuden am früheren Grenzübergang Altenberg leuchtet nachts kein Licht mehr in den Fenstern. Das Areal ist verlassen und erinnert im Zinnwalder Nebel an eine aufgegebene Goldgräbersiedlung in Alaska.

Ohne Stopp huscht hin und wieder ein Auto auf der Fahrt von oder nach Tschechien vorbei. Die 20 bisher hier tätigen Beamten sind ins Dippoldiswalder Polizeirevier gezogen und starten von dort aus mit Kollegen von anderen Dienststellen ihre Kontrollstreifen im Hinterland. Koordiniert werden die Einsätze von der Bundespolizeiinspektion Berggießhübel.

Es ist ruhig geworden am ehemaligen Grenzübergang Altenberg, die Bundespolizei hat das Dienstgebäude verlassen und steht nur noch sporadisch bei Kontrollen hier.
Es ist ruhig geworden am ehemaligen Grenzübergang Altenberg, die Bundespolizei hat das Dienstgebäude verlassen und steht nur noch sporadisch bei Kontrollen hier. © Egbert Kamprath

Die Zinnwalder atmeten erleichtert auf, als in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 2000 das neue Zollamt Altenberg eröffnet wurde. Der nicht endend wollende Verkehr rollte fortan nicht mehr durch den Ort, sondern wurde daran vorbeigeführt. Dazu entstand in zwei Jahren Bauzeit auf der Moorbodenkuppe für damals 50 Millionen Mark ein kompletter Neubau auf der „grünen Wiese“ mit Dienst- und Kontrollgebäuden sowie weitläufigen Parkflächen für Lkws. In den Hochzeiten arbeiten hier bis zu 500 Leute.

Doch das ist inzwischen schon ferne Geschichte. Der alte Übergang in Zinnwald wurde mittlerweile komplett abgerissen. Ebenfalls schon lange verschwunden ist das große Schutzdach am früheren Zollamt. Lange hat sich vor allem Altenbergs Bürgermeister Thomas Kirsten (Freie Wähler) gegen die absehbaren Entwicklungen gestemmt und um den Erhalt des verbliebenen Standortes direkt an der Grenze gekämpft. Sein Argument war vor allem der Verlust an Sicherheit für die Region, die auf dem Spiel stehe. Doch die Würfel sind endgültig gefallen. Die Bundespolizei ist nach Auskunft des Berggießhübeler Inspektionsleiters Sven Jendrossek zwar noch bis Jahresende Mieter im bisher genutzten Gebäude. Aber eigentlich steht nur noch das Ausräumen der Diensträume auf dem Plan.

Heute kaum noch vorstellbar sind die Bilder von der nicht enden wollenden Autoschlange am Grenzübergang Altenberg, als es hier noch Kontrollen gab, ein Foto von 2002.
Heute kaum noch vorstellbar sind die Bilder von der nicht enden wollenden Autoschlange am Grenzübergang Altenberg, als es hier noch Kontrollen gab, ein Foto von 2002. © Egbert Kamprath

Die Stadt Altenberg als Eigentümerin des Areals mitsamt der Gebäude steht dann vor dem Problem, eine Nachnutzung für kommunale Zwecke zu finden. Diese ist nötig, denn sonst droht die Abrissbirne. Ursprünglich war vorgesehen, bei Wegfall des Grenzübergangs das gesamte Gelände komplett einzuebnen. Das wäre eigentlich jetzt der Fall, aber nach Auskunft von Thomas Kirsten wurde 2011 die Planfeststellung geändert, was den Erhalt mehrerer Gebäude auf Dauer sicherte. So sind in einer der Hallen die Pistenbullys für das Präparieren der Skiloipen untergestellt. Der Loipenparkplatz ist bei schönem Wintersportwetter brechend voll, ein Rückbau wäre realitätsfern und für die Region nicht mehr vorstellbar.

Doch nicht alle Bauten auf dem Areal genießen diesen Bestandsschutz, sodass ein erneutes Verfahren eingeleitet werden müsste. „Eine dreiviertel Million Euro sind 2015 in den Innenausbau der späteren Flüchtlingsunterkunft geflossen. Wir als Stadt und der Landkreis waren damals froh, diese Unterbringungsmöglichkeit zu haben. Bis vor Kurzem war hier das Corona-Testzentrum eingerichtet. Es wäre schwer vermittelbar, wenn es zurückgebaut würde“, sagt der Bürgermeister.

