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Drei Wanderziele und kein Weg im Osterzgebirge

Touristisch reizvoll sind die Routen an Talsperren und Teichen. Gäste sind aber in einigen Fällen unerwünscht. Ändert sich das in Zukunft?

Von Siiri Klose
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Der Damm zwischen den Galgenteichen wäre ein schönes Stück Weg für die Blockline. Doch ohne Genehmigung geht es nicht.
Der Damm zwischen den Galgenteichen wäre ein schönes Stück Weg für die Blockline. Doch ohne Genehmigung geht es nicht. © Egbert Kamprath

Eigentlich hatte Tourismusexperte Jochen Löbel die Hoffnung, dass sich noch in diesem Jahr etwas bewegen könnte: Der Sprecher des Wirtestammtischs Osterzgebirge hatte am 1. März die sächsische Tourismus-Ministerin Barbara Klepsch eingeladen. Die zehn Gastronomen und Hoteliers erbaten sich ihre Hilfe bei einem Problem, das auch den Kreiswegewart Gunter Fichte seit Jahren umtreibt: Osterzgebirgische Besonderheiten wie die Mauerkrone der Talsperre Lehnmühle und des Pöbeldamms lassen sich auch nach ihrer Sanierung nicht touristisch nutzen. Die Galgenteiche in Altenberg sind zwar von Wegen umgeben, aber der Tourismusverband Erzgebirge erhielt keine Genehmigung, die Mountainbike-Strecke der Blockline dort entlangzuführen.

Trinkwasserschutz versus Wandernetz

Die drei potenziellen Wanderziele haben eins gemeinsam: Sie stehen unter der Obhut der Landestalsperrenverwaltung (LTV). Und die vertrat bisher zu all diesen Vorschlägen immer dieselbe Position: „Die Sicherstellung der Hochwasserschutzfunktion und der Trinkwasserversorgung hat hier Vorrang vor einer touristischen Nutzung“, schreibt LTV-Sprecherin Katrin Schöne auf Anfrage.

Austausch zur touristischen Nutzung von Talsperren

Aktueller Anlass war eine Online-Konferenz im Dezember zum Thema „Einbindung von Talsperren in das Rad- und Wanderwegenetz“. Diesmal organisiert von Frank Ortmann, Abteilungsleiter Tourismus im sächsischen Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus, der auch das Ansinnen des Wirtestammtischs auf dem Tisch hat.

Eingeladen waren Vertreter des sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft und der diesem unterstellten Landestalsperrenverwaltung. Außerdem Politiker aus dem Landkreis und Ronny Schwarz vom Tourismusverband Erzgebirge e. V., der an der Entwicklung der Blockline beteiligt ist. Und natürlich Jochen Löbel als Sprecher des Wirtestammtischs.

"Der Tourismus ist nicht systemrelevant"

Als demotivierend beschreibt Löbel nun das Ergebnis dieser Videokonferenz. „Die Behörden sind zurückhaltend“, sagt er – und muss sich selbst spürbar zurückhalten: „Hier geht so gut wie gar nichts. Dass der Tourismus mal wieder nicht systemrelevant ist, haben wir deutlich zu spüren gekriegt.“

Allerdings sei es in diesem Gespräch in erster Linie darum gegangen, "die unterschiedlichen Interessensvertreter zusammenzubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Ihre Sicht auf das „Thema Touristische Nutzung von Talsperren“ intensiv zu erörtern", schreibt Pressesprecher Jörg Förster vom Tourismus-Ministerium: "Oftmals sind Hintergründe für Einschränkungen oder Verbote nicht bekannt bzw. werden zu wenig kommuniziert." Da Trinkwasserschutzzonen sensible Bereiche sind, könne nicht jedes Anliegen umgesetzt werden. "Es bedarf Kompromisse auf beiden Seiten", schreibt Förster.

Seltene Führungen locken keine Touristen an

Und so blieb die Landestalsperrenverwaltung bei ihrer Einschätzung, dass sich die Mauerkrone der Talsperre Lehnmühle nicht für die freie Überquerung durch Wanderer eigne: „In der Sitzung wurde nochmals dargelegt, dass das Betriebsgelände an dieser Talsperre nicht von einem möglichen öffentlichen Weg über die Mauerkrone abgetrennt werden kann, weil es die Platzverhältnisse nicht zulassen.“, schreibt Katrin Schöne.

