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„Bei diesem Winter blutet mir das Herz“

Altenbergs Bürgermeister spricht über den Sinn einer WM im Lockdown und was er sich am Skihang vorstellen könnte.

Thomas Kirsten präsentiert seine Stadt gern weltweit als weltmeisterlichen Ort - auch für Touristen.
Thomas Kirsten präsentiert seine Stadt gern weltweit als weltmeisterlichen Ort - auch für Touristen. © Egbert Kamprath

Thomas Kirsten, wir führen das Interview coronabedingt per Videoanruf durch. Das ist für Sie als Bürgermeister inzwischen sicherlich Routine, oder?

Es ist ja schön, dass man in seiner Zeit als Bürgermeister immer mal wieder was Neues erleben darf. Wir sind also tatsächlich dabei Mitgliederversammlungen und andere Beratungen per Videokonferenz zu machen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert das immer besser und ich finde auch immer mehr Gefallen daran. Denn es spart natürlich unheimlich Zeit, wenn man nicht erst irgendwo hinfahren muss.

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Nun ist es in der Corona-Zeit so, dass wir uns eben nicht persönlich treffen können. Wie empfinden Sie das?

Ja, es ist eine schlimme Zeit. Es gibt mal bessere Phasen und dann verfällt man auch mal wieder in Melancholie. Wir haben ja auch Kinder und Enkel, die zwar leider nicht mehr in Altenberg wohnen, aber teilweise auch in Sachsen. Und trotzdem können wir nicht hinfahren. Das ist natürlich nicht schön, aber ich muss mal sagen, das Jammern ist auf einem hohen Niveau. Mir ist wichtig, dass wir gesund durch die Pandemie kommen, deshalb nehmen wir solche Beschränkungen auch an. Und ganz im Ernst: Wir wohnen hier in Altenberg mitten in der Natur. Wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich im Wald. Die Loipen sind für unsere Einwohner gespurt. Da haben wir es doch recht komfortabel hier.

Die Lage ist wegen Corona ja weiterhin angespannt. Da fragen sich viele: Muss denn die Bob- und Skeleton-WM jetzt wirklich sein?

Gute Frage. Ich kenne natürlich viele Menschen, die unter den Einschränkungen leiden, die Existenznöte haben. Und auf der anderen Seite werden die Sportwettbewerbe durchgeführt. Aber ich war sehr dankbar, als im September die Entscheidung getroffen wurde, dass wir anstelle von Lake Placid Ausrichter sein dürfen, weil wir hier in Altenberg auch ein Stück weit vom Tourismus leben und auch mit den Medien. Mich ärgert zwar, dass keine Zuschauer an die Bahn dürfen, aber dass die WM überhaupt stattfindet, ist zum Einen für die Sportler wichtig, die das ganze Jahr auf diesen Höhepunkt hintrainiert haben. Es ist aber auch für Altenberg gut, weil die wunderbaren Bilder, die jetzt am Wochenende überall auf der Welt ausgestrahlt wurden, tolle Werbung für die Region machen. Es gibt ja auch ein Leben nach Corona. Außerdem ist es wenigstens ein bisschen Abwechslung für die Leute, die zu Hause sein müssen. Ich weiß, wovon ich da rede. Mein Vater ist fast neunzig. Er wohnt in Altenberg, kann bei dem vielen Schnee aber nicht raus. Der freut sich ganz besonders, wenn im Fernsehen was aus seiner Stadt kommt. Das was im Sport geht, das könnte auch viel mehr im Alltag helfen mit Schnelltests das eine oder andere wieder zugänglich zu machen. Wir machen das in Altenberg seit November schon, einfach um sicher zu gehen, dass wir nicht infiziert sind. Und warum machen wir das nicht beim Friseur? Wer einen Schnelltest gemacht hat, und der negativ ist, warum soll der nicht zum Friseur gehen?