Stehen bleiben darf nach jetzigem Stand der bisherige Sitz der Bundespolizei gegenüber. Hier wurde in den letzten Jahren nicht investiert. Die bröckelnden Holzfenster zeigen auf den ersten Blick, das hier mehr nötig ist als ein neuer Schutzanstrich. „Den genauen Zustand kenne ich nicht, davon kann ich mir erst bei der Übergabe ein konkretes Bild machen. Ich sehe aber, dass wir die Gebäude ganz sicher noch brauchen werden, in welcher Form auch immer. So wird die Einhaltung von Brandschutzbestimmungen in bestehenden Räumlichkeiten der Stadt für unsere Verwaltung in Zukunft immer mehr zum Problem werden“, erzählt Thomas Kirsten. Er hat dazu auch schon einige konkrete Ideen, denn ihn beschäftigen außerdem die steigenden Kinderzahlen im Ort. So ist abzusehen, dass mehr Plätze für Hort, Kindergarten und Krippe geschaffen werden müssen. Doch die vorhandenen Einrichtungen sind nur bedingt ausbaufähig. Eine Möglichkeit würde sich nach Meinung des Bürgermeisters in den ohnehin vorhandenen Gebäuden am Grenzübergang anbieten. Wald und Natur lägen quasi direkt vor der Haustür. Betonflächen ließen sich ohne weiteres beseitigen.

Auf der grünen Wiese entstand bis Dezember 2000 kurz vor Zinnwald eine neue Grenzzollanlage hier ein Luftbild von 1999.
Auf der grünen Wiese entstand bis Dezember 2000 kurz vor Zinnwald eine neue Grenzzollanlage hier ein Luftbild von 1999. © Egbert Kamprath

In der Öffentlichkeit stoßen solche Gedanken allerdings bislang auf Skepsis und Ablehnung. Hauptargument ist die Lage: Fernab der Stadt wäre eine Kindereinrichtung hier nur mit dem Auto zu erreichen. Andere bringen auch das oft ungemütliche Wetter an dieser exponierten offenen Lage ins Spiel oder können sich nicht vorstellen, dass eine frühere Flüchtlingsunterkunft als Kindereinrichtung genutzt werden könnte. Die Reaktionen zeigen zumindest, dass noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, um die Bürger für ein solches Projekt zu gewinnen. Doch der Bürgermeister hofft weiter auf einen Stimmungswandel und denkt zum Beispiel über einen Tag der offenen Tür nach, bei dem sich die Leute hier einmal umschauen könnten. Die Abgelegenheit sei sicher ein gewichtiges Argument, doch andererseits ist auch Tatsache, dass viele Eltern schon jetzt ihre Kinder mit dem Auto zur Kita bringen und dort auch wieder abholen. Es gäbe auch die Möglichkeit, den Linienbusverkehr an die Erfordernisse anzupassen. Eine Haltestelle, über deren Verlegung man ebenfalls nachdenken könnte, gibt es bereits.

Die helle Stelle an der Fassade des Dienstgebäudes in Zinnwald zeigt, wo bis vor Kurzem noch die Tafel der Bundespolizeiinspektion Berggießhübel hing. Als Revierkontaktbeamte sind Polizeihauptkommissar Henry Ukkat und Polizeihauptmeisterin Nicole Schulz i
Die helle Stelle an der Fassade des Dienstgebäudes in Zinnwald zeigt, wo bis vor Kurzem noch die Tafel der Bundespolizeiinspektion Berggießhübel hing. Als Revierkontaktbeamte sind Polizeihauptkommissar Henry Ukkat und Polizeihauptmeisterin Nicole Schulz i © Egbert Kamprath

Obwohl es am früheren Übergang den Anschein hat, ganz ist die Bundespolizei ohnehin nicht aus der Region verschwunden. Seit Mitte 2019 gibt es die beiden Revierkontaktbeamten, die ihren Dienstsitz beim Polizeiposten Altenberg im Rathaus haben. Sie sind speziell für den Bereich der Bergstadt abgestellt und hier direkte Ansprechpartner für die Bürger. Außerdem gibt es eine Zusammenarbeit vor Ort mit der Landespolizei, zum Beispiel durch gemeinsame Streifen. Einer der beiden Bundespolizisten, Hauptkommissar Henry Ukkat, kennt sich dabei aus wie kaum ein anderer. Schon seit Jahrzehnten ist er in verschiedenen Aufgaben an der Grenze im Raum Altenberg tätig, anfangs in Zinnwald, später im neuen Zollamt und jetzt als Revierkontaktbeamter.

Dabei hat er auch erlebt, wie sich sein Beruf mit wechselnden Aufgaben gewandelt hat. 2006 rollte ein Großteil des Grenzverkehrs nicht mehr über die B170, sondern auf der neu eröffneten Autobahn. 2007 kam das Schengen-Abkommen dazu, nach dem die Kontrollen zwischen Deutschland und Tschechien direkt an der Grenze wegfielen. Auch als Dienstsitz der Bundespolizeiinspektion hatte Altenberg schließlich ausgedient. Die Behörde zog mit der Verwaltung nach Berggießhübel. Im Gegenzug wurde es in Altenberg immer ruhiger. Bei Henry Ukkat schwingt so schon ein wenig Wehmut mit, wenn er sich daran erinnert, wie viel Leben hier einmal war. Doch auf der anderen Seite sei es nun Ziel seiner Arbeit, dass die Ruhe den Grenzlandbewohnern erhalten bleibt.

Bundespolizeiinspektion Berggießhübel ist unter der Telefonnummer 035023-676300 erreichbar.

Der Polizeiposten Altenberg (Bundespolizei) hat die Telefonnummer 035056-3870.