Die Staumauer der Lehnmühl-Talsperre gibt die Landestalsperrenverwaltung nicht zum Wandern frei.
Die Staumauer der Lehnmühl-Talsperre gibt die Landestalsperrenverwaltung nicht zum Wandern frei. © Karl-Ludwig Oberthuer

Das Angebot der LTV, weiterhin auf Anfrage Führungen zu organisieren, ist für Jochen Löbel kein Kompromiss: „Kein Tourist lässt sich damit anlocken, dass ein Staumeister oder Wanderführer jeden vierten Donnerstag im Monat 20 Personen rüberführen darf.“

Gegenseitiges Verständnis ist wichtig

„Wir haben im ganzen Erzgebirgsraum die Herausforderung, Tourismus und Trinkwassereinzugsgebiete unter einen Hut zu bringen“, sagt Ronny Schwarz vom Tourismusverband Osterzgebirge.

Katrin Schöne vom LTV steuert dazu eine Übersicht bei: „Die Mauer- bzw. Dammkronen sind bei rund der Hälfte der 86 sächsischen Stauanlagen öffentlich begehbar. An ebenso vielen Anlagen gibt es Informationstafeln, Ausstellungen oder Exponate. Ebenfalls etwa 50 Prozent der Anlagen werden als Angelgewässer genutzt oder sind Naturschutzgebiete. Zehn Brauchwassertalsperren der Landestalsperrenverwaltung sind offizielle EU-Badegewässer. Dort gibt es meist neben einem Badestrand auch Zeltplätze und Bootsbetrieb. Im Bereich Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist das die Talsperre Malter.“

Wander-Apps scheren sich nicht um Schutzgebiete

Leider halten sich Wanderer und Radfahrer bei ihrer Tourenplanung selten an diese statistische Darstellung. „Der Druck auf die Natur wird immer größer“, sagt Schwarz. „Die Leute suchen sich die Routen bei Wander-Apps wie Komoot oder Outdooractive, wo jeder seine Sonntagsrunde einstellen kann. Und da interessiert es keinen, ob die durch sensible oder geschützte Gebiete geht oder nicht.“

Bei einer ausgewiesenen Strecke vom Tourismusverband hingegen könne man mit einer geschickten Routenführung und Infotafeln steuernd eingreifen, „so lässt sich auch ein Bewusstsein für die Umwelt schaffen.“ Das sei besser als die Strategie, nichts auszuschildern und attraktive Ziele außen vor zu lassen.

Blockline umgeht die Galgenteiche auffällig

Genau das ist allerdings bei den Altenberger Galgenteichen der Fall, die von der Blockline auffällig gemieden werden. Zwar ist die Dammkrone des Großen Galgenteichs für Wanderer öffentlich begehbar, doch: „Für eine darüber hinaus gehende Nutzung - z.B. als Mountainbike-Route - wurden seitens der Landestalsperrenverwaltung aus Standsicherheitsgründen und aus wasserwirtschaftlicher Sicht Bedenken vorgetragen“; schreibt Katrin Schöne.

Doch vielleicht war das Dezembertreffen gar nicht so ergebnislos, wie es Jochen Löbel erscheint. Die Landestalsperrenverwaltung habe den Vorschlag eines Rundwanderweges um die Talsperre Lehnmühle eingebracht, schreibt Schöne: „An zwei Stellen könnten Aussichtsplattformen entstehen, die einen schönen Blick auf die Staumauer und den See zulassen. Hier ist für das nächste Jahr ein Vororttermin mit den Beteiligten angedacht. Auch am Großen Galgenteich soll es im Frühjahr eine Besichtigung vor Ort geben, um mögliche Lösungsansätze zu besprechen.“

Große Nachfrage an Rad- und Mountainbike-Strecken

Frühling passt: „Zum 1. März haben wir das einjährige Jubiläum unseres Gesprächs mit Barbara Klepsch“, sagt Löbel. „Da werden wir ganz bestimmt nachhaken, wie weit die Sache gediehen ist.“ Denn in wirtschaftlicher Hinsicht sei der Tourismus im Osterzgebirge sehr systemrelevant, meint er: „300.000 Übernachtungen hatten wir im Oktober im Erzgebirge“, sagt Ronny Schwarz, „so viele wie noch nie.“

"Eine sehr große Nachfrage besteht aktuell im Bereich von attraktiven Rad- und Mountainbike-Strecken, möglichst grenzüberschreitend", schreibt auch Sprecher Förster vom Tourismus-Ministerium: "Es geht darum, bestehende Anlagen wie Lifte in das Sommerangebot zu integrieren und bestehende Infrastrukturen dahingehend zu ergänzen und zu vernetzen."

Dass Infrastruktur, Angebote und Ausflugsziele ineinander greifen müssen, ist Jochen Löbel und dem Wirtestammtisch sehr bewusst: "Aber guter Wille ist das Wichtigste bei alledem."