Auch bei Ihnen in der Stadt hat jetzt alles geschlossen. Aber die Hotels haben jetzt die Sportler und Betreuer, die sie beherbergen können. Ist das ein kleiner Trost?

Ich weiß gar nicht genau, ob die Hotels jetzt der WM zuliebe geöffnet haben, oder ob es wirklich auch betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Es hilft sicherlich ein bisschen, aber wir haben über 3.000 Betten. Da macht uns der Leerstand schon zu schaffen. Das darf also nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die Saison nicht rettet.

Welchen Stellenwert hat denn der Sport für Altenberg ganz allgemein?

Wir sind ja hier die Wiege des Biathlonsports. Das wollen wir bei aller Euphorie für die Bob- und Skeletonfahrer nicht vergessen. Wir haben hier in den Fünfzigerjahren mit Patrouillenlauf angefangen, ich war auch selber aktiver Biathlet. In den Siebzigerjahren haben wir eigentlich alles gewonnen, was bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu gewinnen gab. Den Biathlonsport halten wir auch hoch und kämpfen dafür, dass wir Bundesstützpunkt bleiben. Wir tun dafür, dass was geht und ich bin sehr glücklich, dass viele unserer Stadträte da mitziehen.

Wie viele Altenberger wirken bei der WM eigentlich mit, zum Beispiel als Kampfrichter?

Das kann ich dieses Mal gar nicht sagen, weil alles so abgeriegelt ist. Auch wenn ich als Bürgermeister an die Bahn komme, muss ich einen Schnelltest machen und nur, wenn der negativ ist, darf ich rein. Aus vorhergehenden Jahren weiß ich, dass es immer so um die 400 Freiwillige waren, die als Helfer mit dabei waren. In diesem Jahr sind es wahrscheinlich nur so 80 bis 90 und mindestens die Hälfte davon ist medizinischer Dienst.

Was bringt die Bahn für Altenberg? Kann man das an Zahlen messen?

Die Bahn kostet im Jahr etwa 800.000 bis eine Million Euro an Betriebskosten. Wobei da Bund und Land etwas dazugeben. Die Wirkung, die das Fernsehen hat, ist aber nicht zu unterschätzen. Im deutschsprachigen Raum haben im vergangenen Jahr etwa 80 Millionen Leute die Rennläufe aus Altenberg gesehen. Dort wird ja dann auch gezeigt, dass es in Altenberg nicht nur die Bahn gibt, sondern auch andere sehr gute Infrastruktur für Urlauber. Und wir sehen das an den Zahlen. 1990 hatten wir ungefähr 50.000 Übernachtungen pro Jahr, jetzt sind es knapp 500.000. Und wir haben noch mal so viele Tagesgäste. Wir machen einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro im Jahr. Wir können natürlich nicht sagen, wie es ohne die Sportstätte wäre, aber ich meine, einen großen Anteil hat diese Werbung im Fernsehen und in den Medien.

Tut Ihnen der Lockdown jetzt auch besonders weh, weil die Tagesgäste aus Dresden fehlen?

Mein Herz blutet natürlich, wenn ich diesen Winter sehe. Vor allem diesen beständigen wunderbaren Winter. Und die Leute, die sonst zu uns kommen, um ein bisschen Wintersport zu machen, können nicht kommen. Das stimmt mich unheimlich traurig. Ich hätte mir da Lösungen gewünscht. Zum Beispiel hätte man die Zahl der Skifahrer am Hang begrenzen können. Und auch nur die Leute hinlassen, die einen Negativtest haben. Ja warum sollen die hier nicht Skifahren können?

Das Gespräch führten Fabian Deicke und Tino Meyer.

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Das Interview stammt aus dem Podcast Dreierbob, der bei Sächsische.de während der WM in Altenberg täglich erscheint. Das ganze Gespräch mit Thomas Kirsten können Sie über den hier eingebetteten Player anhören. Alle weiteren Folgen finden sie auf der Seite Dreierbob: Der Podcast zur WM 2021 .

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