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Steinbrückmühle originalgetreu aufgebaut

Ein Hartmannsdorfer Uhrmacher baut das versunkene Dorf als Modell wieder auf. Dabei hilft die TU Dresden und modernste Technik. Der Rest ist perfekte Handarbeit.

Mit viel Liebe zum Detail: Der 67-jährige Karl-Heinz Kießlich baut ein Modell des Dörfchens Steinbrückmühle im Maßstab 1:160.
Mit viel Liebe zum Detail: Der 67-jährige Karl-Heinz Kießlich baut ein Modell des Dörfchens Steinbrückmühle im Maßstab 1:160. © Karl-Ludwig Oberthür

Erst mal ein Modell bauen - diese Idee liegt bei Karl-Heinz Kießlich immer nahe. Erst war es die Modelleisenbahn, dann das Schloss Hogwarts, dessen Aufbau er sich in den Harry-Potter-Filmen abschaute: "Dabei bin ich nicht mal Fan", sagt der gelernte Uhrmacher. Fan ist seine Tochter, sie bekam das Miniatur-Hogwarts zur Hochzeit. 

Der Klebstoff von Hogwarts roch noch frisch, als 2018 die Talsperre Lehnmühle beinahe austrocknete und die alte  Steinbrücke des Dörfchens Steinbrückmühle freilegte. Werkstatt und Werkzeug, jede Menge Modellbau-Material und Freude am Tüfteln - all das hatte bei Kießlich noch keinen Staub angesetzt. Flugs saß er an seinem neuen Projekt: Ein Modell des Dörfchens Steinbrückmühle, das im knapp zwei Kilometer entfernten Hartmannsdorf kaum noch einer kannte.

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Zu viel Interesse für Pi mal Daumen

"Ich bin da erst mal so rangegangen wie an meine Modellbahnen", sagt Kießlich. Ein "so könnte es gewesen sein" plus Pi mal Daumen - mehr hatte der 67-Jährige zunächst nicht im Sinn. "Aber dann interessierten sich plötzlich alle für das Modell", erzählt er. Zuletzt kam sogar der MDR-Sachsenspiegel. "Da wuchs bei mir der Anspruch, nicht nur eine Spielerei zu fabrizieren, sondern ein richtiges Diorama." 

Ein Modell des vergessenen Dorfes im Maßstab 1:160. So originalgetreu, wie es nur eben geht. Kießlichs Heimatforscher-Mitstreiter Rico Dittrich, der in Hartmannsdorf aufwuchs und seit ein paar Jahren alles zur Talsperre Lehnmühle und zum Dorf Steinbrückmühle sammelt, sorgte dafür, dass Kießlich nun ein Relief des Dorfes aus dem 3-D-Drucker zur Verfügung steht. 

Grundlagen dafür bildet ein 3-D-Scann des trockengelegten Talsperrenareals von 2018, den Wissenschaftler der TU Dresden anfertigten. "Ungewöhnlich genug, solche Daten zu haben", sagt Kießlich. Denn er weiß jetzt nicht nur von Fotos und Gemälden, wo Bäume gestanden haben müssen, sondern sieht es auch an den Stümpfen, die sich in dem dreidimensionalen Ausdruck abzeichnen. 

Häuschen kleben im Sommerurlaub

Doch der Teufel steckt in noch sehr viel mehr Details: "1925 wurde das Dorf von der Talsperre überflutet", erzählt Kießlich: "Vorher haben sie die Häuser zurück gebaut." Für sein eigenes Wohnhaus in Hartmannsdorf hat der damalige Erbauer auf Baumaterial aus Steinbrückmühle zurückgegriffen - der große Mahlstein in der Fassade legt davon Zeugnis ab. "Aber jetzt lässt sich nicht mehr erkennen, wie damals beispielsweise die Straßen des Dorfes aussahen", sagt Kießlich. Also hat er Bücher gewälzt und in Foren herumgefragt. "Am wahrscheinlichsten ist, dass die Hauptstraße mit Katzenköpfen belegt war." 

Er braucht einen Tag, um aus einem Grundgerüst aus Kupferdraht einen Bergahorn-Baum entstehen zu lassen. Weil er im Alltag nicht immer dazu kommt, hat er die wichtigsten Utensilien in einen Werkzeugkoffer sortiert. "Im Sommerurlaub saß ich dann auf der Terrasse und hab Häuschen geklebt", erzählt er. Auf dem handelsüblichen Modellbaumarkt kann er kaum etwas kaufen. "Die Zeit um 1925 ist dort nicht üblich. Wenn jemand etwas Historisches bauen will, dann meist von 1900."

Modellbau-Szene hilft weiter

Seine Kontakte in die Modellbau-Szene kommen ihm da zugute: Ein Bekannter hat ihm winzige Abziehbilder mit dem Schriftzug "Gaststätte Steinbrückmühle" nach einer historischen Fotografie des Etablissements gefertigt. Sein Schwiegersohn fotografierte mit einer Drohne die Grundmauern, damit er die Häuser richtig anordnen kann. Das heutige Talsperrencafé ist das einzige Haus, das vor der Flutung im Tal durchnummeriert abgebaut und Teil für Teil oben in Hartmannsdorf wieder aufgebaut wurde. Für Kießlich birgt es nun eine Fülle von Daten über die Maße der Fenster und Stockwerke. 

Sogar ein Urenkel von Max Kreher, dem Besitzer der Kreher-Mühle, hat sich gemeldet. Der hatte die vielen technischen Erfindungen seines Urgroßvaters in einem Prospekt zusammengefasst, der eigentlich zum Mühlentag verteilt werden sollte. Auch der Dresdner Holm Zwetkoff wollte seine Porzellan- und Glasscherben, die er 2018 im Uferschlamm fand,  zu Pfingsten zeigen. Sogar eine Maggiflasche mit Originalverschluss aus den 1920er-Jahren und eine Schnapsflasche mit Kaiser-Wilhelm-Porträt ist darunter.

Wegen Corona fiel dieses Jahr zwar alles aus, dafür soll der Mühlentag zu Pfingsten im nächsten Jahr dann den Anlass für eine richtige Ausstellung bilden. Bis dahin sollen im Steinbrückmühlen-Modell sogar hölzerne Klohäuschen in den Gärten stehen. Wie im Original eben auch. 

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