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Geisings neue Kleider

Jennifer Runge bietet einen selten gewordenen Service an: Sie ändert und repariert Kleidung. In Geising ist sie damit die einzige.

Jennifer Runge in ihrer Schneiderwerkstatt in Geising
Jennifer Runge in ihrer Schneiderwerkstatt in Geising © Egbert Kamprath

Die Bommel ist wieder dran. Eigentlich war die Mütze mit ihren losen Fäden ein typischer Kandidat für die Kleiderspende. "Aber es war eben auch eine Lieblingsmütze", sagt Jennifer Runge. Und im Vergleich zu neuen Reißverschlüssen ist eine neue Bommel für sie nur eine Fingerübung. Doch egal, wie kompliziert eine Kleidungsreparatur erscheint: "Jedes Kleidungsstück hat eine zweite Chance verdient", ist Jennifer Runge überzeugt.

Vor vier Jahren baute sie mit ihrem Freund das Einfamilienhaus an der Malzbrache in Geising, in dem sie jetzt die "Schneiderei Geising" betreibt: "Ich habe mich ja erst im Januar selbstständig gemacht", sagt sie: "Deshalb nutze ich erst einmal die Räume hier. Wenn es gut läuft, könnte ich mir auch vorstellen, später einen Laden anzumieten."

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Hosen kürzen, Reißverschlüsse erneuern

In den wenigen Monaten seither lief ihr Änderungsservice tatsächlich gut. Trotz der Einschränkungen, die Corona auch für sie mit sich bringt: "Im Moment muss ich erst Termine machen und kann eigentlich nur Reparaturen vornehmen. Beim Abstecken oder Maßnehmen könnte ich ja den Abstand nicht richtig einhalten." Doch Reißverschlussreparaturen gehen immer: "Seit die Leute wissen, dass es mich gibt, fällt ihnen ein: 'Ich hab doch noch diese Jacke', oder 'Eigentlich sind die Hosen immer zu lang.'"

Für bestimmte Änderungen, die häufig nachgefragt werden, hat sie Pauschalpreise: "Hosen kürzen geht ab 9 Euro los. Anzughosen liegen bei 15, 16 Euro, weil der Saum per Hand eingenäht werden muss."

Erst mal skeptisch

Von Jennifer Runges Berufswunsch waren ihre Eltern zunächst wenig überzeugt: Schneiderin - haben die heutzutage denn noch Arbeit? Bieten Modeketten nicht alle Kleidungsstücke viel billiger an, als es Schneider jemals könnten? Und hat sich nicht alle Welt daran gewöhnt, alles sofort zu ersetzen, wenn die Hose oder die Mode nicht mehr passt?

"Ich sah das alles auch ein und habe erst einmal als Systemgastronomin angefangen", sagt Jennifer Runge: "Aber die Arbeit hat mir so wenig Spaß gemacht, dass ich noch in der Probezeit kündigte."

Mit einer Kindernähmaschine fing es an

Für die Schneiderei stellte letztlich die Oma schon früh die Weichen: "Sie schenkte mir eine Kindernähmaschine. Damit habe ich aus Stoffresten Kleidung für meine Puppen genäht", erzählt die 23-Jährige. "Und dabei war mir immer klar: Wenn ich mal groß bin, dann nähe ich für Menschen."

Zwischendurch probierte sie sich an Sachen für sich selbst: "Aber ich hatte niemanden, der mir mal einen Schnittmusterbogen erklärt hätte", erinnert sie sich: "Außerdem nahm ich mir gleich die schwierigsten Projekte vor." Dass die Ergebnisse eher untragbar waren, bestärkte sie nur in ihrer Berufswahl: "So wird das nichts, dachte ich. Ich muss das richtig lernen."

Brautkleid gerettet

Dass sie richtig schwierige Sachen inzwischen kann, konnte sie kürzlich an einem Brautkleid beweisen: "Es saß vorn richtig gut an der Braut. Aber am Rücken passte es gar nicht", sagt sie. Dort sollte eine korsageartige Schnürung für die richtige Form sorgen, fing aber viel zu tief an und hörte auch viel zu tief auf.

Jennifer Runge versetzte die Ösen der Schnürung komplett in das Rückenteil, nähte im unteren Rockabschnitt statt dessen einen verdeckten Reißverschluss ein, sorgte bei der Gelegenheit für den Passform-Feinschliff an den Trägern, brachte einen Knopf für die Schleppe an, "damit die Braut sie nicht ständig hochhalten muss" - und nähte zum Schluss all die Perlen wieder ans Oberteil, die sie für die Änderungen abnehmen musste.

Weniger Konkurrenz in Geising

"Zwischendurch habe ich auch mal meine Meisterin angerufen, bei der ich in Dresden gelernt habe", sagt sie. Rosemarie Mühlberg, die ihr Maßatelier in Dresden-Bühlau betreibt, gab ihr während der Lehrjahre auch viele Tipps rund um das selbständige Wirtschaften als Schneiderin.

Weil ihr Freund aus Geising kommt, war die nächste Station klar: "Ich bin froh, dass ich nicht mit den vielen Schneiderein in Dresden konkurrieren muss", sagt Runge. Anders als in Dresden, wo viele Modegeschäfte gleich mit einer Änderungsschneiderei zusammenarbeiten, bestellen die Geisinger im Internet - und können nun bei ihr die Sachen passend machen lassen.

Wohlfühlen wichtiger als Mode

Inzwischen ist sie bereits um einige Erfahrungen reicher: "Manchmal lässt sich eine Naht nicht so unsichtbar machen wie gewünscht. Da muss ich mein Vorgehen erklären, damit die Kunden wissen, was sie von mir erwarten können."

Mit Pelzen und Leder arbeitet sie nicht gern: "Aus ethischen Gründen nicht", sagt sie: "Aber wenn es um gebrauchte Kleidung geht, die mit einer Änderung wieder tragbar wird, stehe ich vor einem Dilemma. Weil ich ja auch dazu beitragen möchte, dass Sachen lange getragen werden."

Generell gilt bei ihr: "Immer erst mal fragen, ob etwas noch zu retten ist." Nur wenn es um Mode geht, kann sie keine Tipps geben: "Mir geht es bei Kleidung immer darum, sich darin wohl zu fühlen." Egal, was gerade angesagt ist.

Schneiderei Geising, Malzbrache 16, 01778 Geising Mo, Di, Do, Fr 8-16 Uhr
Tel. 035056 23 80 20, www.schneiderei-geising.de

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