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Sorge um historische Mühle im Osterzgebirge

Die Fundamente der Illingmühle im Gimmlitztal sacken weg. Dass es keine finanzielle Hilfe gibt, liegt an den Regeln des Denkmalschutzes.

Kürzlich im Großeinsatz: Matthias Schulze, Dieter Popp, Jens Rosenthal und Martin Teller gießen Beton unters Fundament.
Kürzlich im Großeinsatz: Matthias Schulze, Dieter Popp, Jens Rosenthal und Martin Teller gießen Beton unters Fundament. © Karl-Ludwig Oberthür

Es ist einsam an diesem Sommertag im Gimmlitztal - und heiß. Der bunte Sonnenschirm auf einem Leiterwagen an Wegesrand erscheint fast wie eine Fata Morgana. Erst recht sein Inhalt: Volle Wasser- und Limonadeflaschen, dazu eine Spendenkästchen, dahinter Gartenstühle und -tische.

Und dahinter: die Illingmühle. Die weißen Fensterrahmen im dunkel verwitterten Holz zieren blumenbemalte Fensterläden. Eine windschiefe Holzbrücke führt zu einem Eingang, eine zweite zu einem anderen. Altes Werkzeug liegt herum, historische Schilder verschwinden hinter Staub, Kunstwerke stehen da, als wären sie wie die üppigen Blumen aus der Wiese gewachsen. Kurz: die alte Sägemühle wäre die ideale Kulisse für Märchenfilme aller Art.

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Die Wandereridylle trügt: Der Anbau links hinter dem Schirm ist einsturzgefährdet.
Die Wandereridylle trügt: Der Anbau links hinter dem Schirm ist einsturzgefährdet. © Siiri Klose

Mit einem guten Müller als Besitzer. Denn dass Dieter Popp es gut mit dem technischen Denkmal meint, hat er in den letzten 27 Jahren bewiesen. 1994 kaufte er das gesamte Mühlenensemble, zu dem auch ein Wohnhaus und eine Scheune gehört. Ursprünglich ging es ihm darum, ein Haus für seine Familie auszubauen.

Wissen um die Technik weitergeben

Doch obwohl der Physiker, der damals an der Bergakademie in Freiberg arbeitete, bis dahin nichts mit Mühlengräben, Wasserrädern, Generatoren und Sägewerken zu tun hatte, stand für ihn fest: Diese historische Apparatur, die er da mitgekauft hatte, und die mit Wasserkraft rohe Baumstämme in dicke und dünne Bretter zerlegen konnte - die bringt er wieder zum Laufen.

"Das ist doch eine menschliche Meisterleistung! Das Wissen um diese Technik muss man an die folgenden Generationen weitergeben", sagt Popp, befragt nach seiner Motivation, das 4,50 Meter hohe Mühlrad nicht nur wieder in Gang zu bringen, sondern überhaupt erst einmal zu bauen - und nicht nur eins. Schließlich handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von Wasser- und Zahnrädern, bis die Bewegungsenergie des Wassers über Triebriemen in der Bewegungsenergie des Sägegatters umgewandelt ist.

Alte Technik zum Laufen gebracht

Um die 250.000 D-Mark, sagt Popp, habe er damals in das Mühlwerk investiert. Größtenteils in Eigenleistung, Schritt für Schritt, mit seiner Familie und Freunden, auch mit finanzieller Hilfe der oberen Denkmalschutzbehörde und mit viel Freude an der Sache. Längst ist er es gewohnt, Schäden aller Art selbst und mithilfe ähnlich technikbegeisterter Mitstreiter zu beheben. "Dumm nur: Inzwischen sind wir alle 26 Jahre älter geworden", sagt er. Er selbst zählt 70 Jahre.

Als er die Mühle erwarb, stand das Wasserrad bereits seit 60 Jahren still. Als der letzte Illing 1989 starb, wurde das Sägewerk von einem Schwerölmotor angetrieben. Inzwischen ist die Illingmühle mit ihrem imposanten Mühlrad ein beliebtes Ausflugsziel von Schulen, um Kindern und Jugendlichen beim Schausägen die alte Technik vor Augen zu führen. Sogar Mühlenbegeisterte aus England reisten bereits an.

Mauern hängen in der Luft

Doch im letzten Herbst zeigte sich ein existenzieller Bauschaden: In einem der beiden vorderen Anbauten brach plötzlich der Fußboden weg. Nach Popps Recherchen entstanden diese beiden Gebäudeteile nach 1898 für eine Kistenfabrik - auf einer dicken Schicht Sägespäne, die sich im Laufe der Zeit rund um das Sägewerk angesammelt hatte. "Nach 120 Jahren hängen die Mauern nun förmlich 50 Zentimeter in der Luft", sagt Popp.

