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Dippoldiswalde

Das wandernde Haus von Zinnwald

Ein legendärer Fall illegaler Grenzverschiebung soll sich vor fast 300 Jahren zugetragen haben. Um das Wie rankt sich eine Legende.

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Wolfgang Mende zeigt den Standort des „wandernden Hauses“ von Zinnwald.
Wolfgang Mende zeigt den Standort des „wandernden Hauses“ von Zinnwald. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Von Ob die Legende des „wandernden Hauses“ von Zinnwald der Wahrheit entspricht – oder ein spektakulärer Schachzug eines findigen Hausbesitzers war, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Fest steht, dass es das „wandernde Haus“ von Zinnwald tatsächlich gegeben hat.

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Wenn man zum alten Grenzübergang an der ehemaligen Fernverkehrsstraße 170 Richtung Tschechien fährt, passiert man rechter Hand als letztes Gebäude auf deutscher Seite das Haus Teplitzer Straße 3. Es war das einstige sächsische Zollamt. Schräg dahinter, da wo heute jenseits der Wiese nur noch Gestrüpp wächst, stand einst das „wandernde Haus“ von Zinnwald.

Es war in typisch osterzgebirgischer Bauweise errichtet, steinern im Erdgeschoss, klein und eng, mit langgezogenem Dach. Das Besondere an ihm war, dass der Deckenbalken der Stube eine Inschrift trug: „Ich bin auf Sachsen-Boden, Gottlob! Weil mich mein Wirth, Hanns Hirsch, aus Böhmen rüberschob.“

1726 soll das gewesen sein. Es war eine Zeit, in der Anhänger des reformierten Glaubens in Böhmen verfolgt und benachteiligt wurden, während sie im lutherischen Sachsen Heimat und religiöse Freiheit fanden. Nicht umsonst entstand in direkter Nähe zur böhmischen Grenze die „Exulantensiedlung“ – ein eigener Ortsteil für böhmische Aussiedler, die willkommen waren und vom Kurfürsten eigens Land zur Verfügung gestellt bekamen.

Die Legende besagt, dass das „wandernde Haus“ damals noch ganz aus Holz bestanden hätte. Anders lässt sich die Umsetzung dieser Aktion gar nicht denken.

Erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt

Wolfgang Mende (70), gebürtiger Zinnwalder, ist aufgewachsen mit der Legende um das „wandernde Haus“. Die Alten erzählten sie den Kindern, und das Wissen um die Unmöglichkeit machte die Geschichte nur noch spannender. Mendes Mutter stammte aus Böhmisch-Zinnwald, der Vater aus dem sächsischen Zinnwald. Er war, wie sollte es wohl an diesem Ort anders sein, im Bergbau tätig.

Auf die Frage, ob Wolfgang Mende an die Legende glaubt, muss er lachen. Wenn es tatsächlich über die Grenze gebracht worden ist, so muss diese Aktion wohl einiger Vorbereitung bedurft haben. Die Zerlegung eines ganzen Hauses musste vorbereitet werden, damit der Besitzer es schnell in transportable Elemente zerlegen konnte. Hätte man den ganzen Hauskörper auf Baumstämmen über die Grenze gerollt, wären unzählige Helfer nötig gewesen, der Boden hätte geebnet werden müssen und es hätte sicher für Aufsehen gesorgt.

Abriss des „wandernden Hauses“ 1917.
Abriss des „wandernden Hauses“ 1917. © Repro: Matthias Schildbach

Der neue Standort bedurfte ebenfalls einer Vorbereitung, Begradigung und eventueller Fundamentierung. Sicher ist ein mehrere Tonnen schweres Haus, auch wenn es klein war, nicht in einem Ritt zu transportieren gewesen. Wohl mehrere Male wäre es hin und her gegangen, mit helfender Hand vornehmlich von sächsischer Seite. Ob die zumeist katholischen Nachbarn dem Tun ohne Meldung an die Obrigkeit zugesehen haben?

Die Aktion scheint fast zu wagemutig. Niemand der Nachbarn, die wohl genug Verstand hatten, zu erkennen, dass das Haus nach wie vor am alten Standort stand, hätte die Version dieser Geschichte geglaubt. Oder wurde sie den nicht ortskundigen Amtspersonen aufgetischt, die nur ab und an selbst an diesem unwirtlichen Ort auf dem Erzgebirgskamm waren?

