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In der Weihnachtsstrickerei

Maria Leiteritz aus Pretzschendorf strickt für "Weihnachten im Schuhkarton." Am liebsten verfolgt sie dabei, wie Dynamo Dresden spielt.

Maria Leiteritz aus Pretzschendorf strickt Socken für "Weihnachten im Schuhkarton" und Babyschuhe für die Neuankömmlinge im Dorf.
Maria Leiteritz aus Pretzschendorf strickt Socken für "Weihnachten im Schuhkarton" und Babyschuhe für die Neuankömmlinge im Dorf. © Egbert Kamprath

Die Strümpfe für den 17-jährigen Urenkel dauern etwas länger: "Der hat ja Schuhgröße 47", sagt Maria Leiteritz: "Da habe ich so vier, fünf Tage dran gestrickt." Sie hält das blau-marmorierte Strumpfpaar hoch: Ganz gleichmäßig aus zweifädiger Wolle gestrickt ist es, mit Rippen am Schaft, damit sie eng anliegen.

Die Pretzschendorferin ist 92 Jahre alt. Als ihr Mann vor acht Jahren starb, bekam sie Rheuma in den Händen. Doch auch, wenn sie die nun nicht mehr strecken kann - die schnellen Bewegungen mit den Nadeln gelingen problemlos. "Sie muss auch gar nicht hingucken dabei", sagt ihre Enkelin Cindy Blümcke.

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Das ist wichtig, denn so kann Maria Leiteritz zwei ihrer Lieblingsbeschäftigungen miteinander verbinden: Stricken und Fußball gucken. "Nur blöd, dass Dynamo Dresden jetzt in der dritten Liga spielt. Da überträgt Sky nicht mehr das ganze Spiel."

Viele Socken dank VfB Stuttgart

Dabei hatten ihre Kinder ihr vor zwei Jahren das Sky-Abo extra für diese Spiele geschenkt. Aber es gibt ja noch den VfB Stuttgart: "Da gefallen mir die Spieler einfach", sagt sie - und nebenbei entstehen mehr Socken und Strümpfe, als ihre zwei Söhne, die Tochter, die sieben Enkel und die zehn Urenkel tragen können.

"Deshalb habe ich sie auf die Aktion 'Weihnachten im Schuhkarton' aufmerksam gemacht", sagt ihre Schwiegertochter Monika Leiteritz: "Wenn sie weiß, dass die Strümpfe gebraucht werden, macht es ihr ja auch mehr Spaß." Seit zwei Jahren bündelt sie nun ihre Jahresproduktion. "Pro Bündel immer fünf Paare", und lässt sie der Kirchegemeinde in Bobritzsch zukommen, wo sie auf die "Schuhkartons", also die Hilfs- und Geschenkpäckchen für Bedürftige, verteilt werden.

Oberschlesische Großmutter zeigte, wie es geht

"Mit zehn Jahren habe ich angefangen, Socken zu stricken", erzählt Maria Leiteritz: "meine Großmutter gab mir eine Vorlage, dann habe ich schnell begriffen, wie es geht." So sei es früher gewesen: "Die Männer gingen abends in die Kneipe, die Frauen trafen sich zum Stricken."

In Oberschlesien war das. Zwei Jahre später, 1941, war für sie und ihre sieben Geschwister das Familienleben vorbei: Der Vater war fort, als Soldat an der Front. Und die Mutter kam plötzlich mehrere Tage nicht zurück. Wie sich herausstellte, hatte sie einen anderen Mann gefunden. "Wir kamen ins Heim. Ich weiß noch, dass ich meine kleine Schwester auf dem Arm hatte. Sie war erst drei Monate alt."

Flucht nach Dresden

Wenn schon das Vorgehen der Mutter schwer zu begreifen ist - das des damaligen Heimes ist es erst recht nicht. "Mein Vater beantragte Heimaturlaub und versuchte, uns wieder zu bekommen. Aber sie haben uns nicht rausgegeben", erinnert sie sich.

Zusammenbleiben konnten die Geschwister nicht. Maria Leiteritz, nach ihrem großen Bruder mit damals zwölf Jahren die Älteste, wurde zu Arbeitsdiensten nach Schlesien geschickt, kam dann in ein tschechisches Heim, "und irgendwann waren wir nur noch auf der Flucht." Im Mai 1945 strandeten die Mädchen ihrer Gruppe in Dresden. "Ich musste bei einem Arzt arbeiten. Da ging es mir schlecht. Die Praxishilfe hat mich da rausgeholt und an den Bäcker in Friedersdorf vermittelt."

FC Bayern ist zu langweilig

"Sie musste sich immer durchsetzen, deshalb nimmt sie auch heute kein Blatt vor den Mund", sagt ihre Schwiegertochter lachend. "Heute schimpfe ich nur noch auf die Bayern. Ist doch langweilig, dass die immer gewinnen", gibt ihre Schwiegermutter zurück.

Mit 19 Jahren stand Maria Leiteritz' Entschluss fest: "Ich wollte in die Landwirtschaft." Kartoffeln lesen, Rüben hacken, aber auch große Steine vom Feld holen seien damals die typischen Aufgaben der Frauen gewesen: "Ich bin aber auch Mähdrescher und Traktor gefahren."

Pretzschendorf als neue Heimat

In der LPG Einigkeit Pretzschendorf lernte sie ihren Mann Walter kennen - und blieb. Bis heute wohnt sie in dem Haus ihres Mannes. Ihre Geschwister und ihren Vater hatte die Flucht nach Falkenberg in der Oberpfalz verschlagen. Fünf leben noch, die Kontakte sind nicht abgerissen. Ihre eigenen Kinder und einige Enkel wohnen in der Nähe, die Tochter gleich nebenan hilft am meisten.

In normalen Zeiten muss sie vor allem Fahrdienste leisten: Kaffeeklatsch, Geburtstage, Weihnachtsessen - ohne Corona wäre Maria Leiteritz' Terminkalender voll: "Wir haben ja eigentlich auch einen Strickklub", fügt sie an. Vier Frauen sind sie noch, die sich regelmäßig zum Stricken treffen.

"Wir wollten immer rausbekommen, wie man diese Babyschuhe strickt, aber niemand wusste das. Vor 17 Jahren brachte hier mal jemand eine Schwiegermutter aus Westdeutschland mit, die hat es mir gezeigt." Seit dem sind die Schühchen ihre Strickarbeit für einen Sommernachmittag unterm Apfelbaum. Alle Babys im Dorf erhalten jeweils ein Paar zur Begrüßung - natürlich in der richtigen Farbe.

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