Im Inneren des Anbaus ist der Schaden deutlich zu sehen: Unter dem Fundament gähnt ein Loch.
Im Inneren des Anbaus ist der Schaden deutlich zu sehen: Unter dem Fundament gähnt ein Loch. © Karl-Ludwig Oberthür

Für eine professionelle Sanierung der Fundamente veranschlagt er 35.000 Euro. "Auch die Denkmalbehörde in Pirna bestätigte die Notsituation nach vier Begehungen", sagt er. Doch 2021 entschied das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege und Denkmalschutz, keine finanzielle Hilfe zu leisten.

1995 wurde die Illingmühle unter Schutz gestellt, "und zwar nicht nur das 'Haupthaus', sondern das gesamte Mühlenensemble", schreibt die Sachbearbeiterin Astrid Wappler vom Landesamt für Denkmalschutz. Die Mühle selbst ließe sich seit 1791 an dieser Stelle nachweisen. "Wie so oft bei Mühlen wurde der Standort kontinuierlich beibehalten und nach dem letzten Brand von 1908 die Schneidemühle samt einer Kistenfabrik 1909 komplett neu errichtet", so Wappler.

Anbau wurde nicht als Mühle genutzt

Ein Messtischblatt von 1938 aber würde den fraglichen Anbau nicht zeigen, folglich sei der später entstanden - anders als der deckungsgleiche daneben. "Die Räume der Kistenfabrik (vermutlich aus den 1940er-Jahren) wurden 1955 als Kinderferienlager umgebaut und dienten als solches bis 1968, hatten also mit der Mühlennutzung nichts mehr zu tun", schreibt Wappler weiter.

In der Denkmalkartierung des Landesamts für Denkmalpflege fehlt der marode Anbau an der Illingmühle gänzlich. Er müsste neben dem kleinen roten Rechteck am Gebäude 103 liegen.
In der Denkmalkartierung des Landesamts für Denkmalpflege fehlt der marode Anbau an der Illingmühle gänzlich. Er müsste neben dem kleinen roten Rechteck am Gebäude 103 liegen. © Landesamt für Denkmalpflege

Deshalb habe die Untere Denkmalschutzbehörde bei genau diesem Anbau "Bedenken, öffentliche Gelder bereitzustellen statt für die historische Bausubstanz." Im Klartext: Von dort kommt kein Geld.

Popp ist mittlerweile gar nicht mehr der Besitzer der Mühle, dafür Vorstandsvorsitzender der "Stiftung Illingmühle Reichenau". In diese Stiftung hat er das Grundstück mitsamt aller Bebauung überführt. Das Ziel der insgesamt vier Stifter sind der Denkmalschutz und die -pflege der Mühle und ihre Öffnung für gemeinnützige Veranstaltungen.

Die beiden Anbauten sind nahezu identisch, aber nur der linke steht unter Denkmalschutz.
Die beiden Anbauten sind nahezu identisch, aber nur der linke steht unter Denkmalschutz. © Karl-Ludwig Oberthür

Erste Hilfe von Mühlenbegeisterten aus Sachsen

Zunächst einmal stand kürzlich ein gemeinnütziger Subbotnik an: Vier Männer aus Augustusburg, die die Illingmühle bei einer Wanderung kennenlernten und von Popps Arbeit begeistert waren, reisten für einen ersten Baueinsatz an. Um den Grundmauern wieder ein Fundament zu geben, legten sie darunter zwei Holzverschalungen an und gossen sie mit Beton aus.

"Damit sind 15 Prozent der Sanierung geschafft", sagt Popp. Auch der Rest, hofft er, ließe sich so vielleicht schaffen: "Jede Hand zählt, und auch jeder Euro." Er hofft, dass sich viele Menschen von dieser alten Wasserenergietechnik begeistern lassen, von der Geschichte der Gimmlitztals und auch davon, einen Ort zu erhalten, an dem jeder gern eine Flasche aus dem Leiterwagen greift und sich auf einen Gartenstuhl setzt. "Die Getränke habe ich hier hingestellt", sagt Dieter Popp, "weil Wanderer sonst nirgends mehr einkehren können hier im Gimmlitztal."

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Spendenkonto für die Illingmühle: Stiftung Illingmühle Reichenau, Ostsächsische Sparkasse, IBAN: DE66 8505 0300 0221 2133 33. Betreff: Spende zur Sanierung. Die Stiftung kann offizielle Spendenbescheinigungen ausreichen. Das Geld verwenden die Stifter zur Material- und Werkzeugbeschaffung.

Wer selbst Hand anlegen möchte bei den Reparatur- und Sanierungsarbeiten, kann sich mit Dieter Popp in Verbindung setzten. Kontakte unter www.illingmuehle.de

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