Ein genialer und wagemutiger Coup

Der scharfe Bogen, den der Grenzverlauf um die Immobilie schlug, ließ eine ganz andere Vermutung aufkommen. Hatte der Besitzer Hanns Hirsch des Nachts einfach die Grenzsteine versetzt? Sollte er aufgrund seines Glaubens in derartige Bedrängung geraten sein, dass er sich eine solche Aktion zutraute und die sicher nicht unerhebliche Strafe im Falle des Auffliegens in Kauf nahm? Immerhin bescherte er dem Kurfürstentum Sachsen einige Dutzend Quadratmeter mehr Land durch seinen Coup.

Im Mittelalter markierten natürliche Merkmale die Grenzverläufe zwischen Herrschaftsgebieten. Bachverläufe, Wege, markante Bäume, auch Stein- und selbst Reisighaufen dienten zur Kenntlichmachung. Ab dem Jahr 1572 wurde die sächsisch-böhmische Grenzlinie durch Markierungssteine gekennzeichnet. Sie wurden an allen Wegen und Straßen angebracht, die aus Kursachsen nach Böhmen führten. Und außerdem dort, wo es angebracht schien.

Trotz der Vermarkung der Landesgrenze von 1572 blieben kürzere Grenzverläufe immer strittig. Flurgrenzen verwilderten, Grenzsteine verschwanden. Vermutlich nutzte jener Hanns Hirsch diesen „Systemfehler“, um sich und seine Habe in Sicherheit zu bringen. Wer schon sollte ihm etwas anderes nachweisen?

Steine wie dieser markieren heute die deutsch-tschechische Grenzlinie.
Steine wie dieser markieren heute die deutsch-tschechische Grenzlinie. © Matthias Schildbach

1737 unternahm Sachsen Anstrengungen, alle noch offenen Grenzstreitigkeiten ein für alle Mal beizulegen. Amtsmänner wurden aufgefordert, entsprechende Fälle zu melden. 1742 wurden an allen Hauptstraßen Grenzsäulen mit dem kursächsischen Wappen und der Aufschrift „Kursächsische Lande“ errichtet. Bis 1790 sollte es dauern, bis die Landesgrenze erstmals genau und exakt topographisch aufgenommen und kartographiert wurde. Das Ergebnis diente der Landesregierung als Grundlage, erstmals veröffentlicht wurde es 1836 im „Topografischen Atlas von Sachsen“.

Exakte Markierung der Landesgrenze

Erst im „Haupt-Grenz und Territorial-Receß“, 1848 abgeschlossen zwischen Sachsen und Österreich-Ungarn zu Dresden, wurden alle „Zweifel und Irrungen“ bezüglich Grenzstreitigkeiten „für immer“ beigelegt. Darin heißt es: „Über den Verlauf der Grenze wird eine Grenzkarte durch beiderseitig Feldmesser aufgenommen werden“ und eine alle zehn Jahre stattfindende Grenzbegehung mit Prüfung auf Vorhandensein der Grenzmarkierungen solle stattfinden.

Heute ist die Staatsgrenze auf den Zentimeter genau vermessen und festgelegt, bestätigt auf Nachfrage der Staatsbetrieb Geobasisinformation und Vermessung Sachsen.

Dass Grenzsteine unerlaubt versetzt wurden, kam immer wieder vor. Erzielte doch mindestens ein Anrainer dadurch nicht unerhebliche Gebietsgewinne, führte er sein Vergehen immer wieder, in kleinen Schritten und unbemerkt durch.

Verschwunden und fast vergessen

Das Abgraben der alten Berghalden, das in den Jahren des Ersten Weltkrieges in der Zinnwalder Bergbauregion forciert wurde, bedeutete das Ende des inzwischen marode gewordenen Häuschens. 1917 wurde es abgerissen, der Boden darunter nach wertvollem Wolfram durchsucht.

Wolfgang Mende weiß vom Standort des „wandernden Hauses“ von alten Postkarten. Er sammelt sie leidenschaftlich, eröffnen sie ihm doch völlig andere Sichtweisen auf seinen Heimatort. Die Grenze, die ihn mehr als sein halbes Leben lang begleitete und ein Symbol von Einengung, Abgeschiedenheit und Verbot war, die gibt es heute wie zur Zeit des „wandernden Hauses“ nur noch in Form von Grenzsteinen. Ein Zustand, den Wolfgang Mende um nichts in der Welt mehr missen möchte.

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